Sie wirkt schmächtig, wie sie da auf dem schwarzen Stuhl mit der überdimensionierten Rückenlehne sitzt. Die schwarze Robe tut ihr Übriges. Wenche Elisabeth Arntzen scheint auf einem Platz zu sitzen, der ihr eine Nummer zu groß ist.
Doch am heutigen Freitag wird die Richterin vermutlich wieder das Gegenteil beweisen. Um zehn Uhr wird sie das Urteil im Prozess gegen den Terroristen Anders Behring Breivik sprechen. Der Norweger hatte am 22. Juli vergangenen Jahres mit einer Bombe und Schusswaffen 77 überwiegend junge Menschen getötet.
Arntzen hat die Aufgabe, ihm den Prozess zu machen. Und bisher macht sie ihre Sache gut. Die 53-Jährige geht kühl und sachlich vor, lässt sich durch so gut wie nichts aus der Ruhe bringen.
Als während der Verhandlungen die Obduktionsberichte der ermordeten Jugendlichen vorgelesen wurden und die Angehörigen Erinnerungsworte aussprechen durften, da kamen auch ihr die Tränen. Sie hatte erlaubt, dass die Familien der Opfer ein paar Worte zu den Toten sagen dürfen. Dadurch wurde vielen Zuhörern noch mal ganz deutlich, was Breivik angerichtet, welche Leben er zerstört hatte. Arntzen hat die notwendige Nüchternheit einer Richterin, zeigte während des Prozesses aber auch Gefühle. Das verschaffte ihr Sympathie.
Es ist nicht Arntzens Entscheidung über das Strafmaß, das die Öffentlichkeit am meisten bewegt. Wegen der Grausamkeit der Taten gehen alle von der Höchststrafe aus.
Die entscheidende Frage ist, ob das Gericht Breivik für zurechnungsfähig hält oder nicht. Es gibt zwei Gutachten, in denen unterschiedliche Schlussfolgerungen gezogen werden. Sollte Arntzen den Attentäter für unzurechnungsfähig erklären, dann, so hat er angekündigt, will er in Berufung gehen. Weitere Prozesstage wären eine Qual für Angehörige und für das Land. Doch die Richterin darf ihre Entscheidung nicht davon abhängig machen.
Wie in Norwegen üblich begrüßte Richterin Arntzen den Angeklagten Breivik zu Prozessbeginn mit Handschlag - eine Geste, die im Ausland mit Erstaunen aufgenommen wurde und bei manch einem die Befürchtung weckte, der Angeklagte werde womöglich zu gut behandelt.
Doch je länger der Prozess dauerte, desto klarer wurde, dass weder Arntzen noch die Staatsanwältin Breivik bevorzugt behandeln. Die Richterin stellte kühl und sachlich ihre Fragen, wies Anwälte und den Angeklagten mit wenigen Worten in die Schranken, wenn diese abzuschweifen oder unsachlich zu werden drohen. "Wir gehen an die Aufgabe mit Demut heran", sagte sie unmittelbar nach ihrer Ernennung zur zuständigen Richterin im Dezember 2011.
Seit 2007 arbeitet sie am Gericht in Oslo. Ihr Jurastudium hatte sie 1986 abgeschlossen. Anschließend arbeitete Arntzen unter anderem als Anwältin. Mit besonderen Aufgaben ist sie vertraut: Seit 2009 sitzt sie im vom Parlament ernannten Ausschuss, der die Sicherheitsdienste kontrollieren soll.
Arntzen entstammt einer Juristenfamilie und ist auch mit einem Juristen verheiratet. Vom Vater und auch vom Großvater weiß sie, was es heißt, an entscheidender Stelle an aufsehenerregenden Prozessen beteiligt zu sein. Ihr Vater war Anwalt eines Spions, und ihr Großvater war Staatsanwalt, als Unterstützer der deutschen Besatzer angeklagt wurden. Beide Prozesse gingen in die norwegische Rechtsgeschichte ein. Doch Arntzens Fall, so viel ist sicher, hat international Bedeutung.