Das Problem Ich arbeite in einem Klinikum und teile mir die Stationsleitung mit einem Kollegen, der wie ich Kinder hat. Ich liebe meinen Beruf und bin dankbar, dass ich über die geteilte Stationsleitung Beruf und Familie vereinbaren kann. Mein Problem: Arzt zu sein ist für mich eine Berufung, für meinen Kollegen nur ein Beruf. Er macht seinen Job wenig engagiert und bittet mich ständig, Dienste für ihn zu übernehmen, und optimiert sein Privatleben, wo er nur kann. Ich mache das meistens mit, aber es verleidet mir meinen Job und ärgert mich zunehmend. Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll, denn am Gesamtkonstrukt will ich nichts ändern. Was tun?
Hans, 40 Jahre
Annes Antwort Grundsätzlich ist es jedem Menschen selbst überlassen, mit welchem Engagement er seinen Job betreibt. Wenn sich jemand entscheidet, den Fokus stärker auf die Familie zu legen, nimmt er dafür in aller Regel karriereseitig Abstriche in Kauf. Problematisch wird es, wenn er die Verantwortung, die mit seiner Rolle verbunden ist, nicht ausfüllt. Normalerweise fällt das einem Vorgesetzten irgendwann auf, und er bespricht seine Erwartungshaltung mit dem Kollegen.
Bei Ihnen ist allerdings die Besonderheit, dass die Verantwortung auf zwei Personen aufgeteilt ist. Und Sie, der Sie Ihren Job mit Leidenschaft machen, gleichen vermutlich die Defizite Ihres Kollegen stillschweigend aus. Weil das Ihr Anspruch ist. Und auch, weil Sie das Konstrukt gern aufrechterhalten wollen. Wie angenehm für Ihren Kollegen! Und genau deshalb reizt er das Ganze vermutlich sogar unbewusst aus.
Wenn Sie mit ihm reden, ist es wahrscheinlich das Sinnvollste, ihn nicht anzugreifen, sondern ein offenes, klärendes Gespräch zwischen zwei Kollegen führen, die sich einen Job teilen. Erläutern Sie ihm zunächst mit Ruhe, dass aus Ihrer Sicht ein Ungleichgewicht vorliegt. Wie sieht er das? Bleiben Sie diplomatisch, und machen Sie trotzdem Ihren Punkt klar. Und fragen Sie ihn, wie seiner Meinung nach das Gleichgewicht wiederhergestellt werden könnte. Konstruktiv und pragmatisch.
Alle zwei Wochen sollten Sie besprechen, wie es läuft. Wie geht es ihm, wie geht es Ihnen? Ich glaube, dass Sie über diesen Dialog nach und nach dem gewünschten Ergebnis näher kommen. Allerdings sollten Sie sich keine Illusionen machen: So leidenschaftlich wie Sie wird Ihr Kollege vermutlich nie arbeiten.
Auch wenn Ihnen das schwerfällt, sollten Sie Ihre Arbeit weiterhin engagiert machen - aber Ihren Kollegen nicht mehr in der Deutlichkeit decken. In der Hoffnung, dass Ihre Vorgesetzten das Ungleichgewicht erkennen. Und im Idealfall mit dem Kollegen sprechen. Ich wünsche Ihnen, dass es Ihnen gelingt, durch eine aktive Gestaltung des Prozesses das Zwickmühlengefühl abzustreifen. Und dass Sie die Freude an Ihrer Berufung wieder deutlicher spüren.
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