| Claus Gorgs leitet das Ressort Agenda der FTD. |
Das Gefühl haben wir schon länger, jetzt haben wir den wissenschaftlichen Beweis: Mit unserer Work-Life-Balance stimmt was nicht. Die meisten Berufstätigen mit Kindern kriegen Job und Familie eher schlecht als recht zusammen, etwa jeder Zweite klagt über Stress, jeder Dritte hat das Gefühl, sich zerreißen zu müssen. In meinem Bekanntenkreis kennt fast jeder einen Kollegen mit Burn-out, die meisten, egal ob Wirtschaftsprüfer oder Automechaniker, berichten von immer mehr Überstunden und wachsendem Zeitdruck. "Wird leider nichts heute Abend." Wie oft habe ich diesen Satz gehört. Oder selbst gesagt.
Im Grunde haben wir uns die Malaise selbst zuzuschreiben. Wir alle wollen heute einen guten Job, aber auch mit den Kindern auf dem Spielplatz tollen, Zeit mit dem Partner verbringen und Freunde treffen. Egal, ob man das gut und modern findet oder idiotisch: Es verursacht für alle mehr Stress als zu Zeiten, in denen Papa das Geld nach Hause brachte und Mama die Kleinen ins Bett. Hinzu kommen die enorme Verdichtung von Arbeit, der wachsende Kostendruck in allen Branchen sowie das mobile Internet, das uns in Dauerbereitschaft hält.
Diese Entwicklung ist ungesund, und ihre Folgen werden einseitig auf den Schultern der Beschäftigten abgeladen. Wer den täglichen Tanz zwischen Büro und Bastelstunde, Geschäftsessen und Gutenachtgeschichte nicht hinkriegt, gilt schnell als schlecht organisiert und zu wenig belastbar. Die Folgen: Schuldgefühle, Frust - und sinkende Arbeitsleistung.
Das heißt nicht, dass sich jeder nur noch selbst verwirklichen sollte. Lohn setzt Leistung voraus. Aber wir müssen das Umfeld, in dem Leistung entsteht, neu definieren. Den technischen Fortschritt kann niemand zurückdrehen. Es wächst eine ganze Generation heran, die mit permanenter Erreichbarkeit prima zurechtkommt - übrigens auch mit dienstlichen E-Mails am Wochenende. Sie fällt nur nach den gängigen Leistungskriterien durchs Raster, weil sie nicht bereit ist, ihr gesamtes Leben Geld- und Karrierezielen unterzuordnen. Das hat nichts mit Leistungsverweigerung zu tun, sondern mit einer Verschiebung von Prioritäten. Darauf müssen die Unternehmen reagieren, wollen sie nicht eines Tages reihenweise unbesetzte Schlüsselpositionen haben.
Es ist leicht, als Konsequenz nach mehr Arbeitnehmerrechten zu rufen oder nach mehr Kitaplätzen. Doch das greift zu kurz. Was wir brauchen, ist ein Wertewandel, und der lässt sich nicht per Gesetz erzwingen. Politik kann Voraussetzungen und Anreize schaffen. Da ist mit Elterngeld und Kita-Ausbau viel Richtiges passiert. Sicher, das geht noch besser, durch die Abschaffung des Ehegattensplittings zugunsten einer familienorientierten Steuerpolitik etwa, doch wichtiger ist der Wandel in den Köpfen.
Als ich nach der Geburt meines jüngsten Sohnes für drei Monate in Elternzeit ging, erntete ich von meinen Freunden anerkennende, bisweilen neidische Kommentare. "Dass du dich das traust!" "Das würde ich auch gern machen. Aber dann kann ich meine Karriere vergessen." Ob das nur an den engstirnigen Chefs liegt oder an der Angst vieler Männer, den Berufsalltag gegen Babygebrüll einzutauschen, ist unerheblich. Auf die Art und Weise, wie wir Familienarbeit gewichten, kommt es an.
Wir brauchen Chefs, die Verständnis haben, wenn ein Mitarbeiter sein krankes Kind hütet oder ein Streik in der Kita den Dienstplan durcheinanderwirft. Im Gegenzug wird dieser bereit sein, auch mal Arbeit mit nach Hause zu nehmen. Nur wenn Geben und Nehmen sich ausgleichen, kann eine Kultur des Vertrauens entstehen, die wir für eine moderne Wirtschaft brauchen, in der es keine Frage mehr ist, ob die Work-Life-Balance funktioniert, sondern nur noch, wie.
