Vor acht Jahren gelangte man beim Autobauer BMW zu einer wichtigen Erkenntnis: Deutschlands Bevölkerung altert - und die Arbeiter an den Fertigungsstraßen auch. Das Management machte sich Sorgen, die steifer werdenden Gelenke der Mitarbeiter könnten letztlich BMWs Wachstumspläne behindern. Aber en masse ältere Arbeiter zu entlassen wäre aus betrieblicher Sicht schwierig und würde die Beziehungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer belasten.
Stattdessen befragten die Manager ältere Arbeiter, welche Aufgaben für sie mühsam seien, und gestalteten die Fabriken um. Dazu gehörte, besonderes Augenmerk auf Ergonomie zu legen, spezielle Bodenbeläge und Stühle anzuschaffen, Bereiche für Bewegungsübungen einzurichten und Aufgaben zu variieren. "Wir haben Strategien entwickelt, die es den Leuten erlaubt, ihr Leistungsniveau zu erhalten oder sogar zu verbessern", sagt Jochen Frey, bei BMW für die Unternehmenskommunikation im Bereich Personal zuständig.
Statistiker schätzen, dass bis 2020 in Deutschland der Anteil Arbeiter über 50 auf 45 Prozent ansteigen wird von heute 25 Prozent. Unternehmen in anderen Ländern Europas sowie in Japan, Singapur und Südkorea stehen vor ähnlichen Herausforderungen. Der Statistikbehörde des US-Arbeitsministeriums zufolge hat der Anteil erwerbstätiger Amerikaner über 55 stetig zugenommen. Offenbar schieben ältere Arbeiter angesichts reduzierter Rentenleistungen den Ruhestand auf.
Die Folge sind Dilemmas unterschiedlichster Art: Wie kann man beispielsweise vom Fachwissen älterer Mitarbeiter profitieren, ohne dass sie alle guten Jobs einnehmen? Oder es müssen Diskussionen über die Gestaltung des Arbeitsplatzes geführt und Strategien entwickelt werden, damit das Wissen der Mitarbeiter nicht plötzlich verschwindet, wenn diese in Ruhestand gehen.
Ironie des Arbeitsmarkts ist es, dass einerseits Arbeitsplätze - vor allem für junge Menschen - fehlen, andererseits durch den Exodus der Babyboomer Unternehmen viel Fachwissen und Qualifikation verloren gehen. Das Problem ist nicht nur die Anzahl der Menschen, die in Rente gehen, sondern auch der Mangel an Leuten zwischen 30 und 40, die sie ersetzen können. "Nähme man jeden einzelnen Arbeitsplatz, den ein Babyboomer besetzt, und reichte ihn an die Generation X weiter, gingen einem die Nachfolger aus. Das bedeutet automatisch, dass viele Leute mit weniger als zehn Jahren Erfahrung auf Arbeitsplätze rutschen, die frei werden, weil Leute mit mehr als 30 Jahren Erfahrung gehen", sagt Karie Willyerd, Managerin bei Success Factors, einem Hersteller von Software fürs Personalwesen.
Unternehmen sollten auf jeden Fall vorausplanen. "Zunächst sollte man hochrechnen, was der Altersmix sein wird. Wir stellen allerdings fest, dass Kunden nicht wissen, wie ihre Demografie heute aussieht", sagt Alain Dehaze, Frankreichchef des Personalvermittlers Adecco.
Mitarbeiter zu ermutigen, die Arbeitszeit zu reduzieren anstatt abrupt aufzuhören, könnte dazu beitragen, den Generationenwechsel im Unternehmen zu erleichtern. Bereits 2001 schaffte der britische Einzelhändler Marks & Spencer (M&S) die Altersgrenze für den Ruhestand ab. Über 55-Jährige, von denen viele Teilzeit arbeiten, können wählen, ob sie die Betriebsrente in Anspruch nehmen wollen oder ob sie weiter einzahlen wollen. Deborah Warman, Personalmanagerin bei M&S, sagt, älteren Mitarbeitern die Wahl zu lassen, habe dazu geführt, dass mehr von ihnen länger bleiben und ihr Wissen weitergeben. "Wir bieten in unseren Läden Weiterbildung an, und im Allgemeinen bewerben sich unsere erfahrensten Mitarbeiter um Ausbilderfunktionen", sagt sie.
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Eine andere Variante sind Programme, bei denen Ruheständler auf Abruf bereit stehen. So greift der Telekomkonzern BT in arbeitsintensiven Zeiten auf Mitarbeiter im Ruhestand zurück, die beispielsweise beim Aufrüsten von Technologie helfen. "Die Leute sagen uns, ihnen gefalle die Anregung, wieder bei der Arbeit zu sein. Allerdings stellen sie klar, dass sie nicht längerfristig zurückkommen wollen", sagt BT-Personalmanagerin Caroline Waters. Solche Arrangements dauerten selten mehr als ein paar Jahre, da sich die Ruheständler außerhalb der Arbeit eine Alltagsroutine schufen, die sie nur ungern unterbrechen, sagt sie.
BMW stellte fest, die Ergonomie-Initiative widerlegt Annahmen, nach denen ältere Mitarbeiter Teams verlangsamen. Im Rahmen der ersten Werksumgestaltung richtete der Autobauer zwei Fertigungsstraßen ein - eine mit einem Altersmix des Jahres 2007 und eine andere auf Basis der für 2017 prognostizierten demografischen Zusammensetzung der Belegschaft. "Wir stellten fest, dass nach den ergonomischen Anpassungen das ältere Team ebenso viel produzierte wie das jüngere Team, und die Produktionsqualität stieg an", sagt Frey.
Eine Sorge ist, dass "ergrauende" Unternehmen möglicherweise keinen Zugang zu Kunden finden, die mit Facebook und Twitter groß geworden sind. Optimisten sagen jedoch, sind ältere Mitarbeiter bereit, jüngeren Kollegen zuzuhören, werde sich das Problem geben.
Da das Arbeitsleben länger wird, überdenken einige Unternehmen die traditionelle Laufbahn. BT ermöglicht Mitarbeitern, mit Herannahen des Ruhestands ranghohe Posten mit hohem Arbeitsdruck zu verlassen und auf rangniedrigere Posten zu wechseln. Dadurch erhalten jüngere Kollegen die Möglichkeit zum Aufstieg auf der Karriereleiter. Personalmanagerin Waters zufolge seien viele Leute heute nicht mehr ganz so besessen vom stetigen beruflichen Aufstieg wie früher. Doch sollte man keine voreiligen Schlüsse über die Pläne der Mitarbeiter schließen. Auf jeden 59-Jährigen, der sich darauf freue, etwas zurückzuschalten, kämen andere, die immer noch eine Beförderung anstreben, sagt Waters.
Wird die Belegschaft 2020 anders aussehen als heute? Neil Roden von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC sagt, in Europa - wo Altersdiskriminierung erst vor Kurzem verboten wurde - gebe es weniger 70-jährige Arbeiter als in den USA, wo Altersdiskriminierung 1967 verboten wurde. Mit der Angleichung der Gleichstellungsgesetze, einer alterenden Belegschaft und der schwindenden Anzahl Fachkräfte sei es jedoch möglich, dass Unternehmen älteren Mitarbeiter wohlwollender gesinnt sind. "Kann ein Unternehmen einen Arbeiter mit Fachwissen halten, den der Markt nicht ersetzen kann, warum nicht?", so Roden.
Aus: The Financial Times, London. www.ft.com