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Merken   Drucken   22.11.2012, 18:39 Schriftgröße: AAA

Die glücklichste Firma Japans: Schön, hier zu arbeiten

Der japanische Mittelständler Mirai Kogyo macht alles anders als die Konzerne des Landes. Mitarbeiter genießen große Freiheiten, dürfen die Zukunft des Unternehmens mitgestalten - und ahnungslose Manager halten sich heraus.
von Sonja Blaschke, Hashima
Eine Fertigungshalle beim japanischen Mittelständler Mirai Kogyo   Eine Fertigungshalle beim japanischen Mittelständler Mirai Kogyo

Am auffälligsten ist es, wenn nichts mehr zu hören ist. Ein Gongschlag und die Angestellten strömen aus den Hallen. Bald darauf keine Stimmen, kein Maschinenlärm, Stille, und das schon um 16.45 Uhr. Pünktlicher Feierabend bei Mirai Kogyo, einem Mittelständler aus der japanischen Provinz zwischen Tokio und Nagoya. Hier drängen sich vierstöckige Fabrik- und Bürogebäude, rundherum Reisfelder, in einigem Abstand Einfamilienhäuser und Tempel. Alles so besinnlich-unauffällig wie überall sonst im Land. Und auch in den Hallen ist das Außergewöhnliche nur schwer ersichtlich, hier entstehen sterbenslangweilige Plastikteile für den Hausbau.

Dabei arbeiten bei Mirai Kogyo Kulturrevoluzzer, Außenseiter. Die Firma bricht seit ihren Anfangstagen mit sämtlichen Prinzipien des hierarchischen, bis ins Kleinste durchgetakteten japanischen Arbeitslebens - und hat damit Erfolg. "Uns ist es lieber, dass die Mitarbeiter acht Stunden lang mit vollem Einsatz arbeiten", sagt Geschäftsführer Katsuhiro Takigawa, der freundlich und routiniert die Entstehung der paradiesischen Arbeitsbedingungen beschreibt. Striktes Überstundenverbot, 140 Tage pauschal frei, zusätzlich bis zu 40 Urlaubstage, keine Einmischung von Managern in Detailarbeit. So attraktiv scheint das Mirai-Modell, dass vor einigen Monaten Abgesandte von Schaeffler hier vorstellig wurden.

Der Impuls für so viel Arbeitnehmerfreundlichkeit ging schon von den Mirai-Gründern aus. Die hatten 1965 keine Lust mehr, im Hamsterrad der japanischen Salaryman zu stecken. Sie waren Freunde, spielten in einer Theatergruppe - und dafür musste ja auch Zeit bleiben. Initiator von Unternehmen wie Künstlertruppe war der 34-jährige Akio Yamada, ein gescheiterter Salaryman, vom Vater damals gerade nach 15 Jahren des Buckelns aus der familieneigenen Firma geworfen. Grund: fehlender Arbeitseifer.

Diese Erfahrung prägte Yamada. Aus seiner Suche nach dem Job, der kreative Ader und Bankkonto zugleich bedient, entstand sein idealer Arbeitsplatz: mitarbeiterorientiert, offen - und mit so viel Freizeit wie nirgends sonst. "Anfangs hatten wir weder Kapital noch Produkte, nur unsere Mitarbeiter. Die waren für uns sehr wichtig, und so haben wir sie auch behandelt", sagt Takigawa. Einmal im Monat wurden abends die Werkzeuge beiseitegelegt und Teppiche zwischen den Maschinen ausgerollt, es gab Bier, Sake und Snacks. Wo sonst Rohre zugeschnitten, Plastikformen gegossen und Haustechnik erfunden wird, fanden Teppichpartys statt. Bis in die 80er, als nur 100 Leute für Mirai arbeiteten, begossen sie so regelmäßig ihren Feierabend.

Die Stimmung ist besser als die Atmosphäre: ...   Die Stimmung ist besser als die Atmosphäre: Mirai-Kogyo-Geschäftsführer Katuhiro Takigawa in seinem Büro

Weil es inzwischen 800 Leute sind, wird im Hotel weitergefeiert. Der Umsatz ist um 1000 Prozent auf umgerechnet gut 270 Mio. Euro gestiegen, Mirai ist Marktführer etwa bei Plastikkästchen für Lichtschalter. Der 81-jährige Yamada schaut heute noch vorbei, wenn er nicht Vorträge über seine Arbeitsphilosophie "Hab' Spaß und mach' Profit" hält.

