Eugene Kaspersky kommt rum in der Welt. Gerade erst war er in Jalta bei einer Diskussionsrunde, an der auch die ehemalige amerikanische Außenministerin Condoleeza Rice teilgenommen hat. Sein nächster Termin ist ein Treffen in Brüssel mit europäischen Verteidigungsministern.
Der Mitgründer und Chef des russischen Virenspezialisten Kaspersky Labs ist stolz darauf, welche prominenten Kontakte er vorzuweisen hat, gleichzeitig beunruhigt es ihn: "Es ist schön, wenn man erkannt wird, aber auch schlimm. Um die IT-Sicherheit muss es schon sehr arg stehen, wenn ich als wichtig erkannt werde."
2010 wurde Stuxnet entdeckt, ein Computervirus, das iranische Atomanlagen angriff. Der Vorfall ließ Cybersicherheit auf der politischen Agenda weit nach oben rücken, Politiker aus aller Welt sind daran inzwischen interessiert, was Kaspersky dazu zu sagen hat. Er hatte seit über einem Jahrzehnt Angriffe auf wichtige Infrastrukturanlagen vorhergesagt. Dieses Jahr entdeckte Kaspersky Labs den Computerwurm "Flame", der zur Spionage im Nahen Osten eingesetzt wird.
Stuxnet war den Berichten zufolge dermaßen komplex und kostspielig, dass sich nur ein Staat die Entwicklung leisten konnte. Kaspersky äußert sich besorgt, wohin die Reise gehen könnte.
"Einige sehen Cyberwaffen als Möglichkeit, und wir haben keine Abwehrmaßnahmen", sagt er. "Das ist ein Bumerang, der auf uns zurückfallen kann. Stuxnet infizierte Zehntausende Rechner aus aller Welt, darunter auch Atomkraftwerke, und war professionell entwickelt worden. Man stelle sich nun eine andere Schadware vor, die so viele Rechner in Mitleidenschaft zieht, bei der aber ein Fehler auftritt und zufällig Systeme wie Kraftwerke beschädigt werden."
Es gebe höchstwahrscheinlich bösartige Software, die Kraftwerke und andere zentrale Einrichtungen der Infrastruktur angreifen, sagt er. "Ich habe die Sorge, dass es viel Malware im 'Flame'-Stil gibt, die bislang unsichtbar blieb. Stuxnet wurde nur gefunden, weil zu viele Rechner in zu vielen Ländern damit infiziert wurden."
Vielleicht ist er auch aus privateren Gründen besorgt. Mit IT-Sicherheit ist Kaspersky zum Multimillionär geworden, im Gegenzug wurde seine private Welt unsicherer. Vergangenes Jahr wurde sein 20-jähriger Sohn Ivan entführt und fünf Tage lang von einer Bande gefangen gehalten, die 3 Mio. Euro Lösegeld forderte. Sein Sohn kam unbeschadet frei, aber der Vorfall beschäftigt Kaspersky noch: "Obwohl alles gut ausging, ist ein Schaden geblieben", sagt er und zeigt auf seinen Kopf.
Auch seine eigene Freiheit wurde beschnitten, wenn auch weniger dramatisch: In Russland reist er in Begleitung eines Leibwächters. "Zwischen meinem Zuhause und dem Büro gibt es diesen wunderbaren Park mit Enten", sagt Kaspersky. "Ich bin da immer gerne spazieren gegangen, aber die Security sagt, das gehe jetzt nicht mehr."
Kasperskys Interesse an Computerviren stammt aus seiner Zeit in der Sowjetarmee. Nachdem er für ein ziviles IT-Unternehmen Antivirenprogramme entwickelte, gliederte er den Bereich 1997 aus, als das Mutterunternehmen im Rahmen der russischen Finanzkrise in Not geriet. "Ich hatte keine Wahl", sagt er. "Ich hatte eine Familie mit zwei Kindern und suchte nach einem Weg, mir etwas dazu zu verdienen."
