Von Berlin nach Kapstadt sind es Luftlinie 9636 Kilometer. Von uns aus gesehen ist das tatsächlich das andere Ende der Welt. Es ist also verständlich, dass Südafrika in der Gedankenwelt vieler Unternehmer immer noch ganz weit weg ist.
Dabei ist Deutschland der zweitwichtigste Importpartner des Landes am Kap. Als Abnehmer steht die Bundesrepublik auf Platz vier. Insgesamt belief sich das Handelsvolumen zwischen den beiden Ländern im vergangenen Jahr auf 14,8 Mrd. Euro, südafrikanische Exporte nach Deutschland machten davon 6,2 Mrd. aus.
"Die Liste der in Südafrika tätigen Unternehmen liest sich wie das Who is Who der deutschen Industrie", sagt Matthias Boddenberg, Leiter der deutschen Auslandshandelskammer (AHK) in Johannesburg. Dazu zählten unter anderem BASF, Bayer und Siemens. Maschinen- und Anlagenbauer wie ThyssenKrupp , Uhde, Linde und Bilfinger Berger Power Holdings seien dort ebenfalls sehr aktiv und erfolgreich. Zunehmend ließen sich auch Unternehmen aus dem Bereich der erneuerbaren Energieerzeugung am Kap nieder. Jüngstes Beispiel ist die Firma JUWI, die erst vor wenigen Wochen ihre Niederlassung in Kapstadt eröffnet hat. Ein aktuelles Wirtschaftswachstum von rund drei Prozent, die gute Infrastruktur, das verlässliche Bankenwesen und eine demokratische Regierung, die die wirtschaftliche Entwicklung des Landes im Auge hat und unterstützt, machen Südafrika zu einem attraktiven Investitionspflaster.
"Besonders erfolgreich sind große Automobilunternehmen wie VW, BMW und Daimler , die jeweils mit eigenen Produktionsstätten in Südafrika vertreten sind", sagt Michael Monnerjahn, Sprecher des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft in Hamburg. Diese haben auch den Mittelstand nachgezogen, Zuliefererfirmen für den Automobilbereich wie etwa Benteler und Bosch. "Daimler investiert aktuell 193 Mio. Euro in den Ausbau des südafrikanischen Mercedes-Benz-Werks in East London", sagt ein Sprecher des Autoherstellers. Daimler hat nach eigenen Angaben in den vergangenen zehn Jahren bereits mehr als 483 Mio. Euro in Südafrika investiert.
Ähnlich sieht es auch bei dem Konkurrenten aus Bayern aus: "Für BMW ist Südafrika das mit Abstand absatzstärkste Land in Afrika", sagt ein Sprecher. Hier werde jedoch nicht nur für den lokalen Markt, sondern auch für den Export in die USA, Kanada, Japan, Südostasien, Australien und Neuseeland produziert. Nach eigenen Angaben belaufen sich die Investitionen von BMW in Südafrika im Zeitraum 2009 bis 2012 auf 212 Mio. Euro. Und man wolle die Kapazitäten in Südafrika noch weiter ausbauen.
Doch jüngst trübten ein paar Wolken die guten Aussichten am Kap: Ausgelöst durch die Finanz- und Wirtschaftskrise erlebte Südafrika seine ersten Rezession seit 17 Jahren, die die Arbeitslosigkeit auf fast 25 Prozent ansteigen ließ. In diesem Zusammenhang geriet auch Südafrikas wichtigster Handelspartner in die Kritik. Seit 2008 ist China sowohl im südafrikanischen Import als auch im Export die Nummer eins. Das enorme Engagement der Chinesen ist - auch in Südafrika selbst - umstritten, weil sich die Partnerschaft bislang als sehr einseitig erwiesen hat.
