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Merken   Drucken   01.10.2012, 13:56 Schriftgröße: AAA

Warren Buffetts Sohn im Interview: "Ich bin ein unglaublicher Glückspilz"

Howard Buffett ist der älteste Sohn des legendären US-Investors Warren Buffett. Im Interview mit dem FTD-Schwestermagazin Börse Online spricht der 57-Jährige über das Erfolgsgeheimnis seines Vaters, seine zukünftige Rolle in der Beteiligungsgesellschaft Berkshire Hathaway und 3000 missglückte Bärenfotos.
von Gisela Baur

Herr Buffett, wenn Sie in einem Formular Ihren Beruf angeben müssen, was tragen Sie ein?

Das ist eine gemeine Frage, ich habe mehrere Berufe.

Das kann man wohl sagen: Sie sitzen im Aufsichtsrat von Berkshire Hathaway , sind Farmer und ein guter Fotograf. Doch die meiste Zeit arbeiten Sie für Ihre wohltätige Stiftung.

Meine Mutter würde Ihnen sagen, dass ich mich schnell langweile, meine Frau, dass ich nicht still sitzen kann. Ich bin ein neugieriger Mensch, das treibt mich an. Ich hatte nie geplant, Farmer zu werden. Als ich anfing, wusste ich nichts darüber. Aber ich hatte einen College-Freund, der von einer Farm kam und mir alles beigebracht hat. Ich wollte lernen - und er war geduldig. So gut wie alles, was ich heute mache, ist einfach so passiert. Wer neugierig ist, kann einiges in seinem Leben machen.

Sie waren offenbar mehr als nur neugierig. Immerhin sind Sie in vielen Dingen, die Sie tun, außergewöhnlich erfolgreich.

Ich war nie gut darin, mich lange auf etwas vorzubereiten. Mein erster Fototrip nach Alaska zum Beispiel: Ich wollte Bären fotografieren und habe ungefähr 3000 Bilder gemacht. Aber der Himmel war immer bewölkt und die Bären schwarz. Kein einziges Bild ist gut geworden. Da habe ich eingesehen, dass ich mir die Zeit nehmen muss, etwas über die Theorie der Fotografie und über Belichtung zu lernen. Aber in der Regel lerne ich beim Tun.

Welchen der Berufe mögen Sie am meisten?

Das kann ich nicht sagen. Ich liebe meine Farm, aber das beschäftigt mich nur im Frühling und im Herbst. Die Geschäftswelt ist für mich total spannend; ich bin ausgesprochen gern in einigen Aufsichtsräten. Das Tolle an der Stiftungsarbeit ist, dass es einen in die Probleme anderer verwickelt und man etwas für andere tut. Und meine Arbeit als Fotojournalist: Die Geschichten der Menschen, die ich treffe, verändern mich. Man sieht unglaublich Gutes und unglaublich Schreckliches. Und man merkt, wie gut es einem selbst geht.

Howard Buffett, Sohn des Berkshire Hathaway-Chefs Warren Buffett   Howard Buffett, Sohn des Berkshire Hathaway-Chefs Warren Buffett

Fühlen Sie sich manchmal schuldig?

Nein, denn ich bin für das Unglück nicht verantwortlich. Aber ich bin verantwortlich, daran mitzuarbeiten, etwas zu verändern.

Sie sitzen im Board of Directors von Berkshire Hathaway. Was ist das Besondere an diesem Job bei einem der größten Unternehmen der Welt?

Das ist bei Berkshire Hathaway keine andere Aufgabe als bei anderen börsennotierten Unternehmen. Die wichtigste Aufgabe des Aufsichtsrats ist es, die Interessen der Aktionäre zu schützen. Das heißt die bestmögliche Führungsriege für die Firma auszuwählen. Es heißt Risiken zu kontrollieren und die grundlegende Strategie festzulegen. Im Wesentlichen ist man als Aufsichtsratsmitglied ein Risikomanager.

Das dürfte bei Berkshire schwieriger sein als bei vielen anderen Unternehmen ...

Das ist die Herausforderung bei jedem großen Konzern. Klar haben wir mit 200.000 Angestellten sicher mehr Risiken und Verantwortung als kleinere Firmen.

In anderen großen Unternehmen sind die Geschäfte aber nicht so diversifiziert. Bei Berkshire Hathaway gibt es Versicherungen, Derivate, Konsumgüter, Energie und vieles mehr - und jede Branche hat ihre eigene Systematik und Risiken. Wie bleiben Sie da in jedem Bereich auf dem Laufenden?