In Takigawa hat er einen würdigen Nachfolger gefunden. Seit 2000 leitet er das Unternehmen. Getreu dem Firmenmotto "Stets mitdenken!", das überall auf Wänden und Plakaten prangt, will der Chef seine Mitarbeiter zu selbstständigen Menschen erziehen. Nach Verbesserungspotenzial befragt, spricht Takigawa nicht von Umsatzzahlen, sondern sagt: "Ich will die einzelnen Mitarbeiter noch besser in ihrem persönlichen Wachstum fördern." Wer Lust habe mitzudenken, arbeite produktiver und müsse weniger gemanagt werden.

Nach eigenen Angaben liegt die kleine Firma beim Beliebtheitsranking der Arbeitgeber auf Platz 15, mitten unter Japans Weltkonzernen mit ihrer Gehorsamstradition. Zu denen, die die Alternative gesucht haben, zählt der 32-jährige Ingenieur Takuji Nomura. "Die Arbeitszeiten sind kurz, und man hat viel frei", grinst er. So habe er genug Zeit für Motorradtouren und Klettern. "Meine Freunde fragen mich manchmal, ob wir bei Mirai überhaupt richtig arbeiten." Es ist der reine Neid. Denn andernorts endet der Werktag mitunter erst zum letzten Zug um Mitternacht, Anwesenheit bedeutet Engagement. Aber gerade Japaner in Nomuras Alter haben immer weniger Lust, sich für den Arbeitgeber aufzuopfern. Seit einigen Jahren verbreitet sich allmählich der Begriff der Work-Life-Balance.

Nomura schätzt den Vertrauensvorschuss, den ihm sein Arbeitgeber gewährt. "Ich entscheide die Dinge selbst, so wie ich sie für richtig halte." Andere Firmen würden ihm Eigensinn vorwerfen, bei Mirai muss das sein. "Es gibt kein Management", erklärt Takigawa. Die wenigen Führungskräfte seien dazu da, grobe Zielvorgaben zu machen und das Personal bei Laune zu halten. "Der Chef am Tisch hat im Gegensatz zum Mitarbeiter von den Details vor Ort keine Ahnung", sagt Takigawa lächelnd. Deshalb sei bei ihnen das sonst verbreitete Mikromanagement verpönt. Mirai-Mitarbeiter dürfen weder an den Vorgesetzten berichten, noch Rücksprache halten oder um Rat fragen. "Sonst funktionieren alle nur auf Befehl des Chefs", sagt Takigawa.

Die wahren Fachleute dürfen sogar an der Zukunft des Unternehmens mitwirken. Für jede Produktidee, ob gut oder nicht, erhalten sie 5 Euro Prämie, für besonders gute Vorschläge bis zu 300 Euro. Jährlich werden etwa 15.000 Ideen generiert, aus denen schon rund 3000 Patente entstanden sind. Ob sich die Ideenmaschine lohnt, könnten sie nicht beziffern, sagt ein leitender Angestellter in der Verwaltung. "Das mögen manche bescheuert finden. Aber das Vorschlagssystem gibt den Mitarbeitern das Gefühl, sich selbst einen angenehmen Arbeitsplatz zu gestalten."

Der Lohn sind treue Angestellte. "Wir haben null Fluktuation", sagt Takigawa. Viele sind Veteranen, wie der 65-jährige Fumio Suemori, der in der Fertigungshalle Produkte abpackt. Bis 70 will er seinen Dienst tun, fünf Jahre nach dem Erreichen des Rentenalters. Im Durchschnitt erhält ein 65-Jähriger bei Mirai etwa 70.000 Euro. Das wäre in Tokio Mittelmaß, doch in der Provinz ist es Spitze. Frauen wiederum hält das Unternehmen durch großzügige Regelungen für Schwangere. Wo sie sonst zu spüren bekämen, dass ihre Kündigung erwartet wird, werde ihnen hier ihr Arbeitsplatz aufgehoben, sagen zwei Frauen aus der Verwaltung. Und der Mutterschaftsurlaub wurde von sechs Wochen auf drei Jahre verlängert.

Erfolg auch ohne gut geölte japanische Knechtmaschine - warum tun sich andere Unternehmen mit einem Kulturwandel so schwer? "Weil sie Angst haben, vom Kunden eins aufs Dach zu kriegen", sagt Takigawa. Dass Mirai im Winter einfach mal 20 Tage zumacht, habe manche Kunden anfangs irritiert, sagt einer aus der Verwaltung. Doch weil sie sahen, wie sehr sich die Mitarbeiter einsetzten, um Probleme zu lösen und Kundenwünsche trotzdem prompt zu erfüllen, hätten sie weiter bestellt.

Um 16.20 Uhr, noch vor dem Feierabendgong, macht sich der Fotograf auf die Suche nach Ingenieur Nomura. "Der ist schon heimgegangen", sagt ein Kollege, "der hat Flextime".

  • Aus der FTD vom 23.11.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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