FTD.de » Karriere » Karriere » Die Ära der Alleskönner
Merken   Drucken   10.11.2012, 12:26 Schriftgröße: AAA

Work-Life-Balance: Die Ära der Alleskönner

Sie sind jung, gebildet und leistungsbereit - aber nicht um jeden Preis. Eine neue Generation regelt das Zusammenspiel von Beruf und Privatleben anders. Und ist dabei, unsere Arbeitswelt zu revolutionieren.
© Bild: 2012 FTD/Malte Knaack
Sie sind jung, gebildet und leistungsbereit - aber nicht um jeden Preis. Eine neue Generation regelt das Zusammenspiel von Beruf und Privatleben anders. Und ist dabei, unsere Arbeitswelt zu revolutionieren.

Um die Jahrtausendwende war es nur so eine Ahnung. Da war der junge Unternehmensberater, der seinen gut bezahlten Job hinschmiss, um einer strauchelnden Kindertagesstätte auf die Beine zu helfen. Oder der Investmentbanker, den es zur heimischen Sparkasse zog, um mehr Zeit für Frau und Kinder zu haben. Studenten, die bei Assessment-Centern großer Unternehmen erklärten, kein Interesse an einer Managerkarriere zu haben.

Seit etwa zwei Jahren sprechen immer mehr Wissenschaftler und Personalchefs von der mysteriösen Generation Y, der Geld und Status nichts bedeuten, die nach sinnstiftender Arbeit strebt, nach Selbstverwirklichung und Glück.

Nur: Stimmt das? Gibt es diese gesellschaftliche Gruppe, die das Zusammenspiel von Arbeit, Familie und Freizeit neu definiert? Oder ist sie das Produkt pfiffiger Personalberater auf der Suche nach einer neuen Story? Vereinzelte, zum Trend hochstilisierte Bullerbü-verträumte Individualisten und Karriereverweigerer?

Die Antwort lautet: Doch, es gibt sie. Mehr noch: Diese Gruppe ist in Deutschland bereits heute das größte Milieu unter den Berufstätigen, ob in Konzernen oder im Mittelstand.

Um diesem Wertewandel auf die Spur zu kommen, haben die FTD und der GfK Verein Deutschlands umfassendste Studie zum Thema Work-Life-Balance erstellt. Über mehrere Wochen wurden bundesweit Selbstständige, Freiberufler und Angestellte zu ihren Ansichten über Arbeit, Familie und Freizeit befragt, insgesamt 2655 Personen. Damit ist die Studie repräsentativ für die gesamte arbeitende Bevölkerung und alle Unternehmen in Deutschland.

In diesem Spezial zeichnet die FTD mit Analysen, Grafiken, Interviews und Kommentaren ein detailliertes Bild unserer sich wandelnden Arbeitsgesellschaft. Und zeigt die tiefgreifenden Folgen auf, die sich daraus ergeben.

Unter den vier Gruppen, in die sich die arbeitende Bevölkerung unterteilen lässt, sind ein paar alte Bekannte: Die Berufsorientierten, die Job und Karriere alles andere unterordnen. Die Familienorientierten, die für die Lieben zu Hause genau das Gegenteil tun. Auch die Unabhängigen, die sich sowohl beruflich als auch privat nicht gern festlegen lassen, sind als Individualisten schon in anderen soziologischen Studien aufgetaucht. Ein Segment aber ist neu.

Es hat nichts mehr mit den Rollenmustern zu tun, wie wir sie kennen. Und es ist dabei, unsere Arbeitswelt grundlegend zu verändern.

Die Vereinbarer   Die Vereinbarer

Sie sind jung, sie sind gebildet, sie blicken optimistisch in die Zukunft - und sie sind der Ansicht, dass sich Arbeit, Familie und Freizeit auch ganz anders organisieren lassen, als es ihre Eltern getan haben. Berufstätig sein und gleichzeitig Kinder haben, das geht, und diese Gruppe lebt es vor - und zwar beide Partner. Beide verdienen, teilen sich aber auch die Familienarbeit. Mit der klassischen Hausfrauenehe können die Vereinbarer wenig anfangen. Hier ist sie, die ominöse Generation Y, für die Geld zwar wichtig ist, aber nicht alles. Für die der Spaß im Job mehr zählt als der Dienstwagen.

