Das Problem Ich bin seit einem Jahr in einer Beratung und gerade auf einem sehr anspruchsvollen Projekt, das das gesamte Team an die Grenzen bringt. Mein Projektleiter ist fachlich sehr gut und extrem fordernd. Aber nie zufrieden. Und das kommuniziert er dem Team gegenüber in einer sehr abwertenden Art ("Ich verstehe nicht, warum Du mir schon wieder so einen Schrott zulieferst"). Ich merke, wie dieser Umgang auf Dauer an die Substanz geht, ich mein Selbstbewusstsein verliere und tatsächlich schlechtere Arbeit abgebe. Kündigen wäre ein Ausweg, aber das will ich (noch) nicht. Was tun?
Sebastian, 28 J., Unternehmensberatung
Annes Antwort Arbeiten unter Druck und jenseits der Leistungsgrenze, dazu wenig Schlaf und keine Anerkennung: Der erste Teil war Ihnen im Vorfeld sicher bekannt, womöglich haben Sie ihn für eine steile Lernkurve in Kauf genommen.
Dass das Ganze darüber hinaus zermürbend und im schlimmsten Fall persönlichkeitsverändernd sein könnte, ist dagegen neu. Und eine ganz und gar unwitzige Erkenntnis.
Da die Situation ja das ganze Team betrifft, haben Sie sich vermutlich bereits gewehrt. Aber an der Stelle kollidieren die Interessen: Der Projektleiter steht offenbar stark unter Druck. Und jetzt kommen Sie und jammern. Ich könnte mir vorstellen, dass Sie nur beschwichtigende Floskeln geerntet haben. Mit der Bitte, die Zähne zusammenzubeißen - die zwölf Wochen werden Sie ja wohl noch durchhalten!
Da in der Kultur Ihres Unternehmens offenbar der Zweck die Mittel heiligt, gibt es hier wenige Ansatzpunkte, den Kommunikationsstil Ihres Chefs zu ändern. Was also tun? Im Kern geht es darum, sich ein dickes Fell zuzulegen. Sodass unfaires oder abwertendes Verhalten erst gar nicht bis zu Ihnen durchdringen und Sie persönlich verletzen kann. Allerdings ist das sehr viel leichter gesagt als getan. Und nahezu unmöglich, wenn die Belastung extrem hoch ist und die Nerven blank liegen.
In der aktuellen Situation können Sie aus meiner Sicht nur eng mit Ihren Teamkollegen zusammenhalten. Wie durchgefrorene Menschen auf einer Rettungsinsel auf dem offenen Meer. Heißt konkret, dass Sie sich gegenseitig bestärken, positive Rückmeldungen geben und unterstützen. Um so gemeinsam die Geringschätzung Ihres Projektleiters zu ertragen. Immer wieder sollten Sie sich vor Augen führen, dass sein Verhalten keinesfalls in Ordnung ist - und Ihnen stattdessen deutlich zeigt, wie sehr er selbst unter Strom steht. Ich hoffe, dass das ein kleines bisschen hilft und das Projekt bald vorbei ist.
Sollte sich allerdings auch im Nachgang mit etwas mehr Abstand nichts ändern, wird Ihnen nichts übrig bleiben, als sich über kurz oder lang ein anderes Unternehmen zu suchen. Eines, in dem der hohe Anspruch auch den Umgang mit den Mitarbeitern einschließt.
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