Wegen möglicher Beeinflussungsversuche bezüglich eines U-Bahn-Auftrags ist mit dem Siemens-Konzern auch Personalvorstand Brigitte Ederer ins Visier der französischen Justiz gerückt. Die Staatsanwaltschaft im nordfranzösischen Lille bestätigte am Freitag Vorermittlungen gegen Siemens . Ausgelöst hat den Wirbel eine E-Mail Ederers an Lilles Bürgermeisterin Martine Aubry, durch die sich Aubry erpresst fühlte. Die Managerin sei dazu bereits von den französischen Behörden befragt worden, hieß es.
Die E-Mail hatte Siemens-Vorstand Ederer am Tag, bevor Lille über einen strategisch wichtigen Auftrag für fahrerlose U-Bahnen entschied, an Aubry gesandt. Darin soll sie mit Einschnitten bei Siemens' Frankreich-Tochter gedroht haben, sollte Siemens den Auftrag im Wert von 266 Mio. Euro verlieren. Das Schreiben habe "eine gewisse Anzahl erpresserischer Botschaften enthalten", sagte Aubry, zugleich Parteichefin der in Frankreich regierenden Sozialisten, Ende Juni vor ihrem Stadtparlament. Offenbar hatte Siemens vorab Wind bekommen, dass das wichtige Zukunftsgeschäft an den französischen Rivalen Alstom gehen soll. Aus dem Siemens-Umfeld hieß es, Ederer habe in ihrer Funktion als für Europa zuständiges Vorstandsmitglied lediglich fairen Wettbewerb gefordert.
Mit diesem ungeschickten Vorgehen sorgt Ederer innerhalb und außerhalb des Siemens-Konzerns für Kopfschütteln. "Sie ist doch lange genug Politikerin gewesen, um zu wissen, dass so etwas nichts bringt", sagte ein Siemens-Manager. Eine solche Intervention könne man über ein persönliches Gespräch versuchen, aber nicht per E-Mail - und schon gar nicht, wenn das Rennen bereits gelaufen ist.
Dabei ist Ederer selbst Sozialdemokratin, und legt sich nun mit Frankreichs mächtigster Sozialistin an. 17 Jahre lang war die umgängliche 56-Jährige für die SPÖ tätig und gilt als eine der profiliertesten Managerinnen Österreichs: Zeitweise war sie stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Sozialdemokraten in Österreichs Parlament, zeitweise Bundesgeschäftsführerin. 2001 wechselte sie zu Siemens, wo sie jahrelang die österreichische Landesgesellschaft leitete. 2010 stieg sie in den Vorstand auf. So mancher wundert sich deshalb, wie Ederer ein solcher Lapsus unterlaufen konnte. "Das passt eigentlich nicht zu ihr", sagt einer, der sie gut kennt.
Das Geschäft mit U-Bahnen mit Sitz in Wien verantwortet im Siemens-Konzern seit kurzem die Kärtnerin Sandra Gott-Karlbauer, die Siemens-Kreisen zufolge eine Nichte von Konzernchef Peter Löscher ist. Die 38-Jährige war bei der jüngsten Umorganisation im Oktober 2011 zur Spartenchefin aufgestiegen. Die Ex-Roland-Berger-Beraterin ist seit 2005 bei Siemens Österreich und seit 2009 in verschiedenen Führungspositionen im U-Bahn-Geschäft tätig.
Bei den Ermittlungen geht es darum, ob Siemens die Auftragsvergabe unzulässig beeinflusst hat. Die Behörden interessiert zudem, ob Siemens auf illegalem Weg an Informationen gekommen ist. Die Zivilbeschwerde ging bereits Mitte Juni ein, so ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Die Ermittlungen sind für den Konzern auch insofern heikel, als er nach Beendigung seiner Korruptionsaffäre Ende 2008 besonderen Wert auf die Einhaltung der Gesetze legt. "Nur saubere Geschäfte sind Siemens-Geschäfte", predigt Siemens-Chef Löscher.