FTD.de » Karriere » Karriere » Harvard für alle
Merken   Drucken   24.08.2012, 15:53 Schriftgröße: AAA

US-Eliteunis: Harvard für alle

Vorlesungen im Internet revolutionieren das Bildungswesen. US-Eliteunis investieren viele Millionen Dollar, um sich mit kostenlosen Kursen zu profilieren. Deutsche Hochschulen legen langsam nach.
von Hamburg

Das Lenkrad dreht sich von selbst, als das Auto in die Kurve fährt. Am Steuer sitzt, tatenlos, Sebastian Thrun und verspricht den Zuschauern seines Onlinekurses über künstliche Intelligenz: "In sieben Wochen könnt ihr lernen, wie man so etwas programmiert." Der erste Kurs des deutschstämmigen Professors lockte bis zu 160.000 Menschen vor den Computer. In seinen Vorlesungen an der US-Eliteuni Stanford sitzen hingegen nie mehr als 200 Studenten. Die müssen sich dafür aber mit exzellenten Noten bewerben und viel Geld für das Studium zahlen. Für den kostenlosen Onlinekurs ist die einzige Zulassungsvoraussetzung ein Internetanschluss.

Angebote wie Thruns Netzvorlesungen sind gerade dabei, in den USA eine Revolution im Bildungswesen auszulösen. Die weltweit freie Verfügbarkeit von Wissen könnte das Studiensystem, so wie wir es seit Jahrzehnten kennen, umwälzen - auch in Deutschland. "Das Ziel ist es, wesentlich mehr Studierende zu erreichen und das Bildungsniveau zu erhöhen", sagte Thrun der FTD. "Es handelt sich um ein Experiment, ob Onlinekurse den Zugriff auf Bildung tatsächlich verbessern können."

Viele Unis und Firmen sind davon überzeugt. Durch Amerika rollt eine Welle neuer digitaler Bildungsprojekte: Hochschulen bauen ihre Webangebote massiv aus, Verlagshäuser steigen in den Markt mit Onlinebildung ein, Uniabsolventen gründen reihenweise Unternehmen, die Wissen weltweit auf Plattformen verfügbar macht. "Onlinekurse werden Teil eines neuen Hochschulmodells sein", prophezeit Hannes Klöpper, Geschäftsführer von Iversity. Das deutsche Startup baut technische Plattformen, auf denen Universitäten ihre Kurse digital verbreiten können. Klöpper ist derzeit in Boston und lotet eine Kooperation mit den Machern von EDX aus.

Ranking Die besten Universitäten der Welt

Das ist das Onlineportal, in das Eliteuniversitäten wie Harvard und das Massachusetts Institute of Technology (MIT) kürzlich 60 Mio. Dollar investiert haben. Die bislang sieben kostenlosen Kurse im Netz sollen Lernwillige weltweit am Wissen der renommierten Unis teilhaben lassen. "EDX bietet Harvard ganz neue Möglichkeiten, unsere Reichweite dramatisch zu erhöhen", sagt Harvard-Präsidentin Drew Faust.

Videos von Vorlesungen sind schon seit 2007 über iTunes kostenlos online zugänglich. Das Revolutionäre an den jetzt lancierten sogenannten Massive Open Online Courses (MOOC) ist ein interaktives Lernumfeld mit Übungen, Hausaufgaben, Feedback der Professoren und manchmal auch Prüfungen. Die Teilnehmer bekommen Abgabetermine und können sich untereinander vergleichen.

Mittlerweile hat Thrun zusammen mit einigen Professorenkollegen eine eigene Lernplattform gegründet, Udacity. Zwei seiner Kollegen aus Stanfords Informatikfakultät sind seinem Beispiel gefolgt und haben Coursera aufgebaut. Die Firma bietet Unis wie Stanford, Princeton und 14 weiteren Eliteuniversitäten die technische Plattform für ihre Online-Kurse. Ein Risikokapitalgeber hat 16 Mio. Dollar in Coursera investiert. Mehr als eine Million Menschen sind bereits auf der Plattform registriert.


