Es ist kein revolutionärer Durchbruch, aber doch ein wichtiger Schritt: Russland ist im August der Welthandelsorganisation (WTO) beigetreten und akzeptiert damit offiziell einen Abbau von Zöllenfür internationale Investoren. Das ist auch für deutsche Firmen sehr wichtig, die sich in diesem riesigen Markt mit einem Konsumentenpotenzial von 160 Millionen Einwohnern engagieren.
"Das erhöht den Druck zur Modernisierung der russischen Wirtschaft", sagt Waldemar Schulz, Geschäftsführer des Kölner Handelshauses Anton Ohlert, das auch Industrieanlagen nach Russland verkauft. Ohlert gehört zu den ersten deutschen Unternehmen, die sich mit diesem Markt beschäftigt haben. Die zunehmende Präsenz ausländischer Unternehmen in Russland wird der Einschätzung von Schulz zufolge dazu führen, dass die Russen ihre Geschäfte effizienter gestalten müssen. "Das wirkt sich auch positiv auf den Verkauf von Anlagen aus", sagt der Manager, der sich seit 20 Jahren mit Russland beschäftigt.
Sein Unternehmen ist eine wichtige Säule der deutsch-russischen Handelsbeziehungen, weil das Handelshaus über eine lange historische Tradition verfügt. Der deutsche Gründer wurde im 19. Jahrhundert in Moskau geboren und begann bereits zur Zarenzeit mit seinen Geschäften. Auch während der kommunistischen Diktatur ließen die Kölner sich nicht abschrecken und verkauften weiterhin ihre Produkte. Sie können die Lage also gut einschätzen.
Nach dem krisenbedingten Einbruch 2009 konnte Russland sich wieder stabilisieren: In den ersten sechs Monaten 2012 wuchs das BIP um 4,4 Prozent im Vergleich zu 2011 - ähnlich wie in den Vorjahren auch. Doch Prognosen zufolge wird es sich im Gesamtjahr auf 3,5 Prozent verlangsamen. Und auch für 2013 ist mit einem Plus von 3,7 Prozent kein größeres Wachstum zu erwarten.
Gerade ausländisches Kapital wäre demnach notwendig, um der Wirtschaft weitere Impulse zu geben. Für viele ist der WTO-Beitritt daher ein wichtiger Schritt, um diese Entwicklung voranzutreiben. Insgesamt gibt es 6000 deutsche Firmen, die zusammen eine wichtige Investorengruppe darstellen. Sie haben nach den ersten sechs Monaten etwas mehr als 22 Mrd. Euro ins Land gebracht und liegen damit auf dem sechsten Platz der Liste ausländischer Investoren.
"Dieser Beitritt war ein überfälliger Schritt", sagt der Vorstandsvorsitzende der Deutsch-Russischen Außenhandelskammer (AHK), Michael Harms. Russland öffne sich damit in Richtung Weltmarkt und ermögliche mehr unternehmerisches Handeln, fairen Wettbewerb und gesunde Konkurrenz. Die Senkung der allgemeinen Zollsätze von 9,5 auf 7,4 Prozent bis zum Jahr 2013 und bis zum Jahr 2015 auf sechs Prozent sei eine deutliche Verbesserung, so der AHK-Vorsitzende.
Auch Harms erwartet, dass der Beitritt sich positiv auf die Konkurrenzfähigkeit deutscher Produkte in Russland auswirke. Gerade auf das Know-how der hochspezialisierten Mittelständler aus Deutschland seien die russischen Firmen nun angewiesen. "Wir sind dabei schon jetzt der traditionell bevorzugte Partner", sagt Harms.
Doch so attraktiv der Markt auch ist - die Korruption hemmt nach wie vor das Engagement ausländischer Investoren. Russland schneidet in den Korruptionsberichten internationaler Organisationen wie Transparency International (TI) regelmäßig schlecht ab. Im TI-Bericht 2010/ 2011 gehörte es im Bereich der öffentlichen Verwaltung sogar zu den fünf korruptesten Ländern weltweit - neben Weißrussland und Marokko.
"Die langfristige Attraktivität des Marktes könnte noch deutlich verbessert werden, wenn Bürokratie und Korruption intensiver bekämpft würden", sagt Harms. Eine Investition in diesen Markt lohne sich aber in jedem Fall: Moskau sei daran interessiert, seine Wirtschaft schnell zu modernisieren und zu diversifizieren - vor allem im verarbeitenden Gewerbe. Und: "Der Staat verfügt über ausreichend Geld, um seine Rechnungen zu bezahlen", sagt Harms.
"Die fehlende Rechtssicherheit und das komplexe Steuersystem sind tatsächlich ein riesiges Problem", sagt auch Schulz von Ohlert. Investoren sollten sich eingehend beraten lassen, wo der optimale Standort im Land ist. "Wenn russische Firmen gekauft werden sollen, muss dies umfangreich geprüft werden, da es dort viele rechtliche Unsicherheiten gibt", so der Geschäftsführer.
Darüber hinaus seien die Russen sehr erfinderisch, wenn es darum gehe, zusätzliche Hürden aufzubauen. Bestes Beispiel: der Pkw-Import. Hier hat Moskau zwar die Importzölle im Zuge des WTO-Beitritts verringert, doch gleichzeitig eine Abwrackgebühr für die ausländischen Fahrzeuge erhoben, sodass es letztlich doch keine Kostenreduktion für die Investoren gab.
Einige Regionen scheinen es den Investoren jedoch leichter zu machen, wie etwa die Cluster für die Pkw-Herstellung in Kaluga bei Moskau, wo unter anderem VW, Volvo und Peugeot aktiv sind. "Hier hat man einfach erkannt, dass die ausländischen Unternehmen Arbeitsplätze und Steuereinnahmen bringen", sagt Schulz über den Standort.
Ein weiteres Problem, das deutsche Investoren abschrecken könnte: Die westlichen Medien zeichnen vor allem das Bild von Russland als autoritäres Regime, das keinen Widerspruch gegen die Regierung duldet. Im vergangenen Jahr zwang der russische Geheimdienst FBS die einheimische Suchmaschine Yandex, die Namen von Kunden herauszurücken, die einen Regierungsgegner mit Spenden unterstützen wollten. Der Internetdienstleister, der Aktien an der New Yorker Börse herausgegeben hat, ging darauf sogar in seinem Angebotsprospekt ein und bezeichnete einen solchen Eingriff durch den Staat als potenzielles Risiko für Investoren - ein Kuriosum für westliche Verhältnisse.
"Für mittelständische Unternehmen dürfte das aber keine großen negativen Auswirkungen haben", sagt Schulz. Das sei in den 90er-Jahren noch schwieriger gewesen, habe sich jetzt aber geändert. Ähnlich sieht es auch Harms von der AHK: "Da die konkrete Investitionsentscheidung meist sehr praktisch und auf regionaler und lokaler Ebene getroffen wird, sind direkte Auswirkungen auf die Geschäfte oder Investitionen deutscher Unternehmen bisher kaum spürbar."