Besonders bei den gut Ausgebildeten und Besserverdienenden zeigt sich der Unterschied zur älteren Generation: Die unter 35-Jährigen arbeiten im Schnitt zwei Stunden weniger als ihre erfahreneren Kollegen und haben dadurch deutlich mehr Zeit für private soziale Kontakte - oder besser: Sie nehmen sie sich. Weit mehr Zeit als andere verbringen sie im Internet, auf Facebook oder mit ihrem Smartphone und klagen trotzdem seltener über Stress.

So viel Harmonie hat natürlich eine Kehrseite: In der beruflichen Hierarchie stehen die Vereinbarer ein bis zwei Stufen unter ihren Kollegen mit einem eher traditionellen Arbeitsverständnis. Was an der geringeren Berufserfahrung liegen könnte. Oder daran, dass ein Aufstieg um jeden Preis für die Vereinbarer nicht infrage kommt. "Es gibt in dieser Gruppe Leute, die bestimmte Jobs einfach nicht machen wollen", sagt Studienleiter Ronald Frank vom GfK Verein. Weil sie dafür zu viele persönliche Freiheiten aufgeben müssten. Und man sie mit einem kräftigen Gehaltsplus oder größerer Verantwortung nicht locken kann.

Was ist denn das für ein Beruf?

Wissen Sie, womit sich ein Glaziologe beschäftigt? Oder wofür sich ein Numismatiker interessiert? Testen Sie in unserem Quiz, wie gut Sie sich mit Berufen aus Wissenschaft und Forschung auskennen.

Was untersucht der Proktologe?

Alle Tests

Doch woher kommt dieses neue Denken? Wie ist diese Gruppe entstanden? Es gibt nur Indizien. Der gewachsene Wohlstand etwa, der Menschen nach anderen Zielen streben lässt als Geld. Die moderne Erziehung, die Kinder lehrt, sich selbst in den Mittelpunkt ihres Lebens zu stellen."Es sieht so aus, als ob der Wertewandel, der unsere Gesellschaft bereits vor Jahrzehnten erfasst hat, erst jetzt in den Spitzen unseres Wirtschaftssystems angekommen ist", sagt Frank. "Solche Ergebnisse wären vor 20 Jahren noch schwer vorstellbar gewesen."

Es sind nicht nur Hochqualifizierte und Studierte, die so denken. Die Vereinbarer machen 30 Prozent der arbeitenden Bevölkerung in Deutschland aus - quer durch alle Schichten. Auch die städtische Angestellte wünscht sich die Möglichkeit, teilweise von zu Hause arbeiten zu können, so mancher Fabrikarbeiter würde gern mal eine Auszeit nehmen - wenn es möglich wäre. Jeder vierte Berufstätige glaubt, dass sein Arbeitgeber in Sachen Vereinbarkeit von Familie und Beruf etwas verbessern kann. Das laut zu sagen wagen aber offenbar die wenigsten.

Die ersten Abhandlungen über die postmoderne Gesellschaft, in der materielle Werte an Bedeutung verlieren, erschienen bereits vor 30 Jahren. 1986 rief der Soziologe Ulrich Beck das Zeitalter der Individualisierung aus. An der Realität in den Unternehmen änderte das zunächst nichts. Im Gegenteil. "Make money, make more money" wurde in den 1990ern zum Credo, Dotcom-Boom und Aktienhype ließen diejenigen, die mehr Menschlichkeit in der Geschäftswelt anmahnten, wie bedauernswerte Spinner aussehen. Selbst nach dem Platzen der Internetblase blieb Gier etwas Gutes, nun waren es die Hedge-Fonds-Manager, Private-Equity-Unternehmer und Derivatehändler, die tagsüber schufteten und nachts wilde Partys feierten. Von Frankfurt über London nach Manhattan im Learjet, 80-Stunden-Woche und die Taschen voller Geld.

Der Vereinbarer entstanden daneben lautloser, unauffälliger; ohne ihre Dominanz zu ahnen.

Die Berufsorientierten   Die Berufsorientierten

Es gibt sie immer noch, die karriereorientierte Spezies, sie macht sogar fast ein Viertel aller Berufstätigen aus. Auch für junge Menschen hat dieses Leben für den Job noch seinen Reiz, immerhin 19 Prozent der unter 30-Jährigen fallen in diese Gruppe. Es ist also keineswegs so, dass die Work-Life-Balance-Welle das Milieu der Workaholics einfach so davongespült hätte. Aber es hat seine gesellschaftliche Prägekraft verloren.