Zulassungsfrei
Edx Die US-Eliteunis Harvard, MIT und Berkeley stellen auf Edx.org Kurse kostenlos ins Netz. Unterrichtet werden ausschließlich Themen aus den Naturwissenschaften.
Coursera Das Unternehmen bietet Unis eine Plattform, auf der sie ihre Inhalte online schalten können. 16 Universitäten weltweit machen mit. Angeboten werden 119 Kurse aus 16 Kategorien wie Biologie, Physik, Geistes- und Wirtschaftswissenschaften.
Udacity Das von dem Deutschen Sebastian Thrun in Stanford gegründete Format bringt Professoren und Studenten unabhängig von Unis zusammen. Schwerpunkt der Kurse ist Informatik.
Open HPI Das Angebot des Hasso-Plattner-Instituts in Potsdam konzentriert sich auf IT. Die erste Vorlesung zu Hauptspeicher-Datenbanktechnologie gibt SAP-Gründer Hasso Plattner selbst.

Viele Unis und Firmen sind davon überzeugt. Durch Amerika rollt eine Welle neuer digitaler Bildungsprojekte: Hochschulen bauen ihre Webangebote massiv aus, Verlagshäuser steigen in den Markt mit Onlinebildung ein, Uniabsolventen gründen reihenweise Unternehmen, die Wissen weltweit auf Plattformen verfügbar macht. "Onlinekurse werden Teil eines neuen Hochschulmodells sein", prophezeit Hannes Klöpper, Geschäftsführer von Iversity. Das deutsche Startup baut technische Plattformen, auf denen Universitäten ihre Kurse digital verbreiten können. Klöpper ist derzeit in Boston und lotet eine Kooperation mit den Machern von EDX aus.

Bei diesem Megatrend aus den USA wollen jetzt auch deutsche Hochschulen mitmischen. Der erste Kurs des Hasso-Plattner-Instituts (HPI), der Potsdamer Softwareschmiede des SAP -Gründers, beginnt im September, alle zwei Monate soll ein weiterer folgen. "Wir wollen dabei sein und die Möglichkeiten erforschen", sagt HPI-Direktor Christoph Meinel. Auch die Internationale Hochschule Bad Honnef stellt seit Juni ihre gesamten Onlinevorlesungen gratis ins Netz. "Wir wollen zu den First Movern gehören", sagt Unirektor Kurt Jeschke.

Trotz aller Euphorie über die digitale Wissensrevolution - viele Fragen sind noch offen: Wer prüft das Wissen? Wer erkennt es an? Wer vergibt Abschlüsse? Und: Wer bezahlt dafür?

Hochschulbildung ist in den USA ein Milliardengeschäft. Doch seitdem die Studiengebühren in unfinanzierbare Höhen klettern, suchen die Menschen nach Alternativen zu einem teuren Collegestudium. MOOC könnten eine sein. Doch dafür müssten die Leistungen, die dort erworben werden, überprüft werden. Bei einigen Angeboten ist das bereits jetzt möglich, etwa in Form virtueller Multiple-Choice-Aufgaben. Besteht man den Test, erhält man ein Zertifikat.

Und dafür muss man dann zahlen. Bei Udacity etwa kostet eine Prüfung je nach Kurs zwischen 29 und 89 Dollar. Bei EDX sind Zertifikate bislang gratis, bald soll aber eine Gebühr erhoben werden. Wie hoch die sein wird, ist noch nicht bekannt. Auch das HPI will Zertifikate für seine Kurse vergeben - allerdings gratis. "Im Moment machen wir das ohne Geschäftsmodell", sagt Meinel. Auch die Hochschule in Bad Honnef verdient mit ihren Kursen kein Geld. Die private Uni setzt jedoch darauf, dass durch das kostenfreie Onlineangebot Studenten angelockt werden, die sich dann für die jährlich 3000 Euro teuren Studiengänge einschreiben.

