Hörgeräte sind heute technologische Wunderwerke, und der kleine Computer im Ohr wird immer leistungsfähiger. "Deshalb benötigen unsere Mitarbeiter und Vertriebspartner in aller Welt regelmäßig Schulungen", sagt Daniel Stoller-Schai, Education Design Manager bei Phonak. Mit einem Marktanteil von 19 Prozent ist der Mittelständler aus dem schweizerischen Stäfa weltweit der drittgrößte Hörgeräteanbieter und liefert seine Produkte an Händler und Akustiker in mehr als 70 Länder.
Damit Mitabeiter, Händler und Akustiker auf dem Laufenden bleiben, hat Phonak bisher regelmäßig Seminare angeboten, ein- bis zweimal pro Jahr, an verschiedenen Orten rund um den Erdball. "Damit stoßen wir zunehmend an Grenzen", sagt Stoller-Schai. Schließlich gibt es ständig neue Entwicklungen und innovative Produkte. Entweder müsste Phonak mehr Trainer einstellen und schulen - oder das Konzept überdenken. Letzteres haben die Schweizer getan und vor einem halben Jahr das Webportal "Phonak iLearn" eingerichtet.
"iLearn" bietet Liveseminare im Web an. Mehr als 1000 Vertriebsmitarbeiter, Akustiker und Händler aus den verschiedenen Ländern schalten sich dafür zur festgelegten Zeit per PC oder Notebook einfach dazu - unabhängig davon, wo sie sich gerade befinden. Wird eine Webcam am Computer angeschlossen, kann der Trainer die Teilnehmer sogar sehen. Fragen lassen sich per Chatfunktion oder Internettelefonie stellen und werden vom Trainer sofort beantwortet.
Zusätzlich zu den virtuellen Liveseminaren bietet "iLearn" beispielsweise Produktpräsentationen in Form von vertonten Powerpoint-Vorträgen oder komplette Onlinetrainingskurse mit Fragen und Lernerfolgskontrollen als Konserve. Diese Angebote können nach Bedarf genutzt werden. "Wir sparen damit unter dem Strich nicht nur deutlich Kosten ein, sondern können auch viel schneller agieren und verbessern zudem durch den regelmäßigeren Kontakt die Kundenbindung", zählt Daniel Stoller-Schai die Vorteile auf.
Um an einem virtuellen Seminar - kurz "Webinar" genannt - teilzunehmen, reicht ein Flash Player aus - und der ist heute bereits auf 98 Prozent aller Computer mit Internetzugang installiert. "Dadurch machen auch Firewalls in den Unternehmen keine Probleme, und zusätzliche Softwareinstallationen, für die eventuell Administratorenrechte benötigt werden, sind nicht notwendig", sagt Fritz Fleischmann. Er ist Geschäftsführer von Adobe in Deutschland, dem Anbieter der auch von Phonak genutzten Webconferencing-Plattform Breeze.
Bislang setzen vor allem Firmen aus der Informationstechnologie (IT) auf Webinare. Ob SAP, Microsoft, Cisco, Trend Micro oder RedDot Solutions: Das virtuelle Schulungsangebot ist mittlerweile umfangreich. Der Computerkonzern Hewlett-Packard etwa hat für seine Partner und Mitarbeiter sogar eine eigene Webinar-Academy eingerichtet, die zahlreiche Onlinekurse bereitstellt.
In Berlin bietet RA-Micro Software seinen Kunden kostenlose Live-Schulungen über das Netz an. Die halbstündigen Lerneinheiten des Kanzleisoftwareanbieters erstrecken sich auf alle relevanten Arbeitsbereiche innerhalb einer Kanzlei: von der Aktenablage über Finanzbuchhaltung und Mahnverfahren bis hin zu notariellen Angelegenheiten. RA-Micros Programmdirektor Dirk Quednau erhofft sich, dass "unsere Kunden die Möglichkeiten unserer Software noch besser als bisher nutzen". Wird ein Lernmodul verpasst, kann es als Aufzeichnung abgerufen werden - dann allerdings ohne die Chance, direkt Fragen zu stellen.
