Anderthalb Jahre nach dem Beschluss der Bundesregierung, aus der Atomenergie auszusteigen und die Versorgung mit Erneuerbaren Energien massiv auszubauen, vergeht kein Tag ohne einen Bericht über die Energiewende. Energieversorger, Technologieanbieter, Industrieverbände, die Politik - alle Akteure melden sich zu Wort und weisen auf neue Facetten der Energiewende hin. Doch wer engagiert sich dafür am meisten? Eine aktuelle Untersuchung von TNS Infratest zeigt, dass, zumindest in der Wahrnehmung der Bürger, die Energieversorger für das Gelingen der Energiewende wenig unternehmen.
Die Energiemarktforschung von TNS Infratest befragte im Sommer dieses Jahres telefonisch 1.000 Personen in Deutschland zum Thema Energiewende. Mit dieser repräsentativen Befragung wollten wir wissen, was die Deutschen überhaupt unter der Energiewende verstehen, wie sie dazu stehen, welche Auswirkungen sie daraus erwarten und schließlich, wie sie das Engagement verschiedener Akteure wahrnehmen. Die Erkenntnisse aus der Studie fallen für die Energieversorger ernüchternd aus.
Trotz der Komplexität der Aufgabe, die der Bundesrepublik bevorsteht, hat die große Mehrheit der Bürger verstanden, worum es im Wesentlichen bei der Energiewende geht: 52 Prozent definieren die Energiewende als Ausbau und Förderung Erneuerbarer Energien und 32 Prozent verstehen darunter den Ausstieg aus der Kernenergie. Aus anderen Studien wissen wir übrigens, dass die Menschen in Deutschland realistisch einschätzen, wie viel Zeit bis zur vollständigen Umsetzung der Energiewende benötigt wird: "10 bis 20 Jahre" sagen 37 Prozent, "bis zu 30 Jahre" schätzen weitere 29 Prozent.
Doch viele Bürger betrachten die Energiewende eher mit Sorge. So denken nur 45 Prozent, dass die Energiewende für sie persönlich Vorteile mit sich bringt - 52 Prozent, also die knappe Mehrheit, erwartet persönliche Nachteile. Die große Mehrheit, neun von zehn Befragten, erwarten höhere Lebenshaltungskosten durch steigende Energiepreise. Kaum jemand ist bereit, mehr als 100 Euro im Jahr zusätzlich für Strom aus Erneuerbaren Quellen zu bezahlen. So ist es auch nicht verwunderlich, dass aktuell 45 Prozent der Befragten nur dann den Ausstieg aus der Kernenergie befürworten, wenn Strom bezahlbar bleibt. Ende 2011 lag dieser Anteil noch bei 36 Prozent.
Ganz anders fällt das Urteil aus, wenn es um die Bedeutung der Energiewende für die Wirtschaft geht: Drei Viertel sehen darin eine Chance für die Wirtschaft, nur jeder Vierte sieht ein Risiko. Aus der Studie "Eurobarometer" im Auftrag der Europäischen Kommission wissen wir, dass die Deutschen die Wirtschaft in der Pflicht sehen, den Klimawandel in den Griff zu bekommen - die Erwartungen der Bürger hierzulande an die Wirtschaft sind deutlich höher, als in anderen europäischen Ländern, wo die Industrie nicht so stark ist.
Das Bild ist eindeutig: Aus Sicht der Bürger bringt die Energiewende Vorteile eher für die Wirtschaft, weniger für die Menschen selbst. Aber wie sehr engagiert sich die Wirtschaft, damit die Energiewende gelingt? Wir haben gezielt gefragt, wie das Engagement von Energieversorgern, Technologieunternehmen und Automobilherstellern eingeschätzt wird.
Eine wesentliche Erkenntnis aus der Studie: Die Bürger sind der Meinung, dass die Energieversorger sich wenig für die Umsetzung der Energiewende engagieren. Nur 20 Prozent der Befragten geben an, dass die Energieversorger sehr viel oder viel tun. Hersteller von Technologien für erneuerbare Energien werden dagegen von den Bürgern als deutlich aktiver wahrgenommen. Zwei Drittel der Befragten sehen auf der Herstellerseite ein sehr starkes oder starkes Engagement. Auch andere Technologiekonzerne wie Siemens oder Bosch halten die Befragten für einsatzfreudiger bei der Umsetzung der Energiewende.