Für die Berufsorientierten ist und bleibt die Karriere der Dreh- und Angelpunkt ihres Lebens. Zwei Drittel der Angehörigen dieser männlich dominierten Gruppe sind bereit, für ihre Arbeit auf Hobbys zu verzichten, die Hälfte würden ihre Freunde vernachlässigen, 30 Prozent ihre Gesundheit missachten, jeder Vierte auch den Partner und die Familie.

Glücklich sind die Arbeitstiere mit ihrer Situation zwar nicht: Knapp 70 Prozent klagen über Zeitdruck und Stress, der Mangel an Privatleben wird als belastend wahrgenommen, Ehekrisen, Lebenskrisen, Schlafstörungen und Gesundheitsbeschwerden treten überdurchschnittlich häufig auf. Der Wunsch, weniger zu arbeiten, ist da, gilt aber als unrealistisch. Sei es, weil die Position es nicht zulässt - Selbstständige und Führungskräfte sind hier besonders stark vertreten -, sei es, weil die Berufsorientierten häufig Alleinverdiener sind.

Vermutlich aus demselben Grund ist die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes unter den Workaholics sogar größer als bei den Vereinbarern, obwohl diese weniger arbeiten und weniger verdienen. Wer die Existenzsicherung auf vier statt auf zwei Schultern verteilt, schläft eindeutig ruhiger.

Die Familienorientierten   Die Familienorientierten

Teamorientiert statt egoistisch denken, sich Zeit für Kinder und Partnerschaft nehmen: Bei den grundlegenden Werten ticken die Familienorientierten gar nicht so anders als die Vereinbarer. 71 Prozent wären sogar bereit, für ihre Kinder den Beruf ganz aufzugeben. Es gibt nur einen entscheidenden Unterschied: Die Familienorientierten haben keinen Partner, der mitzieht.

Damit ist diese überwiegend aus Frauen bestehende Gruppe die einzige, die ihren Lebens- und Arbeitsstil nur bedingt freiwillig gewählt hat. Es sind auch die äußeren Umstände, die sie zwingen, sich neben dem Beruf auch noch hauptverantwortlich um Haushalt und Familie kümmern. Und diese Doppelbelastung verursacht extremen Stress.

Die empfundene Belastung erreicht Spitzenwerte wie sonst nur bei Topmanagern, keine andere Gruppe leidet so häufig unter gesundheitlichen Problemen. Jeder vierte Familienorientierte klagt über chronische Kopfschmerzen. Kein Wunder, dass diese Menschen den größten Verbesserungsbedarf bei der Work-Life-Balance sehen. Sie fordern von ihrem Arbeitgeber mehr Flexibilität, bessere Teilzeitangebote und die Möglichkeit, von zu Hause aus zu arbeiten. Der Partner fällt als Entlastung ja weitgehend aus. Denn er gehört in den meisten Fällen zur Gruppe der Berufsorientierten - und hat für Familie und Haushalt nun wirklich keine Zeit.

Die Unabhängigen   Die Unabhängigen

Solche Sorgen sind Deutschlands Individualisten fremd. Sie sind frei, sie sind fit, sie verdienen gut und haben trotz hoher Arbeitsbelastung keinerlei Probleme, Beruf und Privatleben unter einen Hut zu bekommen. Keine andere Gruppe ist so entspannt und zufrieden, und der Grund dafür ist keine ausgeklügelte Arbeitsteilung oder ein besonders flexibler Arbeitgeber. Die Abwesenheit von Kindern macht den Unterschied aus.

Die Unabhängigen sind das Segment der Singles und kinderlosen Paare. In keinem anderen Milieu ist die Zahl der Ein- und Zweipersonenhaushalte höher, Hobbys und Freizeitaktivitäten sind extrem wichtig und lassen sich leicht mit der Berufstätigkeit vereinbaren - weil familiäre Belastungen weitgehend entfallen. Entsprechend haben die Individualisten auch die geringsten Probleme mit ihrer Work-Life-Balance. Die Zufriedenheit mit dem eigenen Leben ist in diesem Segment so hoch wie in keinem anderen. Der Wunsch nach Teilzeit, Heimarbeit oder Elternzeit ist entsprechend geringer - die Unabhängigen brauchen diese Entlastung nicht.