Kurz gefasst basiert der Handel zwischen China und Südafrika in erster Linie darauf, dass chinesische Staatsunternehmen Rohstoffe ex- und billige Konsumgüter importieren. Südafrika kann davon nur wenig profitieren, weil die Entwicklung der weiterverarbeitenden Industrie im Land so kaum vorankommt. Die Chinesen schaffen keine neuen Arbeitsplätze und wenn, dann werden die mit chinesischen Gastarbeitern besetzt.
Der südafrikanische Handelsminister Rob Davies ist sich dieser Problematik durchaus bewusst, bemüht sich allerdings, die gute Seite der Zusammenarbeit hervorzuheben: "Dank der engen Zusammenarbeit mit China hat uns der wirtschaftliche Abschwung anderer wichtiger Handelpartner, wie Europa und den USA, weniger stark getroffen."
Mehr zu: Afrika, Best of European Business, Entrepreneurship, Kapstadt, Mittelstand
Was den Kampf gegen die Arbeitslosigkeit angeht, versuche man den Nummer-eins-Investor einzubinden: "Wir versuchen gerade intensiv, den Chinesen klarzumachen, dass es sich auf lange Sicht mehr lohnt, in das Wachstum unserer Produktionskapazitäten zu investieren, anstatt fertige Güter auf einen Frachter zu packen und zu uns zu schicken", so Davies.
Das Land sei sich bewusst, dass die enge Zusammenarbeit mit den Chinesen von globaler Bedeutung ist und weltweit sehr genau beobachtet wird. "Aber wir wollen keine Exklusivpartnerschaft mit China, wir wollen andere Investoren auf keinen Fall ausschließen. Und ganz bestimmt wollen wir auch nicht verschiedene Investoren gegeneinander ausspielen", sagt der Minister. Im Gegenteil: Man hoffe auf ein zunehmendes Engagement seitens der traditionellen Partner EU und USA. Da beide aber immer noch mit ihren wirtschaftlichen Problemen haderten, müsse sich Südafrika eben dynamischeren Wirtschaftskräften gegenüber öffnen.
Vor allem Indien und Brasilien, Teil der sogenannten Brics-Staaten Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika, haben in der jüngsten Vergangenheit den Standort Südafrika für sich entdeckt. Die indische Tata-Group ist hier bereits größter Unternehmensinvestor. Man könne durchaus von einem "Run on Africa" sprechen, sagt Davies. Und da Südafrika traditionell das Tor zu Afrika sei, profitiere der gesamte Kontinent davon. Die meisten Afrika-Investoren zögen nämlich von Südafrika aus weiter in andere Subsahara-Staaten.
Aber was bedeutet der Run auf die Schwellenländer für deutsche Unternehmen? Insbesondere China legt oft Finanzierungsangebote vor, bei denen Deutschland nicht mithalten kann. "Das verdient nicht einmal mehr den Begriff "Softloan", sondern das sind schon fast zinslose Kredite, deren Rückzahlung auf sehr lange Zeiträume gestreckt wird", sagt Boddenberg von der AHK.
Trotzdem seien deutsche Firmen in der Regel durchaus wettbewerbsfähig. Erstens: Die hohe Qualität deutscher Produkte wird in Afrika geschätzt. Und dass diese Qualität ihren Preis hat, wird meist anerkannt. Zweitens haben deutsche Unternehmer - nicht nur in Südafrika, sondern im gesamten südlichen Afrika - den Ruf, verlässlich zu sein. Und sie beziehen die lokalen Partner mit ein und bieten Aus- und Weiterbildung an.
"Afrika hat viele Länder, die noch am Anfang ihrer Entwicklung stehen. Wer in diesen Märkten frühzeitig präsent ist, hat ein enormes Wachstumspotenzial", sagt Monnerjahn vom Afrika-Verein. Für deutsche Unternehmen ist jetzt ein guter Zeitpunkt, am anderen Ende der Welt zu investieren. Sie sollten sich an das afrikanische Sprichwort halten, das sagt: "Der beste Zeitpunkt, einen Baum zu pflanzen, war vor zwanzig Jahren. Der zweitbeste ist genau jetzt."