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Betrachtet man die Versorgertypen im Einzelnen, so erscheinen erwartungsgemäß Naturstromanbieter in den Augen der Bürger am aktivsten, gefolgt von den Stadtwerken. Die überregionalen Anbieter Eon , RWE , EnBW und Vattenfall werden als weniger engagiert wahrgenommen - trotz zum Teil teurer Imagekampagnen.
Welche Motivation wird hinter dem Engagement der Energieversorger für die Energiewende vermutet? 44 Prozent der Befragten nennen rein wirtschaftliche Gründe hierfür, zum Beispiel den Erhalt der Marktstellung. Als weitere Gründe werden der Zwang durch die Politik und die Verbesserung des Unternehmensimage genannt. Immerhin sehen 20 Prozent den Einsatz für Umwelt- und Klimaschutz als Motivation für das Engagement der Energieversorger.
Jeder siebte Bürger ist der Meinung, dass die Energieversorger überhaupt nichts für die Energiewende tun. Als Hauptursache dafür vermuten sie ebenfalls wirtschaftliche Gründe, diesmal ist es die die Angst um den Verlust ihrer Marktstellung und Profitabilität.
Mitte 2011, wenige Monate nach der Katastrophe im japanischen Fukushima, war der Wunsch nach einer sicheren Energieversorgung und damit die Zustimmung zur Energiewende unter den Bundesbürgern am größten. Je konkreter nun aber die Umsetzung der Energiewende und deren Folgen und Begleiterscheinungen diskutiert werden, desto mehr fürchten die Bürger deren negative Konsequenzen, insbesondere die steigenden Energiekosten. Tatsächlich, die Umlage für Ökostrom wird 2013 kräftig steigen. Die Energiewende ist bereits in der Wahrnehmung der Bürger präsent - und sie wird noch präsenter.
Anderthalb Jahre nach dem Beschluss der Politik, sind die Bürger nach wie vor der Meinung, dass die Versorger in die Energiewende getrieben werden. Die Initiative liegt in den Händen anderer Akteure.
Doch die Energiewende ist nicht nur eine Bedrohung für die Energieversorger, sondern sie bietet auch vielfältige Chancen zur Neupositionierung. Jahrelang galt die Energiebranche als eine Branche mit geringem "Involvement", also eine Branche, in der die Konsumenten wenig oder keinen emotionalen Bezug zu ihrem Anbieter haben. Das hat dazu geführt, dass die Wechselraten der Stromkunden trotz Marktliberalisierung in vielen Regionen gering geblieben sind. Bislang konnten sich im Wesentlichen nur zwei Versorgertypen differenzieren: Die Discount-Anbieter, deren Unterscheidungsmerkmal lediglich im niedrigen Preis liegt und somit nicht nachhaltig ist, und die Ökostromanbieter, deren Alleinstellung schwächelt, da mittlerweile jeder Versorger einen Tarif aus erneuerbaren Energien anbietet. Mit der voranschreitenden Energiewende wird das Interesse der Bürger für die Energieversorgung und die Unternehmen, die daran beteiligt sind, wachsen - das Involvement wird steigen. Energie wird relevanter werden - Meldungen über Infrastrukturprojekte und die Innovationskraft der deutschen Wirtschaft, aber auch höhere Kosten, Veränderungen im Landschaftsbild und die kommenden Wahlkämpfe werden dafür sorgen.
Die Bürger sind auch Kunden. Die Versorger müssen ihr Engagement verständlich und überzeugend kommunizieren und als wesentlichen Bestandteil der Kundenbeziehung sehen. Die Energiewende und die damit verbundenen Kosten wird die Öffentlichkeit möglicherweise noch stärker polarisieren. Aber auch dann wird es für die Versorger notwendig sein, Stellung zu beziehen. Anbieter, die die Energiewende in ihrer Kundenkommunikation und Außenauftritt ignorieren, werden als realitätsfremd ignoriert. Mit zunehmender Aufklärung der Bürger, wird sich auch ihr Urteilsvermögen als Kunden verschärfen: Wer hat wirklich was zu bieten, wer tut nur so?
Hier seien ein paar Maßnahmen genannt, die Energieversorger ergreifen können, um die Chancen der Energiewende zu nutzen:
Einige wenige Versorger bekennen sich bereits zur Energiewende. Wenn sie dieses Bekenntnis in Strategie, Produkte und die Pflege der Kundenbeziehung umsetzen, werden sie in der Energiewelt der Zukunft einen schwer kopierbaren Wettbewerbsvorteil haben.
Der Autor Apostolos Apergis ist Senior Director Energiemarktforschung bei TNS Infratest. Quelle und mehr Informationen unter: www.tns-infratest.com