Sie haben ein Problem im Job oder mit Kollegen? Anne Weitzdörfer arbeitet seit vielen Jahren als Beraterin und Coach. Jede Woche beantwortet sie in der FTD Ihre Fragen. Schreiben Sie an fraganne@guj.de. Alle Anfragen werden natürlich vertraulich behandelt.
Das Problem Mein Chef hat eine neue Assistentin. Ende 20 und ein ziemlich keckes Ding. Offenbar gut in ihrem Job, aber auch sehr vorlaut - ich möchte fast sagen: frech. Sie fällt ins Wort, verteilt großzügig Aufgaben und nimmt sich für meinen Geschmack deutlich zu wichtig. Das Problem: Meine ganze Abteilung findet sie klasse und freut sich über den "frischen Wind". Mich nervt sie kolossal. Allerdings bin ich der Einzige und weiß nicht, wo ich ansetzen soll. Haben Sie eine Idee?
Michael, 44 J., keine Angabe zur Branche
Annes Antwort Es braucht nicht viel Fantasie, um sich das vorzustellen: Jeden Morgen kocht Ihnen die Galle hoch, wenn Ihnen die kleine Sirene entwaffnend fröhlich einen guten Morgen wünscht. Wie soll man denn auch reagieren, wenn man zu früher Stunde noch muffelig im Büro aufschlägt?
Naheliegend wäre, diese Morgenmuffel-Haltung zur Grundlage Ihres Miteinanders zu machen: wortloses Nicken zur Begrüßung. Reduzierte E-Mails mit distanziert höflicher Umgangsform. Und ganz generell die Minimierung des persönlichen Kontakts. Zum Selbstschutz. Darauf angesprochen reagieren Sie mit überraschtem "Echt? Nö, alles gut", und muffeln weiter. Das begreift die Kollegin dann irgendwann und lässt Sie in Ruhe. Allerdings fraglich, ob Sie sich damit nicht selbst ins Abseits manövrieren.
Was wäre, wenn Sie die genervte Grundstimmung direkt in eine Beschwerde beim Chef verwandeln? Und ihm geradeheraus mitteilen, dass Ihnen das Früchtchen auf die Nerven geht? Er wird sich das zwar anhören, aber ich fürchte, dieser Vorstoß bringt nichts. Erstens hat er die Frau eingestellt, und zweitens kommt sie nach Rückmeldung aller Kollegen doch super an! Wo liegt denn das Problem? Mit Pech verabschiedet Sie Ihr Chef mit einem Schulterklopfer und dem Hinweis, dass Ihnen ein bisschen frischer Wind auch mal ganz gut täte.
Bleibt eigentlich nur der ganz direkte Weg, indem Sie der Kollegin klare Verhaltensregeln vorgeben: bitte weniger ins Wort fallen, bitte weniger dick auftragen und immer schön im Hinterkopf behalten, dass die Macht nur geliehen ist. Dann und auch nur dann funktioniert die Zusammenarbeit zwischen Ihnen beiden. Wenn Sie das Ganze dazu noch leise und emotionslos vortragen, wird es seine Wirkung nicht verfehlen. Und die vermutlich eingeschüchterte Kollegin Ihnen gegenüber künftig nur noch mit halbem Gas fahren.
Aber mal ehrlich: Brauchen Sie als alter Hase diese Konfrontation wirklich? Ich glaube, das Thema erledigt sich ganz von selbst. Im Moment erlebt Ihre Kollegin einen Höhenflug, der ihr offenbar ein bisschen zu Kopf steigt. Aber es ist doch nur eine Frage der Zeit, bis sich die Aufregung legt und das Tagesgeschäft wieder in den Fokus rückt. Heißt konkret: Lehnen Sie sich zurück, beobachten Sie das bunte Treiben und gönnen der jungen Wilden noch ein paar Tage das gute Gefühl.
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