Die Macher hinter den News: Porträts von Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft.
Fast wäre er selbst ins All geflogen. Vor 35 Jahren gehörte Jean-Jacques Dordain zum kleinen Kreis von fünf französischen Astronautenanwärtern, für einen Flug im Spacelab an Bord einer US-Raumfähre. Doch der inzwischen 66-Jährige flog nicht, die Spaceshuttles sind inzwischen eingemottet, und der Franzose entscheidet von der Erde aus über Europas Weltraumpläne. Seit Juli 2003 ist der Maschinenbauingenieur Generaldirektor der Esa, Europas Weltraumorganisation, dem Gegenstück zur Weltraumbehörde Nasa der USA.
In dieser Woche hat Dordain den vielleicht schwierigsten Kraftakt seiner langen Karriere zu stemmen. Der Esa-Ministerrat tagte am Dienstag und Mittwoch in Neapel. Das Treffen ist die wichtigste Strategiekonferenz des komplizierten Organisationskonstrukts auf politischer Ebene, mit enormen Auswirkungen für die europäische Raumfahrtindustrie. Der Ministerrat tritt in der Regel nur alle vier Jahre zusammen. Er legt gewissermaßen die mittelfristigen Leitplanken für die europäischen Vorhaben fest: Wann wird eine neue Ariane 6 gebaut? Entwickelt Europa ein eigenes System zur Überwachung von Weltraumschrott? Wie sieht die Beteiligung an der Internationalen Raumstation aus?
Doch diese ohnehin komplexen Entscheidungen werden in der europäischen Konstellation der Entscheidungsträger in einem diffusen Machtpoker entschieden. Während die Aufstellung der Nasa und deren Abhängigkeit von der US-Regierung vergleichsweise simpel ist, herrscht in Europa eine kunterbunte Gemengelage. Bei der Esa bestimmen 20 Mitgliedsstaaten mit. Und jedes Land verfolgt dabei eigene nationale politische und wirtschaftliche Interessen.
Dordain stellt das etwas anders dar. Im Vergleich zu US-Großprojekten sei die Arbeit der Esa weniger spektakulär, meint er. "Dafür ist sie nützlicher", betont der Mann mit der markanten, runden Hornbrille und dem verschmitzten Lächeln. Forschung und Umweltschutz hätten bei der Esa absolute Priorität und nicht Rüstung oder bemannte Raumflüge.
Dordain taktiert und orchestriert die zwischenstaatliche Organisation mit europaweit gut 2200 Beschäftigten und einem Jahresbudget von 4 Mrd. Euro offenbar so gut, dass er bereits dreimal wiedergewählt wurde. Dordains Amtszeit läuft noch bis 2014 - dann ist endgültig Schluss. Möglicherweise verabschiedet er sich dann noch einmal mit einem Spitzentreffen des Ministerrats.
Die technischen Aspekte der Raumfahrt kennt Dordain aus dem Effeff. Nach dem Studium begann er seine Laufbahn bei der französischen nationalen Luft- und Raumfahrtagentur Onera, wo er für Raketen zuständig war. Herausfordernder sind daneben vor allem Finanzierungsfragen und Machtabwägungen. Reibereien zwischen den Esa-Mitgliedsländern prägen den Charakter der Organisation. Dordain hat auch dafür eine eigene Formulierung: "Die Zusammenarbeit zwischen den Esa-Ländern ist eine fantastische Erfahrung."
Richtig schwierig wird Dordains Arbeit auch dadurch, dass sich große Esa-Mitgliedsländer wie Deutschland, Frankreich oder Italien neben den gemeinsamen europäischen auch noch nationale Raumfahrtprogramme leisten. Und zu all dem mischt sich auch noch die Europäische Kommission verstärkt ein. Die ignoriert vor allem ein Prinzip der Esa: die "Geo-Returns". Vereinfacht ausgedrückt bedeutet das, dass ein Mitgliedsstaat ungefähr den Anteil an Aufträgen für seine Raumfahrtindustrie erhält, für den er zuvor in das Gemeinschaftsprojekt einbezahlt hat. Das geht nicht immer unbedingt auf. Als sich das Navigationssatellitenprojekt Galileo unter Esa-Regie immer weiter verzögerte und verteuerte, übernahm die EU-Kommission einfach die Führung.