Eigentlich war die Firma Smarttec schon über den Berg. Fünf Jahre lang war der Kundenstamm stetig gewachsen, Umsatz und Gewinn hatten sich prächtig entwickelt. Mitte 2008 hatten die drei Firmengründer und ihre inzwischen 30 Mitarbeiter gerade ein neues Firmengebäude in Rodgau bezogen. Doch dann kam die Krise und die Umsätze der Smarttec-Kunden aus der Elektronikindustrie brachen massiv ein. "Wir befanden uns plötzlich in einer prekären Situation", erinnert sich Smarttec-Mitbegründer Roland Feuser. "Wir hatten stark expandiert und unsere Kreditlinien voll ausgereizt. Maschinen, die wir in den USA und in Asien einkaufen, mussten vorfinanziert werden. Aber angesichts der schwachen Zahlenlage war die Bank nicht bereit, unser Kreditlimit zu erhöhen. Wir hatten plötzlich ein echtes Liquiditätsproblem."
Das hätte dem jungen Unternehmen leicht zum Verhängnis werden können. Aber Smarttec hat die Krise gut überstanden - dank Factoring. Durch Vermittlung seiner Sparkasse wurde Feuser Kunde der Deutschen Factoring Bank. Die übernahm die Forderungsbestände und stellte dem Unternehmen die nötigen Mittel zur Verfügung, um den akuten Liquiditätsengpass zu überbrücken. Heute geht es der Firma besser denn je, und Factoring ist fester Bestandteil der Unternehmensfinanzierung.
"Wir können häufig auch dort noch etwas machen, wo sich die Banken schon zurückziehen", erklärt Volker Ernst, Geschäftsführer des Unternehmens Ernst Factoring und Vorsitzender des Bundesverbands Factoring für den Mittelstand. Denn anders als die Banken verlangen Factoringfirmen keine zusätzlichen Sicherheiten. Für sie zählt vielmehr die Qualität der Forderungen, sprich die Zahlungsfähigkeit der Kunden des Factoring-Nehmers. "Natürlich schauen wir uns die Bonität neuer Kunden genau an", sagt Hans-Dieter Dohmen, Vertriebsleiter der Deutschen Factoring Bank, "aber wichtig ist vor allem, dass die Kundenstruktur stimmt".
Das macht das Thema Factoring gerade auch für junge Unternehmen mit guter Auftragslage, aber knapper Liquidität interessant. Denn die Kunden erhalten ihr Geld von der Factoringgesellschaft in der Regel binnen 48 Stunden nach Rechnungsstellung und können so neue Aufträge vorfinanzieren.
Das Konzept überzeugt, die Branche boomt. Die Zahl der Factoringnehmer hat sich in den letzten fünf Jahren mehr als verdreifacht, auf inzwischen 14.600 Unternehmen in Deutschland. Seit 2005 hat sich auch das Factoringvolumen in Deutschland fast verdreifacht. Im Jahr 2011 stieg der Umsatz der im Deutschen Factoring-Verband organisierten Unternehmen um 19 Prozent auf rund 157 Mrd. Euro. Die Zuwächse kommen vor allem aus dem Mittelstand: Schon mehr als 45 Prozent des Factoringvolumens werden mit Firmen im Umsatzbereich bis zehn Mio. Euro erwirtschaftet, weitere 23 Prozent im Bereich zwischen 10 und 50 Mio. Euro. "Im Mittelstand ist die Akzeptanz stark gestiegen, vor allem überall dort, wo ein Generationswechsel stattgefunden hat", beobachtet Alexander Moseschus, Geschäftsführer des Deutschen Factoring-Verbands.
Nach einer Studie der Universität zu Köln ist das wichtigste Motiv für den Einsatz von Factoring die Liquiditätssicherung und eine größere Unabhängigkeit von den Banken. Wichtig ist den Unternehmen auch der Schutz vor Zahlungsausfällen - schließlich ist der Factoringkunde über die Factoringgesellschaft grundsätzlich gegen Forderungsausfälle versichert. Als umsatzbezogenes Finanzinstrument ist Factoring außerdem deutlich flexibler als die Finanzierung über starre Kreditlinien.
