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Merken   Drucken   20.06.2012, 12:00 Schriftgröße: AAA

Kreativität im Studium: Mit Pauken und Trompeten zum MBA

Jazz, Theater, Malerei: Kreative Module sollen klassischen MBA-Stoff ergänzen. Der Anteil im Lehrplan schwankt aber von Schule zu Schule. Insgesamt gilt aber: Die Studierenden mögen den Mix.
von Contantin Gillies

Die Szene: ein Seminarraum, fünfzehn Personen stehen zusammen. Dann kommt die Anweisung des Theaterregisseurs: Gehen Sie zu einem Gegenstand oder einer Person und erzählen Sie etwas. "Es war ganz schön schwierig, aus dem Stegreif Texte zu verfassen", erinnert sich Manuela Angerer.

Ob Musik, Tanz oder Poesie - vieles davon findet sich inzwischen in ...   Ob Musik, Tanz oder Poesie - vieles davon findet sich inzwischen in MBA-Programmen

Die 35-Jährige hat an der Übung teilgenommen - und war vom Ergebnis begeistert. "Plötzlich entstand eine richtige Geschichte", sagt die studierte Medientechnikerin, die zuvor im Konzernmarketing und einer Agentur tätig war.

Angerer hat allerdings nicht bei einem Theater-Workshop teilgenommen, sondern ist Studentin eines MBA-Programms. Angeboten wird er von der LIMAK Austrian Business School unter dem Titel "Creative Process Leadership". Und deren Macher haben sich viel vorgenommen: Die Teilnehmer sollen nicht nur die Grundlagen von Management und Führung lernen, sondern auch fit gemacht werden für die Kreativökonomie der Zukunft.

Dafür wurden Punkte in den Lehrplan gepackt, die in der traditionellen MBA-Ausbildung nicht auftauchen: Teilnehmer erschaffen Kunstobjekte, entwickeln eine Handy-App oder bauen einen Fahrkartenautomaten für Senioren, um zu lernen, wie menschliches Verhalten durch Service-Design beeinflusst wird. "Da kriegt man viele wertvolle Impulse", erzählt Teilnehmerin Angerer, die sich nach ihrem Abschluss selbstständig machen will.

Kreativ-Trip einer Branche

Die gesamte MBA-Szene scheint auf dem Kreativ-Trip: "Der Trend geht ganz klar zum offenen Lernen", sagt Karlheinz Schwuchow, Professor für Internationales Management an der Hochschule Bremen. Der Marktkenner beobachtet schon seit einigen Jahren, dass die Managerschmieden nicht nur Handwerkszeug mitgeben wollen, sondern auch die Fähigkeit, neue Wege zu gehen.

"Es geht um das berühmte Out-of-the-Box-Denken", sagt Schwuchow. Und das lässt sich nur vermitteln, wenn die Business School selbst ihre Box verlässt. Das neue Lernformat sieht so aus: Kursteilnehmer werden in eine neue Umgebung gebracht und müssen hier ein reales Businessprojekt stemmen - ohne klaren Ausgang.

Ergänzung zu Fallstudien

Das ist ein krasser Bruch mit der klassischen Lehrtradition, schließlich liegt seit den 50er-Jahren beim MBA der Schwerpunkt auf dem A, also auf der Administration, der Verwaltung des Geschäfts. Und entsprechend trocken sahen die Kurse oft aus: Hunderte von Fallstudien mussten durchgeackert und mit wachsender Routine gelöst werden. Diese Paukerei sollen die Kreativmodule jetzt auflockern: Hier geht es nicht mehr darum, Kochrezepte abzuarbeiten, sondern selbst neue Gerichte zu erfinden. "Gerade bei der jungen Teilnehmergeneration kommt das gut an", findet Uniprofessor Schwuchow.

Der Hang zu den schönen Künsten kommt ausgerechnet aus den USA, eigentlich das Heimatland des Fallstudien-Prinzips. Dort bröckelt seit Jahren die Zahl der MBA-Absolventen, das setzt gerade kleine Anbieter unter den Zwang, sich mit einfallsreichen Lernangeboten abzuheben. Hinzu kommt, dass die Rezepte von Harvard & Co. seit der Finanzkrise in Verruf geraten sind. Eine neue Management-Ausbildung muss her - das fordern jenseits des Atlantik viele. So auch John Kao: Der BWL-Professor ist gleichzeitig ein begnadeter Jazzpianist und tingelt durch die Konferenzen mit einer simplen Botschaft: "In der Wirtschaft von heute ist Kreativität nicht mehr nur eine Option."