Die Hintergründe dieser Freiheit sind unterschiedlich. Die Jüngeren befinden sich entweder noch vor der Familiengründung - oder haben sich bewusst gegen Nachwuchs entschieden. Die Älteren haben in vielen Fällen Kinder, die sind aber bereits alt genug, um auf eigenen Füßen zu stehen. Die Altersgruppe zwischen 30 und 39 Jahren, also die klassische Familiengründungsphase, ist in dieser Gruppe deutlich unterrepräsentiert.

Es gibt jedoch noch einen Punkt, in dem sich die Unabhängigen von den anderen Segmenten unterscheiden: Die Bereitschaft, für andere Menschen Abstriche bei der persönlichen Lebensplanung zu machen, tendiert gegen null. Vor allem, was die Karriere angeht, sind die Individualisten noch ichbezogener als die Berufsorientierten, denen in Sachen Job sonst so schnell keiner was vormacht. Freunde und Partner von Unabhängigen müssen also leidensfähig sein - oder selber unabhängig.

Bei allen Unterschieden zwischen den Milieus, es gibt auch Gemeinsamkeiten. So ist Geld nach wie vor der beste Motivator im Berufsleben. Auch für die Postmaterialisten gilt: Die finanzielle Basis muss stimmen, damit man beruhigt auf noch mehr verzichten kann. Auch die Arbeitsmoral in Deutschland stimmt: Zwar klagen nahezu alle (bis auf die Unabhängigen) über eine zu hohe Belastung, zu viel Stress und eine unausgewogene Work-Life-Balance. Doch jeder Zweite ist bereit, zusätzlich zu den durchschnittlich 42 Wochenstunden noch eine Schippe draufzupacken, wenn die Situation es verlangt.

Die gute Botschaft ist: Die Mehrheit der Werktätigen in unserem Land ist mit ihrem Leben zufrieden, jeder Zweite sogar sehr zufrieden. Trotz Stress, trotz Doppelbelastung, mangelnder Kinderbetreuungsmöglichkeiten und unflexibler Arbeitgeber: Die Deutschen sind glücklicher, als sie glauben.

Das ist doch schon mal was.

  • FTD.de, 10.11.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
Jetzt bewerten
Bookmarken   Drucken   Senden   Leserbrief schreiben   Fehler melden  
Immobilien-Kompass
Immobilien-Kompass Deutschlands beste Wohnlagen

Preise, Mieten und Prognosen für Deutschlands Metropolen und Regionen mit detaillierten Übersichtskarten

Jetzt eigene Wohnlage prüfen

 
Anstatt FTD.de lese ich künftig ... Zum Ergebnis
Alle Umfragen
In eigener Sache
  • An Kiosks in der ganzen Republik hieß es am letzten Erscheinungstag der FTD: Zeitung vergriffen! Der Hype um die Schlussausgabe trieb merkwürdige Blüten. Der Verlag druckte 30.000 Exemplare nach. Wer keines abbekam - bestellen ist möglich. mehr

  •  
  • blättern
Zwischen Leben und Arbeiten
Work-Life-Balance

Die FTD hat zusammen mit dem GfK Verein die umfassendste bundesweite Studie zum Thema Work-Life-Balance veröffentlicht. Die Ergebnisse und mehr zum Thema finden Sie hier. Die Studie können Sie hier kaufen. mehr

Folgen Sie der FTD auf Twitter
Werden Sie Fan der FTD auf Facebook
  • Sie waren ein Herzstück der Zeitung und pointiert, scharf, teils brillant: Ihre Kolumnen, Leitartikel und Kommentare haben die FTD entscheidend geprägt. Zum letzten Mal: Unsere Kolumnisten sagen, was Sache ist. mehr

  •  
  • blättern
© 1999 - 2013 Financial Times Deutschland
Aktuelle Nachrichten über Wirtschaft, Politik, Finanzen und Börsen

Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!

Impressum | Datenschutz | Nutzungsbasierte Online Werbung | Disclaimer | Mediadaten | E-Mail an FTD | Sitemap | Hilfe | Archiv
Mit ICRA gekennzeichnet

Geldanlage | Altersvorsorge | Versicherung | Steuern | Arbeitsmarkt | Energiewende | Ökostrom | Auto | Quiz | IQ-Test | Allgemeinwissen | Solitär | Markensammler