Das Problem Nach über 40 Jahren in meinem eigenen Unternehmen gehe ich in vier Monaten in Rente. Schon das Betriebsjubiläum mit offizieller Gratulation und der damit verbundenen Aufmerksamkeit war mir ein Graus. Jetzt bin ich gefragt, meine Verabschiedung zu planen, und merke, welch hohen Stellenwert das im Unternehmen hat. Mir steht das Ganze regelrecht bevor, und ich möchte am liebsten alle Feierlichkeiten absagen. Gleichzeitig will ich aber auch meine langjährigen Mitarbeiter und Kollegen nicht vor den Kopf stoßen - was tun?
Wilfried, 62 J., Automobilzulieferer
Annes Antwort Was wäre, wenn Sie sich zwingen, den Tag einfach durchzustehen? Sie würden sich am Format anderer Verabschiedungen orientieren und das Ganze über sich ergehen lassen. So, wie Sie das in Ihrer Karriere sicher bereits öfter mal tun mussten. Vermutlich wären Sie aufgeregt, womöglich wäre Ihnen latent übel. Allerdings mit der Gewissheit, dass es das letzte Mal ist, dass Sie beruflich so im Mittelpunkt stehen. Klingt trotzdem nur mittelmäßig attraktiv.
Was wäre, wenn Sie freundlich und bestimmt alle Feierlichkeiten absagen? Weil es einfach nicht Ihr Ding ist? Ihre offenbar sehr eifrigen Kollegen und Weggefährten wären wahrscheinlich zunächst vor den Kopf gestoßen. Aber sie würden merken, dass es Ihnen wirklich ernst ist. Und dass man Ihnen keinen Gefallen tut, Sie offiziell und mit großem Tamtam in den wohlverdienten Ruhestand zu geleiten. Vielleicht würden Sie aber am Ende Ihrem Wunsch nachkommen und nur eine winzig kleine, ganz dezente Feier machen, die Ihnen entspricht. Das wäre doch eine Variante - oder nicht?
Ich bin sicher, dass sich diese "ganz kleine Lösung" im Vorfeld sehr gut und richtig anfühlt und Sie dieses Vorgehen auch später nicht bereuen würden. Allerdings glaube ich, dass Sie sich selbst um etwas bringen, was Sie sich in 40 Jahren engagiertem Berufsleben verdient haben: Aufmerksamkeit und Wertschätzung von Kollegen, die sich ganz explizit Mühe geben, Ihnen einen besonders schönen Abschied zu bereiten. Von Vorgesetzten, die Ihr berufliches Leben reflektieren und eine würdigende Ansprache halten. Und von alten Weggefährten, die vielleicht witzige Anekdoten aus vielen gemeinsamen Jahren vortragen können.
Wollen Sie sich das wirklich entgehen lassen? Geht es nicht im Kern genau um die Emotionen, die in dieser Situation entstehen? Und um die Nähe und Verbundenheit zu den Kollegen und Mitarbeitern? Auch wenn Ihnen das alles unangenehm und zu viel ist, glaube ich, dass Ihnen genau diese Minuten im Mittelpunkt jene Erinnerung bescheren, von der Sie in den kommenden Jahren sicher noch öfter zehren werden. Ich finde, Sie sollten sich ein Herz fassen und Ihren Kollegen und vor allem sich selbst diese Freude machen!
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