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Wolfgang Reitzle ist gerade an einem der angenehmeren Punkte, die eine Karriere im Topmanagement so zu bieten hat. Sein Vertrag als Vorstandschef des DAX -Konzerns Linde läuft noch bis Mai 2014. Ein Jahr vorher, also schon in sechs Monaten, soll sein Kronprinz feststehen. Der 63-Jährige hat seit seinem Amtsantritt Anfang 2003 zwei Milliardenkäufe über die Bühne gebracht und den Mischkonzern zum Weltmarktführer für Industriegase umgebaut. Viel falsch machen kann er nicht mehr.
Also positioniert er sich schon mal für seine Karriere nach der Zeit an der Vorstandsspitze. Reitzle gilt aufgrund seiner Erfolgsbilanz als Kandidat für die Chefposten zahlreicher Aufsichtsräte. Er wäre, ähnlich wie Ex-Bayer -Chef Werner Wenning, ein natürlicher Nachfolger der Multiaufsichtsräte Manfred Schneider oder Gerhard Cromme, die erheblichen Einfluss auf die deutsche Großindustrie haben.
In einem Gespräch für das am Montag erschienene Buch "Gute Führung" von Burkhard Schwenker, dem Aufsichtsratschef von Roland Berger, hat Reitzle etwas an Programmatik durchblicken lassen - und dabei seine Kaste mit bemerkenswerter Schärfe kritisiert.
Reitzle wirft Teilen des deutschen Spitzenmanagements mangelnde Professionalität vor. Mitunter sei es unter Vorständen schwierig, sachlich zu argumentieren, beispielsweise wenn es um eine milliardenschwere Transaktion gehe, so Reitzle. "Manchmal werden Vorbehalte, obwohl inhaltlich gut begründet, leider als persönliche Kritik missverstanden. Dadurch können in der Wirtschaft in Einzelfällen Milliarden vernichtet werden."
Zudem seien Vorstände oft opportunistisch. "Wenn tatsächlich ein Vorstandsmitglied den Weg korrigieren will, den der Chef schon für sich entschieden hat, stehen die anderen oft nur passiv daneben und warten gespannt, was passiert. Im schlechtesten Fall behalten sie ihre Zweifel für sich und bleiben sicherheitshalber auf der Seite des Chefs. Gute Führung heißt aber auch, sich nicht mit Opportunisten zu umgeben", so Reitzle.
Seine Aussagen sind ein seltener Fall von Selbstkritik unter deutschen Spitzenmanagern, die sich seit einigen Jahren verstärkter Kritik ausgesetzt sehen, ob ihre Millionengehälter gerechtfertigt sind. Auch Reitzle selbst steht im Schlaglicht: Mit einem Umsatz von 14 Mrd. Euro liegt sein Konzern im Mittelfeld des DAX. Er selbst schaffte es mit einem Jahressalär von zuletzt 6,8 Mio. Euro aber auf Rang vier. Was er für sich verbuchen kann: Lindes Aktienkurs hat er vervierfacht.
Seinen Kollegen Vorstandschefs liefert er ein Rezept: Emanzipation von ihren Kontrolleuren. "Als ich Vorstandschef bei Linde wurde, hatte der Aufsichtsrat vielleicht eine andere Erwartungshaltung an das, was ich machen würde. Ich sollte Linde weiterentwickeln - allerdings mit Priorität auf den Sparten Gabelstapler und Kältetechnik." Tatsächlich verkaufte er diese Unternehmensbereiche.
Was er selbst nach dem Mai 2014 konkret vorhat, ist noch nicht klar. Eigentlich hatte er direkt vom Vorstand in den Aufsichtsrat wechseln wollen - was gegen die deutschen Usancen verstoßen hätte. Nachdem die FTD über seine Pläne berichtet hatte, ist sein Interesse aber abgekühlt. Immerhin teilt er nicht nur aus, sondern öffnet auch die Tür für Selbstkritik. Nach FTD-Informationen sucht der Linde-Aufsichtsrat vor allem außerhalb des Konzerns nach einem Nachfolger.
Reitzle sagte, dass Externe nur bei Sanierungsfällen sinnvoll seien - was er naturgemäß für Linde verneint. Oder wenn "ein Unternehmen es versäumt hat, eigene Führungskräfte für den Posten an der Spitze aufzubauen". Das ginge dann auf seine Kappe.