Die Macher hinter den News: Porträts von Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft.
Das graue Haar fällt in einen akkuraten Scheitel. Die etwas rauhe Stimme klingt bestimmt. Die Worte sind fast immer druckreif. Wegbegleiter des ehemaligen Daimler -Finanzvorstands Manfred Gentz sagen, er sei ein Gentleman der alten Schule. Andere glauben, der Jurist hätte seinen Beruf verfehlt und durchaus einen guten Diplomaten abgegeben.
An die kniffligen Missionen macht sich der 70-jährige Ex-Manager nun seit einigen Jahren heran - oft im Spannungsfeld zwischen Wirtschaft und Politik. Nun hat er sich in ein weiteres Schlachtfeld gestürzt. Als Präsident des deutschen Ablegers der Internationalen Handelskammer (ICC) schrieb er mit seinem Vize Klaus-Peter Müller im Namen von 35 großen deutschen Konzernen einen Brief an die Chefs der Bundestagsfraktionen. Das UN-Abkommen gegen Korruption müsse so schnell wie möglich in Kraft treten, forderte er. Seit Jahren verschleppen die deutschen Parlamentarier die Entscheidung. Für Gentz völlig unverständlich.
Nicht zum ersten Mal macht sich Gentz zum Fürsprecher ethischer Standards. Schon als Daimler-Vorstand war er vor rund zehn Jahren nebenher Unterhändler der deutschen Wirtschaft für die Entschädigung von NS-Zwangsarbeitern. Im Mai dieses Jahres knöpfte er sich die Aufsichtsratschefs der DAX -Konzerne vor und forderte eine Deckelung überzogener Managementgehälter. In den Führungsetagen galt das als Tabubruch, vor allem, weil das geheime Schreiben an die Öffentlichkeit gelangte.
Außenstehende könnten den Eindruck bekommen, dass sich Gentz als Wächter vorbildlicher Unternehmensführung profilieren will. Die ihn kennen, bestreiten das. Er lege nur ausgesprochenen Wert auf Korrektheit, sagte ein ehemaliger Vertrauter, selbst, wenn er einige Leute damit nervt. "Wenn Sie ihm am Abend eine schriftliche Vorlage mit 1000 Seiten geben, dann zeigt er ihnen am nächsten Morgen alle Kommafehler darin."
Fleiß, Pünktlichkeit und Akkuratesse - Gentz gesteht selbst, dass er preußische Tugenden für wichtig hält. Vielleicht liegt das daran, dass seine aus Berlin stammende Familie seit vielen Generationen Juristen hervorgebracht hat, die preußischen Herrschern gedient haben. Berlin liegt ihm am Herzen. Gentz koordinierte nach der Wende den Neubau des Potsdamer Platzes, heute sammelt er Spenden für den Wiederaufbau der Garnisonskirche Er gilt als umfassend gebildet. "Feingeist", nennt ihn eine frühere Mitarbeiterin.
Mit seiner eher leisen, zurückhaltenden Art kam er als Daimler-Finanzvorstand wenig gut mit dem damaligen Konzernchef Jürgen Schrempp zurecht. Von Feindschaft ist gar die Rede. Als der Haudrauf Schrempp den Kauf des US-Konzerns Chrysler propagierte, grätschte der nüchterne Zahlenmensch Gentz dazwischen. Erfolglos. Schrempp setzte sich durch, Gentz ging 2004 in Rente. Schrempp folgte ihm ein Jahr später - als klar war, dass die transatlantische Fusion gegen die Wand fahren würde.
Zur Ruhe setzte Gentz sich nicht. Er sammelte Mandate in Aufsichtsräten, bei Stiftungen und wissenschaftlichen Einrichtungen. Ein kleines Déjà-vu-Erlebnis zu seinen Daimler-Erfahrungen ereilte ihn dieses Jahr als Chefkontrolleur der Deutschen Börse. Deren Chef Reto Francioni scheiterte mit dem Kauf des New Yorker Konkurrenten NYSE Euronext . Als Forderungen nach Francionis Rücktritt laut wurden, hielt Gentz seine Hand über ihn und sorgte hinter den Kulissen für Ruhe und Ordnung.
Aus seiner Daimler-Zeit stammt eine bezeichnende Anekdote: So wollte Chrysler-Chef Robert Eaton in einer Sitzung mal kurz ein Detail von ihm wissen. Gentz gab gründlich Auskunft - etwa 20 Minuten lang. Eaton soll mit einem Gleichnis geantwortet haben: "Ich habe dich nach der Uhrzeit gefragt, und du erklärst mir, wie die Uhr funktioniert."