Der Vertrag von Barbara Kux wird trotz ihrer umstrittenen Leistungen als Einkaufsvorstand bei Siemens Ende November voraussichtlich verlängert werden. Das erfuhr das FTD-Schwestermagazin Capital aus Unternehmenskreisen. Es wäre der frühestmögliche Zeitpunkt für eine Entscheidung, denn Kux' derzeitiger Vertrag läuft im November 2013 aus. Die Verlängerung würde viele überraschen, gilt die 58-Jährige doch seit Jahren hausintern als Fehlbesetzung. "Wenn das so kommt, kann das hier kaum jemand nachvollziehen", sagt ein Siemens-Manager. Der Konzern lehnte einen Kommentar ab.
Die Schweizerin war 2008 als erste Frau in der über 160-jährigen Geschichte des Münchener Industriekonzerns in den Vorstand eingezogen - ein öffentlichkeitswirksamer Coup von Siemens-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme und Vorstandschef Peter Löscher. Für Kux wurde ein neues Vorstandsressort Einkauf und Nachhaltigkeit geschaffen. "Die erstmalige Berufung einer Frau in den Vorstand unterstreicht, dass wir uns bei Siemens mehr Frauen in Führungspositionen wünschen", sagte Löscher damals. Zuvor hatte er mit einem legendären, aufsehenerregenden Ausspruch kritisiert, Siemens sei zu weiß, zu deutsch und zu männlich.
Siemensianer berichten, Kux sei in dem männerdominierten Ingenieurskonzern nie angekommen. "Sie steht für nichts", sagt ein Manager, der mit der Schweizerin zusammengearbeitet hat. Kurz nach ihrem Start 2009 verkündete sie eine Initiative zur Senkung der Einkaufskosten. Was daraus wurde, davon ist bei Siemens seit Jahren keine Rede mehr. Eine Zwischen- oder gar Abschlussbilanz legte Kux nie vor. Dabei galt der Einkauf damals als zweiter großer Hebel für Löschers Ziel, die Profitabilität auf ein neues Niveau zu heben - neben der Verringerung der Verwaltungskosten.
Im Bereich Nachhaltigkeit startete Kux vor zwei Jahren eine Initiative, um in den Werken des Konzerns und seiner Lieferanten Energiekosten und damit auch Kohlendioxidemissionen zu senken. Die frühere McKinsey-Beraterin verweist stets mit Stolz darauf, dass Siemens im Dow Jones Sustainability Index, einem wichtigen weltweiten Nachhaltigkeitsranking, seit Jahren Platz eins belegt. Des Themas nimmt sich allerdings auch Vorstandschef Löscher gern selbst an.
Aufsichtsratschef Cromme hatte nach Capital-Informationen ursprünglich geplant, einen für alle Beteiligten gesichtswahrenden Abgang von Kux einzufädeln: Der bestens vernetzte Multikontrolleur schlug Kux vor, ihre Karriere doch als Berufsaufsichtsrätin fortzusetzen. Die Topmanagerin ging darauf jedoch nicht ein. Ein Hintertürchen will sich Cromme bei der Verlängerung ihres Kontrakts offen lassen: Ab ihrem 60. Lebensjahr können beide Seiten jedes Jahr kündigen. Diese Modalität hatte Cromme vor einem Jahr schon in den Vertrag des ebenfalls umstrittenen Rechtsvorstands Peter Solmssen eingebaut.
Kux war im November 2008 zu Siemens gekommen. Bei ihrem vorherigen Arbeitgeber Philips hatte sie den Dienst FTD-Informationen zufolge nach Ablauf ihres Fünf-Jahres-Vertrags quittieren müssen. Der Siemens-Rivale hatte sie 2003 von Ford abgeworben, wollte sie aber nach 2008 nicht länger beschäftigen. Auch dort war sie für Einkauf und Nachhaltigkeit zuständig - nicht im Vorstand, sondern nur als Mitglied der Konzernleitung.