Keiner macht aus Sonnenblumenkernen so viel wie Ulrich Wendeln: Speiseöl, Snacks, Strom, Wärme und sogar Biokunststoff. Der 46-Jährige betreibt in Ladbergen bei Osnabrück eine der modernsten Schälmühlen Europas. Im vergangenen Jahr wurden hier rund 70.000 Tonnen der kleinen Kerne verarbeitet. Reinheitsgrad: 99,97 Prozent. "Das ist einmalig in Deutschland", sagt Wendeln. Seine geschälten Kerne verkauft er der Brot- und Backwarenindustrie. 20.000 Tonnen allein 2011. Aus den Resten wie Bruch und kleinen Kernen wird in der Goldenen Mühle kaltgepresstes Sonnenblumenöl hergestellt, 17.000 Tonnen im letzten Jahr. Das aber ist nur das erste Glied einer langen, energieeffizienten Wertschöpfungskette.
"Es war immer mein unternehmerisches Bestreben, regenerative Energie in den Produktionsprozess von Food- und Agrarprodukten einzubinden und Produkte CO2-neutral herzustellen", sagt Wendeln. Sein Vater und sein Onkel hatten Ende der 90er-Jahre die 30 familieneigenen Industriebackbetriebe und die Marken "Golden Toast" und "Lieken Urkorn" für rund 2,5 Mrd. Mark an die Bäckereikette Kamps verkauft. Da hatte Wendeln schon die Idee, auch aus den Schalen von Sonnenblumenkernen noch etwas Nützliches zu machen.
Der Gedanke war ihm in der Ukraine gekommen, wo der Mittelständler in zwei Jahren eine Firma für die Veredelung von Sonnenblumenkernen aufgebaut hatte. Zurück in Deutschland gründete er 2008 unweit seiner Schälmühle den Energiepark Goldene Energie. Hier landen seither die Schalen der Sonnenblumenkerne und werden verarbeitet: Durch Erhitzung entsteht ein Pyrolysegas, das danach in rund zwei Dutzend Blockheizkraftwerken zur Strom- und Wärmeerzeugung eingesetzt wird. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: jährlich etwa 50 Megawatt (MW) Strom und 60 MW Wärme.
Die Wärmeenergie fließt zu der Goldenen Mühle, dem Flughafen Münster-Osnabrück, dem Gewerbepark, dem Industriegebiet Ladbergen, zukünftig noch zu einem Rechenzentrum und einem Futtermittelhersteller. Sie sichert die Grundlast. Darauf ist der Diplom-Betriebswirt, der bisher rund 20 Mio. Euro in die Energiesparte investiert hat, stolz: "Es ist schön zu sehen, dass mein integriertes Energiekonzept ein kleines Stück dazu beiträgt, die Abhängigkeit von fossilen und atomaren Energiequellen zu reduzieren." Positiver Nebeneffekt: Die regenerativen Energien sparen jährlich etwa 60.000 Tonnen CO2 ein.
Claudia Bögel von der örtlichen FDP sieht in dem Unternehmen auch einen Beweis für deutsche Ingenieurfähigkeiten: "Was hier geschaffen worden ist, kann Vorbild sein auch für andere Länder."
Mittlerweile wollen Wendeln und sein Team noch eine zweite außergewöhnliche Idee umsetzen: Aus den Schalen soll Biokunststoff entstehen. Aus dem Granulat, das aus den Reststoffen entsteht, lassen sich Smartphone-Gehäuse, Kisten, Regale und andere Möbel herstellen. Wendeln verhandelt momentan mit mehreren Unternehmen der deutschen Kunststoffindustrie. Schon im nächsten Jahr könnten die ersten Tische, Bänke und Stühle aus den Reststoffen von Sonnenblumenkernen in den Handel kommen.