Man muss anderen vertrauen. Die zentrale Aufgabe ist es, gute Manager zu finden, um sicherzustellen, dass sie die Unternehmenskultur leben und nach unten durchsetzen.

Genau diese Kultur ist Ihrem Vater Warren enorm wichtig. Vor Kurzem bestimmte er Sie als einen seiner Nachfolger. Sie sollen als "nichtoperativer" Chef von Berkshire dafür zuständig sein, dass die Berkshire-Kultur Ihren Vater überdauert. Wie soll das gehen?

Über die Manager. Sicher ist keiner unserer Manager leicht zu ersetzten, aber jeder hat ein erstklassiges Team hinter sich. Wir haben also in der Regel bereits einen potenziellen Nachfolger im jeweiligen Unternehmen - in einer verantwortlichen Position. Über die Jahre hat sich bei Berkshire eine starke Tradition entwickelt, wie Nachfolgefragen gelöst werden.

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Was macht einen Berkshire-Manager aus?

Es ist jemand, der unsere Kultur lebt. Der wirklich nachdenkt und viel gesunden Menschenverstand mitbringt. Jemand, der die Werte des Unternehmens um jeden Preis schützt, der an die Aktionäre denkt. Es gibt in der Welt nicht viele Unter­nehmen, die sagen können, dass all ihre Manager so sind.

Was ist das Erfolgsgeheimnis Ihres Vaters?

Ganz einfach: Er ist gut. Ich glaube nicht, dass es ein Geheimnis gibt, sondern es sind viele Faktoren, die zusammenkommen. Vor allem liebt er, was er macht. Das ist wichtig. Er hatte sehr viel Unterstützung von meiner Mutter und konnte sich dadurch immer auf seine Arbeit konzentrieren. Und er wurde nie von seinem Erfolg aufgefressen. Er machte einfach immer weiter, blieb bei seinen Kompetenzen und immer unabhängig. Und er ist unglaublich geduldig.

Die meisten Investoren sind das nicht ...

Genau, dadurch denken und handeln sie anders. Und mein Vater ist unfassbar gut darin, Gefühle und Entscheidungen voneinander zu trennen. Ich habe niemand anderen getroffen, der so rationale und praktische Entscheidungen treffen kann.

Das klingt ein bisschen kalt und herzlos!

Die Fähigkeit, sehr rational zu entscheiden, heißt ganz sicher nicht, dass mein Vater keine Gefühle oder Werte hat. Im Gegenteil: Er ist mit sehr vielen Menschen eng verbunden und hat ganz feste Moralvorstellungen. Aber er trifft eben keine schlechten Geschäftsentscheidungen, weil irgendwelche Emotionen mitspielen.

Warren Buffett, Berkshire Hathaway-Chef   Warren Buffett, Berkshire Hathaway-Chef

Und dennoch: Irgendwann wird es einen neuen Chef an der Konzernspitze geben. Immerhin ist Ihr Vater bereits 81 Jahre alt ...

Im Moment gibt es ein Dutzend Manager, die ein hervorragender Chef des Gesamtkonzerns wären. Jeder, der für Berkshire arbeitet, weiß, dass Veränderungen kommen werden. Wenn es so weit ist, werden wir entscheiden müssen, wie es weitergeht. Aber es gibt genügend Talente.

Wie sehr wird sich Berkshire verändern, wenn Warren Buffett nicht mehr da ist?

Es gibt einen fertigen, guten Plan. Kein Aktionär kann mehr erwarten.

Und was geschieht mit Berkshire, wenn die Mehrheit nicht mehr in der Hand der Familie und ihren Freunden liegt? Immerhin verschenkt Ihr Vater jedes Jahr gigantische Aktienpakete an verschiedene Stiftungen. Wann ist die Mehrheit der Stimmen aufgegeben?

Das kann niemand ausrechnen. Denn wir wissen nicht, welche Stiftungen ihre Aktien wann verkaufen, und es gibt auch einige Manager, die Anteile kaufen. Aber natürlich: Irgendwann gibt es bei Berkshire andere Mehrheiten. Doch dann wird die Welt anders aussehen und Berkshire auch - niemand kann so weit vorausplanen. Bleibt nur die Gewissheit, dass wir bis dahin noch einen langen, guten Lauf vor uns haben.


 
Howard Buffett ist der älteste Sohn von Warren Buffett und Aufsichtsrat von Konzernen wie Berkshire Hathaway und Coca-Cola. Der 57-Jährige widmet sich vor allem seiner Stiftung. Buffett junior ist Sonderbotschafter der Vereinten Nationen gegen Hunger und bewirtschaftet mehrere Farmen in den USA und Südafrika. Als Fotograf und Journalist veröffentlichte er mehrere Bücher und Artikel. ­Buffett ist verheiratet und hat einen Sohn und vier Töchter.

