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Merken   Drucken   16.05.2012, 12:00 Schriftgröße: AAA

Bewerbung: Wenn der Chef das Vorstellungsgespräch verpatzt

Finden Bewerber und Firma im Bewerbungsprozess nicht zusammen, liegt das nicht immer nur an mangelnder Eignung des Kandidaten. Denn läuft das Gespräch mit dem potenziellen Chef nicht gut, lehnen viele Arbeitnehmer ein Jobangebot schon mal ab.

Im Vorstellungsgespräch punkten - das gilt heute nicht mehr nur für Kandidaten, sondern vor allem auch für Arbeitgeber und Führungskräfte. Denn in den meisten Branchen können sich Spezialisten aufgrund des Fachkräftemangels ihren neuen Job aussuchen, werden teils regelmäßig von Headhuntern kontaktiert und abgeworben. Es gilt also auch für die Unternehmen, einen guten Eindruck zu machen - vor allem im Bewerbungsgespräch.

Bewerbungsgespräche ändern sich: Nicht nur der Kandidat muss sich ...   Bewerbungsgespräche ändern sich: Nicht nur der Kandidat muss sich bestens präsentieren

Für neun von zehn Bewerbern sind die Eindrücke aus dem Jobinterview ein wichtiges Entscheidungskriterium, ob sie bei diesem Arbeitgeber anheuern wollen oder nicht, zeigt die Studie "Bewerbungspraxis 2012" des Centre of Human Resources Information Systems (CHRIS) der Universitäten Bamberg und Frankfurt am Main in Zusammenarbeit mit dem Online-Stellenportal Monster.de.

Die Umfrage unter rund 10.000 Stellensuchende und Karriereinteressierte zeigt: Sind die Erfahrungen aus dem Bewerbungsgespräch nicht so rosig, lehnen viele dankend ab. Fast 60 Prozent der Befragten haben aus diesem Grund schon mal einem Arbeitgeber eine Absage erteilt und einen Job nicht angetreten. Das Vorstellungsgespräch ist somit nicht nur für die Kandidaten, sondern auch für Chefs und Personalverantwortliche ein Stolperstein erster Güte!

Negativer Eindruck? Keine Seltenheit!

Erstaunlich ist auch: Nur 58 Prozent haben in den letzten Jahren in Bewerbungsgesprächen überwiegend positive Eindrücke von Unternehmen gewonnen. Das zeigt, auch die Kandidaten nutzen die Gelegenheit, im Vorstellungsgespräch dem potenziellen Chef auf den Zahn zu fühlen und herauszufinden, ob sie sich bei dem neuen Arbeitgeber wohl fühlen würden. Denn häufig ist das Bewerbungsinterview der erste wirkliche Kontakt zwischen Kandidat und Unternehmen. Ein Blick auf die Website, das Befragen von Kollegen und Freunden nach ihren Erfahrungen oder eine Anfrage im Online-Forum, wie denn ein Arbeitgeber agiert, sind oft weniger aufschlussreich.

Während Bewerber meist versuchen, sich im besten Licht zu präsentieren, haben die wenigsten Firmenvertreter die Chancen und Risiken im Blick, die ein erstes Gespräch bietet. Denn zunehmend gilt es, dem Bewerber nicht nur Arbeitsumfeld und -aufgaben vorzustellen, sondern ihn für das Unternehmen zu gewinnen (im wahrsten Sinne des Wortes). Oder wie die Studienautoren formulieren: Inzwischen wählen Talente sich ihren Arbeitgeber aus, nicht umgekehrt. Und selbst wer sich als Arbeitsgeber einen guten Ruf erarbeitet hat - im Bewerbungsgespräch kann alles gewonnen oder eben verkorkst werden.

Kandidat und Arbeitgeber auf dem Prüfstand

"Vorstellungsgespräche sind mehr als nur eine Prüfung des Kandidaten, auch als Arbeitgeber wirbt man in dem Moment um den potenziellen Mitarbeiter. Selbst wenn das Gespräch nicht zur Besetzung der Stelle führt, kann der Bewerber zum Botschafter für oder gegen das Unternehmen werden", sagt Bernd Kraft, Vice President General Manager CE bei Monster.

Dem Fachmann zufolge sollten Unternehmer deshalb eine gute und respektvolle Atmosphäre im Vorstellungsgespräch schaffen. Kritische Fragen seien durchaus erlaubt. Es gehe jedoch vor allem darum, einen positiven Gesamteindruck zu hinterlassen. Dies sei unter anderem durch eine bessere Interviewführung möglich. Laut Studie konzentrieren sich die Unternehmen nämlich häufig auf allgemeine Faktoren. Viel wichtiger seien indes die Erfahrungen und Kenntnisse des Bewerbers, die ihn für die ausgeschriebene Stelle qualifizieren. Und knapp zwei Drittel der befragten Arbeitnehmer war der Meinung, dass ihre letzten Einstellungsgespräche den Inhalt der ausgeschriebenen Stelle angemessen behandelten.

Mitarbeiterbindung stärker im Fokus

Das Fazit für Unternehmen muss lauten: "Das Einstellungsgespräch ist zunehmend ein beidseitiges Bewerbungsgespräch", ist Tim Weitzel von der Universität Bamberg überzeugt. Im Bewerbungsprozess lernten nicht nur Unternehmen, ob ein Kandidat den Anforderungen genüge, sondern auch der Bewerber, ob der Arbeitgeber ihm ein ansprechendes Umfeld bieten könne, sagt er.

Vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt und der Tatsache, dass sich etwa jeder zweite Arbeitnehmer in den nächsten Monaten nach einem neuen Job umsehen will, rücken die Themen Rekrutierung und Mitarbeiterbindung stärker auf die Tagesordnung der Unternehmen. Die Firmen müssen Employer Branding zunehmend im tagesaktuellen Geschäft und im Recruitingprozess im Blick behalten. Und Vorstellungsgespräche - so das Fazit der Studie - sind dabei nicht zu unterschätzen. Wer wirklich einen neuen Mitarbeiter gewinnen will, sollte sich auf das Bewerbungsgespräch mindestens so intensiv vorbereiten wie der Kandidat. Wie so oft gilt: Der erste Eindruck zählt!

  • FTD.de, 16.05.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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