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FTD-Serie: Richtig gründen

Die Geschäftsidee ist genial – aber das reicht noch lange nicht, um ein erfolgreiches Unternehmen aufzubauen. In unserer Serie zeigen wir, was Existenzgründer beachten müssen, wo die größten Aufgaben und die bösesten Fallen liegen.
Merken   Drucken   20.08.2012, 16:21 Schriftgröße: AAA

Crowdfunding: Die Masse wills, die Masse zahlts

Beim Crowdfunding stecken viele Menschen kleine Beträge in ein Gründungsprojekt. Die Projekte sind in allen Branchen und Märkten zu finden.
von Stephan Degenhardt

100.000 Euro in nur fünfeinhalb Stunden - mit einem solchen Zuspruch hatten Nils Mahler und Timo Müller nicht gerechnet, als sie Anfang des Jahres die anonyme Masse im Internet um Geld baten. Auch wenn sie von ihrer Geschäftsidee fest überzeugt waren.

Die nämlich entsprang einer leidvollen Urlaubserfahrung: Mit dem Auto hatten Mahler und Müller sich im Sommer 2009 durch halb Italien gequält, dann auf einer Fähre nach Korsika übergesetzt. Doch nach gerade mal drei Kilometern auf der französischen Insel gab das Getriebe ihres Autos auf. Keiner von beiden sprach ein Wort Französisch.

Irgendwie kamen sie zwar an eine Reparatur, doch während sie mit Armen und Beinen kommunizierten, entwickelten sie schon die Idee für ihre Internetplattform Lingoking. Die sollte in Minutenschnelle professionelle Dolmetscher an Hilfesuchende vermitteln. Und superschnell ging es auch, als die jungen Gründer später im Internet 142 fremde Menschen fanden, die bereit waren, Geld in ihre Firmengründung zu stecken.

Wie sich Gründer finanzieren   Wie sich Gründer finanzieren

Die nämlich entsprang einer leidvollen Urlaubserfahrung: Mit dem Auto hatten Mahler und Müller sich im Sommer 2009 durch halb Italien gequält, dann auf einer Fähre nach Korsika übergesetzt. Doch nach gerade mal drei Kilometern auf der französischen Insel gab das Getriebe ihres Autos auf. Keiner von beiden sprach ein Wort Französisch.

Irgendwie kamen sie zwar an eine Reparatur, doch während sie mit Armen und Beinen kommunizierten, entwickelten sie schon die Idee für ihre Internetplattform Lingoking. Die sollte in Minutenschnelle professionelle Dolmetscher an Hilfesuchende vermitteln. Und superschnell ging es auch, als die jungen Gründer später im Internet 142 fremde Menschen fanden, die bereit waren, Geld in ihre Firmengründung zu stecken.

Geldsammeln im Internet

Ein solches Modell heißt Schwarmfinanzierung und hat seinen Ursprung in den USA, wo sich vor allem Leute aus der Kreativwirtschaft schon länger über sogenannte Crowdfunding-Plattformen Geld besorgen. Dass auch hierzulande eine Gruppe vieler kleiner Amateurinvestoren ein Startup auf finanzielle Füße stellen kann, hat sich in den vergangenen Monaten öfter gezeigt. So sorgten die Macher der Fernsehserie "Stromberg" für Furore, als sie für einen Kinofilm 1 Mio. Euro per Schwarmfinanzierung einsammelten.

Plattformen, auf denen Gründer und Investoren zusammenfinden, gibt es einige. Seedmatch zum Beispiel, das im September 2011 an den Start ging. Dort haben bereits 13 junge Unternehmen insgesamt mehr als 1 Mio. Euro erhalten. Die Konkurrenz Innovestment weist seit November 2011 sechs abgeschlossene Finanzierungen mit einem Volumen von rund 480.000 Euro auf. Vor allem auf Bayern ausgerichtet ist die Plattform Mashup Finance. Sie konnte bislang die Finanzierung der Experimental-Spirituosenbrennerei Munich Distillers einfädeln.

"Crowdfunding fügt sich sehr gut in die deutsche Gründungslandschaft ein", sagt Gründungsexperte Andreas Kuckertz. Er arbeitet am Lehrstuhl für E-Business und E-Entrepreneurship der Universität Duisburg-Essen und findet, dass es in Deutschland zu wenig Business Angels und Kapitalgesellschaften gebe. Da ist der Bedarf an Alternativen groß.

Auch Seedmatch-Chef Jens-Uwe Sauer sieht hierzulande Aufholbedarf in puncto Frühfinanzierung. Doch Crowdfunding funktioniert nicht bei jedem Startup: "Es sollten Geschäftsideen sein, die einzigartig sind und das Potenzial haben, viele Menschen zu begeistern und die einen direkten Nutzen haben", sagt Sauer. Ein Geschäftsmodell muss erst ihn und sein Team überzeugen, dann darf es sich online präsentieren. Unter anderem in einem Film. "Storytelling ist wichtig", sagt Sauer. "Leidenschaft und Biss der Gründer müssen rüberkommen."