Erste Ansätze in Deutschland

Auch einige deutsche Business-Schulen haben den Trend erkannt. Die Handelshochschule Leipzig (HHL) hat vor zwei Jahren in ihren Teilzeit-MBA ein Modul namens "Business Creativity" eingefügt. Geleitet wird es vom Innovationsexperten Jens-Uwe Meyer. "Viele Managementlehren stammen aus den Neunzigern, als alles noch stabil war", meint der Buchautor. Für schnelle Märkte taugten diese Werkzeuge kaum noch.

In Meyers Kurs lernen die Studenten, ein Geschäft völlig neu zu erfinden. Sie müssen zum Beispiel eine fiktive Baufirma steuern, die ins E-Business einsteigen will. "Hier gibt es eben nicht die eine, klare Lösung", sagt Meyer. Auf der Suche nach frischen Gedanken helfen auch Kreativitätstechniken. So müssen die Studenten etwa versuchen, ein Problem noch zu verschlimmern - weil gerade so Verbesserungsideen entstehen.

Kreative Elemente in der Arbeit verankern

Die WHU - Otto Beisheim School of Management in Vallendar setzt ebenfalls auf künstlerische Akzente. Für die Teilnehmer am dortigen Teilzeit-MBA-Programm stand vor zwei Jahren erstmals ein völlig neuer Punkt auf der Agenda: Sie trafen den Kurator eines New Yorker Kunstmuseums, um von ihm zu lernen, welche Rolle Führungskonzepte in der Kunst spielen. Im Folgejahr ging es in einen New Yorker Jazzclub, und im aktuellen Kurs dürfen sich die Teilnehmer als Schauspieltruppe versuchen. Sie sollen ein Stück von Shakespeare auf die Bühne bringen.

Aber haben die Leute sowas nicht schon während ihrer Schulzeit in der Theater-AG gemacht? "Natürlich, mit solchen Teamaufgaben kann man nicht früh genug anfangen", sagt Jürgen Weigand, akademischer Direktor des Programms. Jedoch sieht er bei den MBA-Aspiranten auch eine steigende Nachfrage nach Umsetzungswissen: "Die Leute wollen einfach anwenden, wollen üben." Die Frage ist: Wird der angehende Manager wirklich einfallsreicher, wenn er einen halben Vormittag lang ein Museum besucht? Marktkenner Schwuchow ist vorsichtig. "Ein einzelner Kurs reicht nicht aus. Das kreative Element muss im gesamten Curriculum verankert werden." Und dafür fehlt oft schlichtweg das Personal. Leute, die auch mal über den Tellerrand schauen, muss man mit der Lupe suchen. Und so manchem Programmgestalter fehlt es einfach an Fantasie.

Und die Teilnehmer müssen sich fragen: Wie viel Kreativität darf es denn sein? An der LIMAK entfallen 40 Prozent des Lehrplans auf unkonventionelle Inhalte. Beim Kurs der WHU können 10 von 90 Credit-Punkten im Kreativmodul erworben werden. Ein moderater Anteil. Programmleiter Weigand betont allerdings, dass praktische Umsetzung auch an anderen Stellen auf dem Lehrplan stünde. "Beim Thema Organisation etwa werden schon lange Rollenspiele und Ähnliches eingesetzt."

Kreativität in kleineren Dosen

Natürlich werden die hohen Künste die betriebswirtschaftliche Theorie nicht ganz vom Lehrplan verdrängen. Denn die Teilnehmer wünschen sich zwar Kreativität, diese aber wohldosiert: Wer wie bei der LIMAK 19.900 Euro für den begehrten Abschluss ausgibt, erwartet dafür auch weiterhin, vor allem ein solides betriebswirtschaftliches Fundament zu bekommen.

Auch Manuela Angerer sieht die Grenzen der Kreativmodule. "Nur Regisseure zu treffen reicht nicht", sagt die Teilnehmerin des Linzer Kreativ-MBA. "Ich möchte die hartgesottenen Harvard-Case-Studies oder fundierte Analysemethoden nicht missen."

  • FTD.de, 20.06.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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