Noch ist RA-Micro eine Ausnahme. Insgesamt habe "Europa beim Einsatz von Webconferencing-Lösungen einen erheblichen Nachholbedarf gegenüber den Vereinigten Staaten", sagt Paul Ritter, Senior Analyst beim Marktforschungsinstitut Wainhouse Research in Boston. Das lässt sich mit Zahlen belegen: Betrug der Markt für Webkonferenzen 2003 in den USA 447 Mio. $, lag der Umsatz in Europa im selben Zeitraum gerade einmal bei 37 Mio. $. Bis 2009 werden auf dem alten Kontinent allerdings jährliche Wachstumsraten von rund 30 Prozent erwartet.
Fast verdoppeln soll sich der Umsatz bei der Kommunikation mit "On Demand Rich Media" (ODRM). Darunter versteht Wainhouse Research die Kombination von Audio, Video, Grafik, Geschäftsdokumenten und anderen visuellen Elementen, die sowohl live in Echtzeit als auch bei Bedarf als Konserve angeschaut werden können. Für 2007 prognostizieren die Analysten für ODRM einen weltweiten Umsatz von mehr als 1 Mrd. $, da sich mit dem Multimediamix die besten Lernerfolge erzielen lassen.
Das gilt zumindest für die technischen Voraussetzungen: Darüber hinaus gibt es ja noch die Schwierigkeit, den Stoff in den Hirnen der Lernenden zu verankern.
"ODRM wird in Zukunft ein wesentlicher Weg sein, über den Unternehmen ihre Kunden, Handelskanäle, Mitarbeiter und strategischen Partner erreichen und ihnen schnell Wissen vermitteln", sagt Wainhouse-Analyst Ritter. Dabei beruhen die Hoffnungen vor allem auf dem Durchbruch der gemeinsamen Übertragung von Daten und Sprache auf Basis des Internetprotokolls (Voice over IP). Ritter: "Damit wachsen die heutigen Kommunikationsinseln zusammen."
Bei den Webinaren hapert es häufig an der Sprachkommunikation - dafür muss eine separate Telefonkonferenz freigeschaltet werden. Das sei nicht das einzige Problem, sagt Matthias Rückel, Inhaber des Beratungsunternehmens InCommunication. "Bei meinen Versuchen mit verschiedenen Systemen war meist das Know-how eines IT-Profis notwendig, um funktionierende Videokonferenzen zustande zu bringen." Bilder in Briefmarkengröße und schlechter Qualität, auf denen die Mimik des Sprechers nicht zu erkennen war, ließen kaum besondere Lernfreude aufkommen.
Das soll sich mit Voice over IP schon bald ändern. Weiterbildung am Schreibtisch, darauf setzt Marktforscher Ritter, wird in wenigen Jahren wegen ihrer einfachen Handhabung in vielen Unternehmen zum Alltag gehören.
Rapid E-Learning ist ein neuer Trend im Bereich Weiterbildung. Dabei werden Powerpoint-Präsentationen in kleine Lernprogramme umgewandelt, die über das Web zur Verfügung gestellt werden.
Trend Rund die Hälfte der zu lösenden Trainingsaufgaben in den Firmen fällt mittlerweile unter die Kategorie Rapid E-Learning, hat das amerikanische Beratungsunternehmen Bersin & Associates festgestellt.
Verfallszeit Viele Lehrinhalte sind bereits nach drei bis sechs Monaten nicht mehr aktuell. Dieser Zeitraum wird schon benötigt, um herkömmliche Lernmodule überhaupt herstellen zu können.
Sparen Traditionelle Web Based Trainings kosten je nach Komplexität zwischen 1000 Euro und 35.000 Euro pro Stunde. Kurse für Rapid E-Learning sind mit weniger als 2000 Euro pro Trainingsstunde deutlich billiger.