Der kommende Chef der weltweit zweitgrößten Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG), Richard Lesser, stellt schon vor Amtsantritt die Weichen. Nach FTD-Informationen soll der Deutsche Thomas Reichert künftig die umsatzstärkte Landesgesellschaft in den USA leiten. Den Posten hält bislang Lesser selbst, der aber mit dem Jahreswechsel zum Weltchef des Beratungskonzerns mit einem Umsatz von zuletzt rund 3,55 Mrd. Dollar aufsteigt.
Zudem macht Lesser Deutschlandchef Christian Veith zu einem von künftig zwei Europa-Chefs. Dazu teilt der Amerikaner den Kontinent in einen westlichen Teil, den der Franzose Pascal Cotte leiten soll, sowie den Ostteil, der künftig Veith untersteht. Der Experte für die Finanzindustrie muss nach zwei Amtszeiten über dann insgesamt sechs Jahre zum Jahreswechsel seinen alten Job aufgeben.
Mit den Personalentscheidungen befriedigt Lesser den Anspruch der deutschen Top-Berater auf Mitsprache in dem als Partnerschaft organisierten Konzern. Amtsinhaber und damit Vorgänger des US-Amerikaners als Weltchef ist der Deutsche Hans-Paul Bürkner, zudem ist die deutsche Einheit die umsatzstärkste neben der US-amerikanischen. Bei der Wahl zum neuen BCG-Lenker, den die Partner untereinander in mehreren Runden basisdemokratisch organisieren, waren mit Daniel Stelter und Hubertus Meinecke zwei prominente deutsche Partner in den Schlussrunden.
Reichert ist derzeit einer der führenden Köpfe der weltweiten IT-Beratungssparte von BCG und bereits einer der tonangebenden Partner im New Yorker Büro. Veith ist ein Vertrauter des ausscheidenden Lesser-Vorgängers Bürkner und steht damit auch für dessen aggressiven Wachstumskurs. Zwar hat diese Strategie die Lücke zum Marktführer McKinsey (rund 6 Mrd. Dollar Umsatz) zuletzt zusammenschrumpfen lassen. Allerdings hatte sie in den vergangenen Jahren zu scharfen Auseinandersetzungen in der Organisation geführt. Viele Partner definieren sich traditionell als intellektuell distinguierterer Gegenentwurf zu McKinsey - mitsamt der Freiheit, Standardaufträge trotz hohen Umsatzpotentials auch ablehnen zu dürfen. Veith allerdings soll nun die noch vergleichsweise umsatzschwachen Landeseinheiten außerhalb der alten Kernmärkte in Westeuropa zu stärkerem Wachstum treiben.
Sein Wechsel macht nun auch eine Neuausrichtung des deutschen Büros möglich, das zuletzt, gemeinsam mit Österreich, mit 980 Beratern auf einen Umsatz von 490 Mio. Euro kam. Da die Top-Berater zum Teil starken Einfluss auf Vorstandschefs haben, könnte das auch Einfluss auf die Strategiekultur deutscher Großkonzerne haben.
Neben Stelter und Meinecke gilt auch Carsten Kratz als ein aussichtsreicher Kandidat für den Posten des Deutschland-Chefs. Stelter hat seinen Hauptsitz in Berlin, ist bereits Mitglied im weltweiten BCG-Vorstand und hat sich zuletzt als Vordenker für globale Unternehmensstrategien positioniert. Meinecke ist ebenfalls Mitglied im weltweiten BCG-Vorstand, leitet das Hamburger Büro, betreut als Experte für die Minen- und Metallindustrie aber hauptsächlich Kunden außerhalb Deutschlands. Kratz dagegen ist fest in Deutschland verwurzelt. Er leitet das Frankfurter Büro und betreut Konzerne aus zahlreichen Branchen.
BCG wollte die Informationen nicht kommentieren.