Sein "Zubrot" ist heute ein Konzern mit rund 2500 Mitarbeitern in 30 Ländern und 612 Mio. Dollar Umsatz im vergangenen Jahr. Kaspersky Labs zählt zu den größten nicht börsennotierten IT-Sicherheitsfirmen der Welt. Kaspersky selbst besitzt rund 80 Prozent der Anteile, sein Vermögen wird auf 800 Mio. Dollar geschätzt.
Seine damalige Frau Natalya Kaspersky hat das Unternehmen mit gegründet. "Natalya kam als Vertriebsmitarbeiterin an Bord, als wir bloß ein kleines Projekt waren", sagt Kaspersky. "Sie wollte, dass wir unabhängig werden. Ich scheute davor zurück, schließlich waren wir doch Teil eines angesehenen IT-Unternehmens."
Das Paar ist inzwischen geschieden, Natalya leitet mit Infowatch ihr eigenes Sicherheitsunternehmen.
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Vom Start weg bewarb Kaspersky sein Unternehmen, indem er auf Konferenzen auftrat und Forschungsergebnisse zu Computerviren veröffentlichte. Experten im Ausland merkten auf, und die Einkünfte aus der Verlizenzierung von Antivirustechnologie halfen bei der Expansion.
Kaspersky Labs hat Kunden aus aller Welt, aber in seinem Geschäft ein Russe zu sein, sei noch immer ein Nachteil, sagt Kaspersky. Das Magazin "Wired" etwa unterstellte ihm kürzlich, enge Verbindungen zum russischen Inlandsgeheimdienst FSB zu pflegen. Kaspersky konterte mit einem ausführlichen Dementi gegen den Vorwurf, der seiner Aussage nach ohnehin nur der jüngste Fall in einer ganzen Serie ermüdender Spionageanschuldigungen sei.
"Als wir 1994 unseren ersten Auftrag von einem US-Unternehmen erhielten, waren wir noch ganz klein, aber sofort nutzte die amerikanische Konkurrenz unsere russische Herkunft gegen uns", so Kaspersky. "Ich habe keine Verbindungen, keinen Draht zum Kreml. Ich halte mich fern, nicht nur von ihnen, sondern von allen politischen Parteien."
Bei Internetverbrechen habe er mit der russischen Polizei und FSB zusammengearbeitet, aber ähnlich würde auch Google mit US-Behörden kooperieren, sagt er: "In den USA gilt das als patriotisch."
Kaspersky ist nach eigener Aussage ein Adrenalinjunkie und hat sich bei Virgin Galactic ein Ticket für einen Weltraumflug gekauft. Kürzlich war er einen Monat lang auf der russischen Halbinsel Kamtschatka, wo er - fernab von allen Internetverbindungen - Vulkane bestiegen hat.
"Ich finde es großartig, mal weg von allem zu kommen", sagt er. "Dieses Mal fand ich es aber ein wenig enttäuschend, weil einige Lager anfangen, Internet über Satellit anzubieten."
Aktuell befasst sich Kaspersky damit, für Kraftwerke, Fabriken und andere Infrastrukturanlagen von nationaler Bedeutung Systeme zu entwickeln, die sich nicht hacken lassen. Obwohl die Technologie noch in den Kinderschuhen steckt, hat eine ganze Reihe von Regierungen starkes Interesse angemeldet. Es sei ein Wettrennen gegen die Zeit, damit die Welt keinen Hackerangriff erleben müsse, bei dem beispielsweise ein wichtiges Kraftwerk in Mitleidenschaft gezogen wird, sagt Kaspersky.
"Vielleicht gab es einen derartigen Vorfall aber auch schon und er wurde nicht publik", sagt er. Er lehnt sich nach vorne, will offenbar weiterreden, überlegt es sich dann aber anders und wechselt das Thema.
Seine Hand liegt dabei beschützend auf dem schwarzen Thinkpad-Laptop. Der Rechner ist vollgeklebt mit den Aufklebern, mit denen Flugzeugpassagiere auf Langstreckenflügen signalisieren können, dass sie ihre Ruhe haben wollen: "Bitte nicht stören" steht, auf Englisch und Russisch, in großen roten Buchstaben auf den Stickern.
Aus: The Financial Times, London. www.ft.com