Robert Niznik hat das Zeug dazu, sich bei seinen Kommilitonen richtig unbeliebt zu machen. Der 21-jährige Student an der New York Law School hat Ende März ein US-Internetportal eröffnet, das die Verdienstaussichten der angehenden Juristen deutlich schmälern könnte: Auf Shpoonkle.com (Motto: "Justice you can afford") unterbieten sich Anwälte in Auktionen gegenseitig, um Mandanten zu gewinnen. Wie bei Ebay - nur dass sich die Preisspirale nach unten dreht.
Welch ein Wandel. Während früher Mandanten geduldig im Wartezimmer eines Anwalts ausharrten, um diesem ihr Anliegen vortragen zu dürfen, sitzen heute die Juristen am PC und versuchen, Kunden zu ködern. Auch in Deutschland boomt die Mandantenakquise via Internet. Seit das Bundesverfassungsgericht 2008 entschied, dass Anwälte Beratungen in einer Onlineauktion versteigern dürfen (Az.: 1 BvR 1886/06), setzen immer mehr Juristen aufs World Wide Web. Eine Berliner Kanzlei etwa offeriert derzeit eine "Markenanmeldung" für 235 Euro, eine Stuttgarter Anwältin lockt auf der Gutscheinseite Groupon mit einer 60-minütigen Rechtsberatung für 39 statt 200 Euro.
Auch die Beratung selbst findet immer öfter online statt. Seiten wie Frag-einen-anwalt.de oder Justanswer.de locken mit schnellen Antworten auf rechtliche Fragen. "Seit wir 2004 mit Frag-einen-anwalt an den Start gegangen sind, wächst die Zahl der Nutzer jährlich um 20 Prozent", sagt Michael Friedmann, Geschäftsführer des Betreibers QNC. Inzwischen seien mehr als 800 Anwälte und rund 290.000 Nutzer registriert.
Ein vergleichbares Wachstum zeichnet sich auch für die US-Seite Shpoonkle ab. Schon in der ersten Woche haben sich laut Niznik 300 Anwälte angemeldet, um für Mandate wie "speeding ticket" oder "immigration problem" zu bieten. Der Start habe damit alle Erwartungen übertroffen, so Niznik. Natürlich habe es auch skeptische und bisweilen feindselige Kommentare etablierter Kanzleien gegeben. Doch "jede Innovation braucht Zeit, um sich durchzusetzen."
Frag-einen-anwalt.de ist hierzulande längst etabliert. Ähnlich wie bei Shpoonkle können Nutzer auf der Seite auch einen Anwalt mandatieren, statt nur Fragen zu stellen. Dazu müssen sie ihr Anliegen kurz darstellen, also beispielsweise schreiben, dass sie ihre AGB internationalisieren lassen wollen. Außerdem müssen sie angeben, welchen Preis zu zahlen sie bereit sind. Das Modell hat bislang allerdings nicht wie erhofft funktioniert, räumt Geschäftsführer Friedmann ein.
Viele Nutzer fänden es schwierig, den Leistungsumfang zu definieren. Deshalb hat QNC neuerdings einen Bereich freigeschaltet, in dem Anwälte Leistungen zu Pauschalpreisen anbieten können. Derzeit versprechen etwa 22 Kanzleien die billige "Prüfung der Renovierungspflicht für Mieter". Der Günstigste fordert 34 Euro. "Ich glaube, Anwälte werden in Zukunft verstärkt standardisierte Leistungspakete zu Festpreisen anbieten", sagt Friedmann. "Das Internet wird dabei eine zentrale Rolle spielen."
Teil 2: Wann das Onlinegeschäft an Grenzen stößt