Wie bei Franziska Scheidel, der Gründerin von Bloomy Days. Beim Aufräumen war ihr ein altes Tagebuch in die Hände gefallen, voller Geschichten über Blumenkerzen, Blumenkissen und Blumengirlanden. Scheidel wurde von ihrer alten Passion erneut gepackt und gründete mit Bloomy Days Deutschlands ersten Blumen-Aboservice für Geschäfts- und Privatkunden. Die florale Idee brachte bei Seedmatch in anderthalb Stunden 100.000 Euro Startkapital.

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Investoren gehen auf Risiko

Im Schnitt investieren die Anleger bei Seedmatch 600 Euro, die Höchstgrenze liegt bei 10.000 Euro. Die gewünschte Gesamtsumme legt der Gründer vorher fest. Mit einer Einlage erwerben die privaten Investoren Anteile an den Startups. Rund 90 Prozent bleibt aber beim Unternehmer. An ihm liegt es auch, ob stille Beteiligte mitentscheiden dürfen oder nicht. Nach mindestens fünf Jahren können die Anleger jährlich aussteigen - und einen Teil des bis dahin erwirtschafteten Gewinns kassieren. Scheitert eine Gründung, ist das Geld weg. "Das Risiko muss den Anlegern bewusst sein", sagt Experte Kuckertz. Für Verluste der Startups müssen die Geldgeber nur bis zur Höhe ihrer Einlage geradestehen - eine Nachschusspflicht besteht nicht.

Um finanzielle Aspekte, etwa die Rendite, gehe es den meisten Anlegern aber ohnehin nicht, sagt Kuckertz. Er erkennt dort vielmehr einen neuen Investorentyp: "Da steht eher der Aspekt im Vordergrund, Teil einer spannenden Gründungsgeschichte zu sein." Wie dieser Typus genau tickt, weiß Seedmatch-Chef Sauer: Die Nutzer seiner Plattform sind zwischen 25 und 50 Jahre alt, zu über 90 Prozent männlich und technikverliebt. "Sie unterstützen Produkte und Lösungen, die sie selbst später einmal nutzen wollen."

Der Businessplan ist erst mit Beginn der Finanzierungsrunde für die Anleger einsehbar. Trotzdem steigen sie oftmals schnell ein. Mancher, sagt Sauer, investiere schon fünf Minuten nach dem Start des Fundings, obwohl er 60 Tage Zeit hätte für die Entscheidung. Seedmatch räumt den Geldgebern deshalb ein Widerrufsrecht von zwei Wochen ein. Für jede abgeschlossene Finanzierungsrunde kassiert Seedmatch bis zu zehn Prozent der eingesammelten Summe. Schließlich, sagt Sauer, feile man mit an der Gründerstory und übernehme die Öffentlichkeitsarbeit für den Fundingprozess.

Über eine Masse von Kleinanlegern finanzierten sich Ende 2010 auch die Gründer der Busmitfahrzentrale DeinBus.de - obwohl es damals in Deutschland noch keine Crowdfunding-Plattform gab. Alexander Kuhr und seine beiden Mitstreiter, die der Bahn mit Reisebussen Konkurrenz machen wollen, nutzten ein ähnlich kleinformatiges Finanzierungsmodell: Sie gaben 100 sogenannte Genussrechte über je 1000 Euro heraus. Auch bei diesem Modell partizipieren die Anleger an den Gewinnen. Sie haben ebenfalls keine Mitspracherechte und verlieren im Konkursfall das investierte Geld.

Unabhängig von Kreditgebern

Auf die Finanzierungsidee kamen die Macher von DeinBus, als sie im Sommer 2010 einen Rechtsstreit mit der Deutschen Bahn ausfochten. Der Riesenkonzern klagte wegen angeblich unlauteren Wettbewerbs gegen das Startup. Während des Prozesses gingen auf dem Konto der Firma immer wieder kleinere Geldbeträge von wildfremden Menschen ein. Auf dem Überweisungsträger wünschten sie viel Erfolg im Kampf gegen die Bahn. Kuhr staunt immer noch darüber, wie schnell sie durch die Genussrechte an Kapital kamen - und das "zu einem Zeitpunkt, wo Banken und Risikokapitalgeber auf jeden Fall abgewinkt hätten". Finanzierungsformen wie zum Beispiel Crowdfunding und Genussrechtsemission, so sein Credo, emanzipieren Startups von öffentlichen Förderprogrammen, Business Angels und Kapitalgesellschaften.

Die Finanzierungsexperten großer Beratungsgesellschaften sind weniger begeistert. Sie bewerten die alternativen Methoden zurückhaltend bis skeptisch. Bernd Papenstein von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PWC etwa sagt, dass Crowdfunding in seinem Berateralltag noch keine Rolle spiele. Und Matthias Rückriegel vom Beratungsunternehmen Roland Berger sagt, dass Schwarmfinanzierungen erst noch "ihren Belastungstest bestehen" müssten.

Seedmatch-Gründer Sauer lässt das kalt. Schließlich habe er es den Skeptikern selbst gezeigt. Er konnte mit seiner Plattform Ende 2010 erst an den Start gehen, als 33 Privatinvestoren je 3000 Euro eingezahlt hatten. "Ab dem Moment", sagt Sauer, "wusste ich, dass Crowdfunding auch in Deutschland funktioniert."

  • FTD.de, 20.08.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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