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Merken   Drucken   13.08.2006, 19:50 Schriftgröße: AAA

Montagsporträt: Clemens Tönnies: Der kleine Bruder

Er hat sich vom Metzger zu einem der größten Fleischfabrikanten Europas und Aufsichtsratschef eines Fußballklubs hochgearbeitet. Doch die schwerste Aufgabe liegt noch vor ihm: mit Schalke in dieser Saison den Titel zu holen.
von Birgit Dengel (Rheda-Wiedenbrück)
Herzensangelegenheit: Fleischfabrikant Clemens Tönnies ließ im ...   Herzensangelegenheit: Fleischfabrikant Clemens Tönnies ließ im Foyer der Firmenzentrale eine Kuh im Blau-Weiß von Schalke 04 anmalen

Der Körper wollte die neue Niere nicht. Clemens Tönnies sah seinen Bruder Bernd. Sah, wie die Dialyse Bernd die Kraft raubte, Tag für Tag. Sah ihn schwächer und schwächer werden, sah den Tod heranrücken, und er litt mit ihm und hoffte, die Ärzte würden etwas tun können, Bernd war doch erst 42 Jahre alt. Doch die Ärzte konnten nichts mehr tun, niemand konnte mehr etwas für Bernd tun - außer Clemens selbst. "Kümmere dich um Schalke", bat ihn der große Bruder, damals Präsident des Fußballklubs. Und Clemens, der eigentlich keine Zeit hatte, der nie in Schalkes Management wollte, sagte Ja.

Nun sitzt er da, zwölf Jahre später, in seiner Firma in Rheda-Wiedenbrück, an der Wand hängt ein Schwarz-Weiß-Foto des Bruders, und Clemens Tönnies redet davon, was Bernd für "eine Erscheinung" war, und er ist ein wenig stolz: Längst hat er das Vermächtnis des Bruders erfüllt - und das, würde Bernd sicher sagen, sogar verdammt gut. In diesem Jahr setzt Clemens zur Krönung an. Der Aufsichtsratschef will Schalke 04 zur Meisterschaft führen, der ersten seit 59 Jahren. "Immer Erster lautet die Devise. Wir können Deutscher Meister werden." Er würde endgültig aus dem Schatten treten, vom kleinen Bruder zum Helden werden.

"Mein Bruder war ungeheuer dominant. Ich habe mein ganzes Leben hinter ihm gestanden", sagt Tönnies. Von Anfang an ist Bernd vorangeschritten. Er hat den Namen Tönnies im Ruhrgebiet zu dem gemacht, was er heute ist: Kotelett-Kaiser nennen sie hier die Tönnies. Der Vater schlachtete noch "sieben Schweinchen in der Woche". Bernd hat aufgebaut, was heute der drittgrößte Fleischzerleger Europas ist. Heute sind es 200.000 Schweine die Woche in den Fabriken von Tönnies Fleisch. "Mein Bruder hat schon mit 19 Jahren erkannt, dass wir etwas anderes machen wollen." Statt einer Metzgerei eine Zerlegefabrik, die Fleisch als Rohstoff an die Wurstwarenproduzenten liefert - gekühlt, in portionsgerechten Stücken.

Zu dieser Zeit, in den 70ern, ändern sich die Strukturen der Fleischbranche in Deutschland. Neben Kleinbetrieben etablieren sich große Unternehmen, die an Fließbändern produzieren. Bernd profitiert vom Trend zur Massenfertigung. "Mein Bruder wusste alles und konnte alles. Konnte er auch tatsächlich", sagt Clemens. Sein schwarzer Anzug sitzt perfekt, wellenlos fließt er über den kräftigen Körper. Selbst wenn er sich in seinem Stuhl nach hinten lehnt, verrückt höchstens die Krawatte.

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  • Aus der FTD vom 14.08.2006
    © 2006 Financial Times Deutschland
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