Gleichzeitig entlastet Factoring die Bilanz. Mit der Eigenkapitalquote steigt die Bonität und damit verbessert sich das Rating. Factoring kann Unternehmen also auch gegenüber der Bank mehr Verhandlungsspielraum und die Aussicht auf bessere Kreditkonditionen verschaffen. Außerdem optimiert Factoring die internen Zahlungsströme. Firmen, die ihr Geld sofort bekommen, können auch ihre Lieferanten schneller bezahlen und Frühzahlerrabatte nutzen.
"Seit wir Factoring einsetzen, sparen wir 80.000 Euro jährlich allein durch die konsequente Nutzung aller Skonti", erzählt ein Kunde von Ernst Factoring. Der Hersteller von Steuerungselementen für den Maschinenbau, der mit 40 Mitarbeitern rund 7 Mio. Euro Umsatz erwirtschaftet, hat jährliche Factoringkosten von rund 30.000 Euro. Unterm Strich spart er durch den Einsatz von Factoring also rund 50.000 Euro im Jahr.
Die Rechnung geht allerdings nicht immer so glatt auf. Und ohne konkretes Angebot einer Factoringgesellschaft lässt sich kaum prüfen, ob sich der Einsatz lohnt. Im direkten Kostenvergleich zur Kontokorrentlinie schneidet Factoring erst einmal schlechter ab. Denn die Gesellschaften kassieren für ihre Dienstleistung eine Gebühr von bis zu 3,5 Prozent der Rechnungssumme. Dazu kommen Zinskosten für den Zeitraum zwischen dem Ankauf der Forderung und dem Eingang der Zahlung beim Factoringanbieter.
Wie hoch die Factoringkosten am Ende sind, hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab: Wie werden die individuellen Risikoszenarien bewertet, wie zahlungskräftig sind die Kunden? Generell erhalten Firmen mit einem gut diversifizierten Kundenkreis bessere Konditionen als Unternehmen, deren Geschäft an wenigen Abnehmern hängt. Und natürlich gibt es Mengenrabatte, größere Firmen müssen für Factoring in der Regel auch weniger zahlen. "In die Kalkulation eines Factoringangebots fließen bis zu 20 Parameter ein", schätzt Factoringbroker Manfred Gerold, "und die werden von den Gesellschaften unterschiedlich gewichtet".
Ein wichtiges Element ist die Art des Factorings, die gewählt wird. So verbleibt beim Inhouse-Factoring das gesamte Debitorenmanagement in der Hand des Factoringkunden. Die Factoringgesellschaft übernimmt nur die Forderungsfinanzierung und die Delkrederefunktion, sprich den Schutz gegen Forderungsausfälle. Dieses Verfahren ist preisgünstiger, setzt aber ein funktionierendes Debitoren- und Forderungsmanagement voraus. Beim Full-Service-Factoring übernimmt der Factoringanbieter das gesamte Debitoren- und Forderungsmanagement. Die Firma spart sich dadurch viel Aufwand in Buchhaltung und Mahnwesen. Ob das die höheren Factoringgebühren für den vollen Service aufwiegt, hängt wiederum vom Einzelfall ab. Eine Mischform ist das Fälligkeitsfactoring: Hier nutzt der Factoringkunde die Vorteile der Risikoabsicherung und der Entlastung beim Debitorenmanagement, verzichtet aber auf die sofortige Regulierung des Kaufpreises.
Grundsätzlich gilt: Factoring ist besonders gut für die Wachstumsfinanzierung geeignet, der Einstieg rechnet sich vor allem in Phasen des Aufschwungs. Wer gerade mit sinkenden Umsätzen kämpft und nicht dringend eine Finanzierungsalternative benötigt, sollte den Forderungsverkauf besonders genau prüfen.
Sind Forderungen bereits an eine Bank abgetreten, ist es meist zu teuer, sie wieder abzulösen. Factoring eignet sich in der Regel auch nur für Unternehmen mit einem größeren gewerblichen Kundenkreis, weitgehend standardisierten Produkten oder Dienstleistungen und überschaubaren Zahlungszielen. Investitionsgüter oder Bauleistungen mit extrem langen Zahlungszielen und hohen Reklamationsrisiken sind kaum factoringfähig. Und für Unternehmen mit einem Forderungsvolumen von unter 200.000 Euro gibt es noch immer kaum sinnvolle Factoringangebote.