Es ist das jährliche Ritual der Investmentbanker, wenn es ums Thema Börsengänge in Deutschland geht: Jedes größere IPO mit einem Emissionsvolumen von wenigstens 100 Mio. Euro gilt gleich als "Eisbrecher", der weitere Unternehmen zu diesem Schritt ermutigt. So wurden auch der Telefongesellschaft Telefonica Deutschland (O2) oder dem Versicherer Talanx nach ihren Börsengängen im Oktober wieder Eisbrecherqualitäten zugeschrieben.
Natürlich ist die Hoffnung auf einen Aufschwung bei Börsengängen unter Investmentbankern nicht uneigennützig. Die Platzierung von Aktien bei Investoren gehört zu den lukrativsten Mandaten überhaupt. Je nach Umfang der Aktien locken zwischen ein und fünf Prozent des Emissionserlöses als Provision.
Doch die Geschäfte laufen in Deutschland seit Jahren schlecht, Börsengänge sind inzwischen unpopulär - und das bei Unternehmen auf der Suche nach Eigenkapital ebenso wie bei Investoren. Es ist bemerkenswert, dass sich in der Liste der Fast 50 nur zwei börsennotierte Unternehmen finden: GK Software und M-U-T.
Auch Fast-50-Gewinner Inexio steht dem Thema verhalten gegenüber. Zwar könne ein Börsengang einem Unternehmen viel Kapital einbringen. Doch "im Gegenzug sind hohe gesetzliche Vorgaben zu erfüllen, die einen entsprechenden administrativen Aufwand nach sich ziehen", sagt Inexio-Referent Thomas Schommer. Auf der Suche nach Eigenkapital spielt die Börse - anders als vor zehn Jahren - derzeit in Deutschland offenbar keine Rolle. Die Firmen bevorzugen Risikokapitalgeber, sonstige private Investoren oder bleiben von Anfang an in den Händen der Gründer.
Die Ursachen sind vielfältig und reichen vom Kostenargument über die seit Jahren nur durchwachsene Börsenstimmung bis hin zum Wunsch, nicht alle Details und Zahlen fortwährend offenlegen zu müssen. "In einer dynamischen, frühen Wachstumsphase ist ein Venture-Capital-Geber oft sinnvoller, weil so die Entscheidungswege zum Kapital kurz sind und die Öffentlichkeit gering gehalten wird, was das Unternehmen vor Wettbewerb schützen kann", sagt Roger Peeters, Vorstand der Close Brothers Seydler Bank in Frankfurt.
Tatsächlich fürchten viele Unternehmen auf der aktuellen Fast-50-Liste besonders die Konkurrenz. Gleichzeitig ist das Interesse seitens der Investoren am Kapitalmarkt an schnell wachsenden Unternehmen dieser Bereiche aber eher gering. Das zeigt der Rückblick auf die vergangenen Jahre: 2007 markierte eine Zäsur im Markt für Börsengänge im streng regulierten Prime Standard. 19 Unternehmen sammelten seinerzeit noch zusammen rund 6,2 Mrd. Euro ein.
Mit der Eskalation der Finanzkrise zwischen Ende 2007 und Frühjahr 2010 trauten sich lediglich drei Konzerne auf den Markt, und das Platzierungsvolumen aller Börsengänge seit Anfang 2008 summiert sich auf lediglich 4,1 Mrd. Euro. Schnell wachsende Technologiekonzerne sind eine rare Ausnahme unter den deutschen Börsengängen der letzten Jahre. Meistens handelt es sich um IPOs chinesischer Konzerne oder Umplatzierungen von Finanzinvestoren. Zudem fällt die Bilanz der wenigen Börsengänge schnell wachsender Firmen wenig schmeichelhaft aus: Erstzeichner der 2007 platzierten SMA Solar Technology erlitten bis heute rund 70 Prozent Kursverlust, die Aktien der 2010 platzierten Exceet Group und der 2011 an die Börse gegangenen RIB Software haben sich mehr als halbiert.
Ohne die Aussicht auf ein begeisterungsfähiges Börsenumfeld fällt das Kernargument gegen einen Börsengang umso stärker ins Gewicht: Dies sind die Kosten für das Eigenkapital und vor allem sogenannte Ewigkeitskosten für die Investorenbetreuung, Hauptversammlungen sowie Zwischen- und Jahresbilanzen. "Börsennotierungen insbesondere in den hochregulierten Segmenten gehen mit nicht unerheblichen Fixkosten einher. Das kann kleine, junge Firmen abschrecken", sagt Close-Brothers-Vorstand Roger Peeters.
Eine Notierung im streng regulierten Prime Standard der Deutschen Börse ist indes Voraussetzung, um von professionellen Investoren überhaupt ernst genommen zu werden. In diesem Segment erreichen dann die Kosten schnell zwischen sechs und neun Prozent des einzuwerbenden Eigenkapitals. Zudem fällt ein hoher Fixkostenblock von einem niedrigen einstelligen Millionenbetrag für Prospekterstellung, Due Dilligence, Beratung und interne Personalkosten an. So wird ein Börsengang in der Regel erst bei einem zu erwartenden Emissionserlös von 50 Mio. Euro und mehr zu einer ernsthaften Alternative für Firmeninhaber.
Zum Vergleich: Venture-Capital-Finanzierungen fallen in der Regel erheblich kleiner aus: 2011 erhielten nach Angaben des Bundesverbands deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften 1174 Unternehmen rund 5,9 Mrd. Euro an Beteiligungskapital - das entspricht im Schnitt also rund 5 Mio. Euro je Transaktion. Diese Statistik umfasst indes auch größere Firmentransaktionen, die sogenannten Buyouts. Ohne jene großen Übernahmen flossen im Schnitt nur etwa 1 Mio. Euro je Transaktion.
Eine Wende zum Besseren im Verhältnis zwischen schnell wachsenden Unternehmen und der Börse ist vorerst nicht in Sicht. "Der deutsche Aktienmarkt hat seit der Schließung des Neuen Marktes eine Lücke bei jungen Wachstumsunternehmen, die nicht geschlossen ist", sagt Close-Brothers-Vorstand Peeters. Selbst die Stabilisierung der Aktienmärkte nach den Wirren der Finanzkrise konnte den IPO-Markt in Deutschland nicht nachhaltig beleben, zumal Investoren an der Börse derzeit eher günstige, etablierte und ausschüttungsstarke Konzerne mit gering zyklischen Geschäftsfeldern den schnell wachsenden Firmen vorziehen. Den letzten Rest Hoffnung auf ein Comeback der Börsengänge schnell wachsender Konzerne zerstörte der verpatzte Facebook -Börsengang: Von einem Emissionspreis von 38 Dollar stürzte die Aktie auf zuletzt nur noch 22 Dollar.