Bei den US-Projekten wird hingegen eifrig über Finanzierungsmöglichkeiten nachgedacht. Coursera nennt in dem Vertrag, den teilnehmende Hochschulen unterschreiben müssen, acht Möglichkeiten, wie sich die digitale Bildung auszahlen könnte. Zum Beispiel über Werbung sowie Weiterbildung und Nachhilfe. Udacity soll sich laut Thrun eines Tages über Headhunter finanzieren, die auf der Plattform nach exzellenten Studenten Ausschau halten dürfen.

Doch wer denkt, er könnte seinen Lebenslauf für ein paar Hundert Dollar mit Zertifikaten großer Namen wie Harvard oder Stanford aufpeppen, wird enttäuscht. Coursera stellt die Zertifikate ohne Hinweis auf die Hochschule aus. Bei EDX wird immerhin eine Verbindung zu den renommierten Instituten hergestellt: Ein an den Namen gehängtes X ist das Unterscheidungsmerkmal - das Zertifikat kommt von MITX oder HarvardX.

Bisher werden MOOC nirgendwo als Studienleistung anerkannt. Wohl auch, weil alle wissen, wie sehr man bei Onlineprüfungen mogeln kann. Bei Coursera, wo sich in den Geisteswissenschaften Studenten gegenseitig ihre Hausaufgaben korrigieren, wurden bereits erste Plagiate entdeckt. Auch bei Multiple-Choice-Tests, mit denen die Leistung in den Naturwissenschaften überprüft wird, können die Onlinestudenten schummeln, ohne dass es jemand merkt. Dagegen würden nur Präsenzklausuren helfen. Udacity-Studenten können sich, so Thrun, jederzeit weltweit, auch in deutschen Großstädten, Prüfungen unter Aufsicht abnehmen lassen. Nicht alles geht online.

  • FTD.de, 24.08.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
Jetzt bewerten
Bookmarken   Drucken   Senden   Leserbrief schreiben   Fehler melden  
Immobilien-Kompass
Immobilien-Kompass Deutschlands beste Wohnlagen

Preise, Mieten und Prognosen für Deutschlands Metropolen und Regionen mit detaillierten Übersichtskarten

Jetzt eigene Wohnlage prüfen

 
Anstatt FTD.de lese ich künftig ... Zum Ergebnis
Alle Umfragen
In eigener Sache
  • An Kiosks in der ganzen Republik hieß es am letzten Erscheinungstag der FTD: Zeitung vergriffen! Der Hype um die Schlussausgabe trieb merkwürdige Blüten. Der Verlag druckte 30.000 Exemplare nach. Wer keines abbekam - bestellen ist möglich. mehr

  •  
  • blättern
Zwischen Leben und Arbeiten
Work-Life-Balance

Die FTD hat zusammen mit dem GfK Verein die umfassendste bundesweite Studie zum Thema Work-Life-Balance veröffentlicht. Die Ergebnisse und mehr zum Thema finden Sie hier. Die Studie können Sie hier kaufen. mehr

Folgen Sie der FTD auf Twitter
Werden Sie Fan der FTD auf Facebook
  • Sie waren ein Herzstück der Zeitung und pointiert, scharf, teils brillant: Ihre Kolumnen, Leitartikel und Kommentare haben die FTD entscheidend geprägt. Zum letzten Mal: Unsere Kolumnisten sagen, was Sache ist. mehr

  •  
  • blättern
© 1999 - 2013 Financial Times Deutschland
Aktuelle Nachrichten über Wirtschaft, Politik, Finanzen und Börsen

Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!

Impressum | Datenschutz | Nutzungsbasierte Online Werbung | Disclaimer | Mediadaten | E-Mail an FTD | Sitemap | Hilfe | Archiv
Mit ICRA gekennzeichnet

Geldanlage | Altersvorsorge | Versicherung | Steuern | Arbeitsmarkt | Energiewende | Ökostrom | Auto | Quiz | IQ-Test | Allgemeinwissen | Solitär | Markensammler