Maria Popova hat sich letztendlich für Studiomates entschieden, eine Büro-WG in Brooklyn, in der Designer, Illustratoren, Blogger, Autoren und Webentwickler präsent sind.
"Es spricht einiges - sowohl körperlich als auch intellektuell - für Büro-WGs mit ähnlich orientierten Menschen", sagt Popova, Kuratorin und Betreiberin der Website Brain Pickings. "Es gibt dort eine Infusion von Kameraderie, die alles durchsetzt, den gesamten Tag, die Arbeit, das Leben."
Viele Selbstständige oder Kleinunternehmer könnten von zu Hause arbeiten, aber dennoch ist die Möglichkeit, sich ein Büro zu teilen - und sei es nur mit Fremden - sehr beliebt.
Neudeutsch Coworking Spaces genannte Bürogemeinschaften stellen, meist in einem Großraumbüro, Schreibtisch, Internetanschluss und einige grundlegende Dienstleistungen zur Verfügung. Man kann sich dort dauerhaft einmieten oder auf Tagesbasis. Coworking Spaces sind eine bezahlbare Alternative zu gemieteten Büros oder Serviced Offices. Der Schwerpunkt liegt bei ihnen darauf, die Zusammenarbeit und das Gemeinschaftsgefühl zu fördern.
Den Reiz machen nicht nur die günstigen Mieten, die Einsparungen durch gemeinsame Nutzung oder die sozialen Kontakte aus. Ziel von Coworking Spaces ist es, Ideen und Fähigkeiten auszutauschen und von Treffen in der Teeküche oder am Fotokopierer zu profitieren. Allerdings kann das Arbeiten in einem Büro voller anregender Kollegen auch ein zweischneidiges Schwert sein: Popova räumt ein, dass sie sich manchmal an weniger belebte Orte zurückzieht, damit sie in Ruhe ein paar Dinge abarbeiten kann.
Wer bewaffnet mit Laptop und Smartphone ein kleines eigenes Unternehmen aufbaut, dem mag das Arbeiten in Kaffeehäusern ausreichen, aber Coworking bietet mehr als das. Man finde dort eine Kameraderie, wie sie im Kaffeehäusern fehle, sagt die Autorin Genevieve DeGuzman.
"Es ist strukturierter und geordneter als ein Thekenplatz bei Starbucks", sagt DeGuzman. "Es ist aber auch weniger strukturiert als etwa beim typischen Gründerzentrum. Sucht man die Gesellschaft anderer Kleinunternehmer, ist Coworking der beste Platz zum Arbeiten."
Um den größtmöglichen Nutzen aus einer Büro-WG zu ziehen, solle man an die Sache anders herangehen als an das übliche Mieten eines Schreibtischs, meint DeGuzman. Man sollte offen sein für die Möglichkeiten, die sich aus der Zusammenarbeit und der Interaktion mit den Menschen an den umliegenden Schreibtischen ergeben.
In einem Gemeinschaftsbüro "Ecken voller Kreativität zu haben ist toll, aber in Wirklichkeit will man doch, dass es um sich greift - Startups, die Ideen austauschen, Dienste teilen und so weiter", so DeGuzman. So könnte ein Vermarkter gemeinsam mit dem Literaturmagazin daran arbeiten, mehr Leser zu erreichen. Oder der Entwickler einer App fürs Carsharing könnte den mit dem digitalen Marketing Betrauten mit freiberuflichen Bloggern bekannt machen.
Vor sechs Jahren war der Unternehmer Jose Castillo auf der Suche nach einem Büro, aber ihm schwebte schon bald etwas Größeres vor. Deshalb gründete Castillo in seiner amerikanischen Heimatstadt Johnson City vor sechs Jahren Sparkplaza. "Aus dem Wunsch nach meinem eigenen Büro ist die Leidenschaft erwachsen, Unternehmer, Firmengründer und Subunternehmer zusammen zu bringen", sagt Castillo.
"Die meisten unserer Mitglieder könnten von zu Hause arbeiten oder aus einem Kaffeehaus, aber hier können sie sich quer über den Gang austauschen oder sogar mit anderen an Projekten arbeiten", sagt Castillo.
In Lausanne gründete Stephanie Booth ihr Unternehmen Eclau mit ähnlichen Motiven. Sie hatte vorher festgestellt, dass sie nicht von zu Hause arbeiten kann. Sie wollte spontane Interaktion mit anderen Menschen genauso wie organisierte gesellschaftliche Ereignisse.
Interaktion ist nicht alles, sagt Booth. Ein Coworking Space müsse auch Ruhezonen bieten, wo man sich auf die Arbeit konzentrieren kann. "In einigen Coworking Spaces wird so viel für die soziale Seite getan, dass die Leute letztlich gar nicht ordentlich arbeiten können", sagt sie.
Techhub in London ist ein Coworking Space für Technologiefirmen. Das von Google und der Financial-Times-Mutter Pearson unterstützte Projekt bietet Firmen die Möglichkeit zum Netzwerken. In regelmäßigen Veranstaltungen und Workshops soll zudem Wissen vermittelt werden. Gerry Newton ging mit seinem Startup Cyclr zu Techhub, weil er sich von dem innovativen Umfeld einen Wettbewerbsvorteil erhoffte.
Diverse bei Techhub ansässige Startups verfügen über Fähigkeiten und bieten Dienste, die für andere dort ansässige interessant sein können. Newton beispielsweise berichtet von einem regen Austausch mit dem App-Hersteller Koyoku. Einer der größten Vorteile ergab sich Newton zufolge jedoch eines Samstagvormittags, als er und ein weiterer Unternehmer, Tony Million, die einzigen im Büro waren. Million ist heute Cyclrs Berater in Technologiefragen.
"Es hat sich eine Beziehung ergeben, die unglaublich vorteilhaft ist und den Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg ausmachen könnte. Wer hätte gedacht, dass ein simpler verkaterter Morgen im Büro zu einer derartigen Beziehung führen könnte? So etwas geschieht einem nicht im Kaffeehaus, in Schlafzimmern oder Büchereien", sagt Newton.
Die Vorteile von Coworking Space liegen eher in der Interaktion als auf der Kostenseite. DeGuzman erzählt, dass jede Firma, mit der sie für ihr Buch gesprochen habe, Beispiele dafür hatte, wie eine zufällige Begegnung oder ein Gespräch mit einem "Mitbewohner" zu etwas geführt habe.
"Die besten Hinweise kommen von Bekannten und Kollegen, weniger von engen Freunden oder Menschen, die wir gut kennen", sagt sie. "Coworking Spaces sind die besten Orte, um diese sogenannten schwachen Bande zu stärken."
Aus: The Financial Times, London. www.ft.com