Warum spielen Ihre Geschwister bei Berkshire künftig keine Rolle?

Jeder von uns macht etwas anderes, unsere Leben sind verschieden, es wäre nicht sinnvoll, wenn wir alle dasselbe machen.

Ihr Vater hat jedem vor einigen Jahren einige Millionen Dollar für eine eigene Stiftung geschenkt. Wie haben Sie reagiert?

Dass ich neue Aufgaben einfach anpacke, hat mir hierbei ganz besonders geholfen. Es gibt keine Schule oder Ausbildung dafür, wie man jedes Jahr 50 Mio. Dollar sinnvoll verschenkt. Dazu braucht es Menschenverstand, Experimentieren, viel Geduld, viel Leidenschaft und einiges an Geschäftssinn. Ich musste viel lernen.

Was zum Beispiel?

Dass es viele gute Projekte gibt, die Menschen helfen, aber nicht viel ändern. In einigen armen Ländern gibt es große fundamentale Strukturprobleme, in den Verwaltungen und der Politik demokratische Mängel. Arme Länder sind verschieden, aber der Erfolg hängt wesentlich davon ab, inwieweit diese Länder ihre Strukturprobleme lösen. Demokratie und freie Presse sind die Schlüsselfaktoren - ohne diese gibt es zu viele Möglichkeiten, die Macht zu konzentrieren. Das hemmt jede Entwicklung. Ich habe also gelernt, dass wir zwar viele schöne Fünf-Jahres-Projekte mit 5-Mio.-Budget machen können - sie ändern aber nachhaltig nicht wirklich etwas. Zum Beispiel in einem Land wie Simbabwe: Es muss sich erst selbst ändern.

Was können Sie dazu beitragen?

Alles, was wir tun können, ist nach besseren Antworten zu suchen, die helfen, dass die Menschen ihre eigenen Probleme lösen können. Heute ist unsere Stiftung ganz anders aufgestellt als am Anfang. Aber letztendlich müssen wir auch Fehler machen, um daraus zu lernen.

Machen Sie bei der Stiftung alles selbst?

Ich habe eine hervorragende Leiterin für meine Stiftung gefunden, die sich um alle operativen Angelegenheiten kümmert. Ich bin 80 Prozent meiner Zeit unterwegs, ich komme in die USA, um meine Farm zu versorgen oder an Aufsichtsratssitzungen teilzunehmen. Sonst bin ich irgendwo ... deshalb kann ich die Organisation nicht selbst übernehmen.

Was ist der Schwerpunkt Ihrer Stiftungsarbeit?

Wir arbeiten vor allem im Bereich Landwirtschaft. Unser regionaler Schwerpunkt hat sich von Afrika in die armen Länder Lateinamerikas verschoben. Wir versuchen, Modelle und Ideen zu entwickeln, die Regierungen aufgreifen können - wir haben mit dem World Food Programme dafür einen mächtigen Partner.

Warum kümmern Sie sich vor allem um Ernährung?

Landwirtschaft ist meine Leidenschaft. Es ist ein Grundbedürfnis. Deshalb finde ich meine Aufsichtsratsarbeit bei Coca-Cola  auch so spannend. Kaum jemand weiß, dass Coca-Cola zum großen Teil ein landwirtschaftliches Unternehmen ist.

Auf der einen Seite hat Ihnen Ihr Vater eine finanzkräftige Stiftung für soziale Zwecke geschenkt, auf der anderen Seite werden Sie von seinem gigantischen Vermögen kaum etwas erben. Macht Sie das nachdenklich?

Ich bin ein unglaublicher Glückspilz. Meine Eltern haben so viele Türen zu verschiedenen Themen und zu den verschiedenen Teilen der Welt für uns aufgemacht - das ist doch in Wahrheit das größte Geschenk. Ich erinnere mich, dass ich als Schüler die Chance hatte, im Jahr 1969 nach Europa zu fliegen. Meine Mutter hatte Bedenken, mich allein über den Atlantik zu schicken. Es war immerhin mitten im Kalten Krieg. Wir diskutierten heftig, bis mein Vater plötzlich im Wohnzimmer von seiner Zeitung aufsah und sagte: "Susan, lass ihn fahren, das tut ihm gut." Diese Reise hat mich geprägt - welches 14-jährige Kind bekommt schon eine solche Chance?

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  • boerse-online.de, 01.10.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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