Ja, das erfordert flexiblere Planung und Organisationsaufwand. Aber auf lange Sicht gibt es keine Alternative. Sonst werden Firmen wegen des Fachkräftemangels bald nicht mehr genug qualifizierte Mitarbeiter finden. Und immer mehr Berufstätige werden krank.
| Nikolaus Röttger ist Redaktionsleiter von Business Punk. |
Pfeift auf die Work-Life-Balance! Vergesst diese Idee, die uns vorgaukelt, dass eine erfolgreiche Karriere, ausgiebige Hausaufgaben- und Spielezeit mit den Kindern, der lustige Grillabend mit Freunden, anschließend noch "Skyfall" schauen und Sex haben in 24 Stunden passen. Ach ja, mindestens acht Stunden schlafen wollen wir auch noch und ausreichend Kraft- und Ausdauertraining machen, damit nicht zwischendurch Rücken und Herz doch zucken und mucken.
Dieses ganze Konzept der Work-Life-Balance nervt. Es tut so, als könnten wir alles gleichzeitig haben. Wir treiben uns selbst immer weiter an, als seien wir unsere eigene Tiger-Mom, die ehrgeizige Übermutti, weil wir in allem die Besten sein wollen. Unternehmer wie Ibrahim Evsan, der unter anderem die Videoplattform Sevenload erfunden hat, sprechen darum bereits von Pseudostress, der entsteht, weil viele Menschen glauben, sie müssten jetzt unbedingt Sport machen. Oder sie müssten jetzt unbedingt ihre Freizeit organisieren. Evsan hält das alles für künstlichen Quatsch.
Der Gründer spricht darum für sich inzwischen lieber von einer "Work-Work-Balance". Wobei der eine Work-Teil der Job und der andere Freunde und Alltag sind. Denn: Wieso trennen wir überhaupt noch zwischen unserer Arbeit und unserem Leben? Wir verbringen mindestens acht, meistens mehr Stunden pro Tag im Büro. Die Grenzen zwischen Berufs- und Privatleben verschwimmen, Freunde werden zu Kollegen und Kollegen werden zu Freunden. Wir sollten aufhören, immer so zu tun, als sei das Büro die Hölle, die Zeit darin der Teufel - und die einzige Rettung daraus: weniger Arbeit! Und bitte, bitte mehr Freizeit, egal was. Das kann doch nicht die Lösung sein!
Wer montags um neun Uhr schon denkt: "Hoffentlich ist bald Freitag, 17 Uhr, damit ich aus dem Büro kann", macht etwas falsch. Vielleicht hat er den falschen Job oder den falschen Chef oder die falschen Kollegen? Zumindest aber sollte man in dieser Situation mal nachdenken, ob man mit der eigenen Lebenszeit nichts Besseres anfangen kann. Dies ist kein Aufruf, ein Workaholic zu werden, sondern ein Plädoyer für die richtige Betonung. Wir sollten aufhören, von einer Work-Life-Balance zu reden, die dauernd so tut, als sei "Work" das Schlechte und "Life" das Gute. Wenn wir das Wortungetüm schon gebrauchen, sollten wir von einer Work-Life-Balance sprechen.
Dieses Gleichgewicht lässt sich weder in Arbeits- und in Freizeitstunden messen, noch lässt es sich in einen Tag pressen. Wer im Flow ist, weil er sich eine neue Werbekampagne ausdenkt, einen Deal clost, einen Businessplan entwirft oder einen Text schreibt - wer also Spaß an seinem Projekt hat -, der braucht in diesem Augenblick keinen Museumsbesuch als Ausgleich. Dafür nimmt er sich ein paar Wochen später einen Tag frei.
Das neue Gleichgewicht ist ein Ausdruck von Selbstständigkeit, das gerade junge Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer um- und antreibt. Darum wird es für Unternehmen entscheidend sein, Work-Life-Balance nicht mehr als Trennung von Job und Leben zu verstehen. Denn das gilt vor allem für die sogenannten Millennials, also all jene, die zur Jahrtausendwende Teenager waren.
Sie wollen allein entscheiden, wie und wann sie ihr Projekt machen. Das gaben bei einer Studie von MTV 89 Prozent der Millennials an. Fast genauso viele wollen ihre Kollegen auch als Freunde haben, die überwiegende Mehrheit will in Jeans ins Büro kommen. Kleinigkeiten vielleicht, aber doch Ausdruck eines neuen Verständnisses von Work-Life-Balance, das die Deutsche Gesellschaft für Personalführung so beschreibt: Da "wird Privates schnell auch während der Arbeitszeit erledigt, jedoch gleichermaßen nach Feierabend und am Wochenende zu Hause oder sonst wo bei Bedarf weitergearbeitet".
Pfeifen wir auf die Work-Life-Balance! Sie ist ein theoretisches Konstrukt, das in der Realität nicht funktioniert. Genießen wir lieber das Leben. Und die Arbeit. Die gehört dazu.
Nur nicht die selbstbestimmte. Und das ist die Schwierigste.