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Merken   Drucken   18.07.2012, 11:14 Schriftgröße: AAA

Reichensteuer: Nennt es doch Servicepauschale

Kommentar Im Streit um eine Zwangsabgabe für Reiche sollte es nicht um Solidarität gehen. Sondern um wohlverstandene Eigeninteressen.

Millionärssteuer. Zwangsanleihe. Vermögensabgabe. Es sieht so aus, als hätten wir wieder mal einen Krieg verloren. Was in jüngster Zeit an Enteignungsfantasien kursiert, könnte einen jedenfalls glauben machen, Deutschland liege in Trümmern und brauche dringend eine Extraportion Solidarität der ganz Starken.

Axel Reimann, Redakteur im Kommentarteam der FTD bei den Gruner + ...   Axel Reimann, Redakteur im Kommentarteam der FTD bei den Gruner + Jahr Wirtschaftsmedien

Jetzt ist Solidarität natürlich immer was Schönes und in Notzeiten für eine Gesellschaft überlebensnotwendig. Aber selbst Euro-Krise, Energiewende und EM-Schlappe haben Deutschland bisher im globalen Vergleich nicht ins Lumpenprekariat gestoßen. Da ist es vielleicht etwas, na, sagen wir mal, übertrieben, jetzt schon die große Zwangssolidaritätskeule zu schwingen. Zumal sich so was schnell abnutzt.

Richtig ist aber, dass es Zeit wird, über Reichtum zu sprechen. Der ist unbestritten in Deutschland gewachsen und sehr ungleich verteilt: Zwei Drittel der Bevölkerung haben kaum Vermögen, den oberen zehn Prozent dagegen gehören mehr als 60 Prozent des deutschen Gesamtvermögens. Das kann man nun als marktwirtschaftliches Ergebnis verteidigen. Oder aber als Konsequenz einer Umverteilung von unten nach oben (zum Beispiel durch die Privilegierung von Kapitalvermögen) geißeln. Fakt ist jedenfalls, dass es den Reichen in Deutschland sehr, sehr gut geht. Und sie dafür relativ wenig zahlen. Ihre Einnahmen aus Zinsen und Dividenden werden mit mickrigen 25 Prozent belastet, egal ob es sich um 50.000 Euro  oder 1 Mio. handelt, während Arbeitseinkommen schon ab 8005 Euro selbstverständlich ganz progressiv geschröpft werden.

Ähnlich angenehm ist das steuerliche Arrangement für Wohlhabende bei Immobilienbesitz, Erbschaften, Schenkungen und Stiftungen. Klar, diese Regelungen gelten für alle in Deutschland gleichermaßen - aber die große Mehrheit der Bevölkerung wird zum Beispiel nie die Feinheiten der 16 Landesstiftungsgesetze schätzen lernen können. Oder die Verschonungsregel bei Erbschaften für Betriebsvermögen.

Und das sind nur die offensichtlichsten Vorteile, die Reiche in Deutschland genießen. Denn da gibt es noch so nette andere Details wie das Rechtsstaatsprinzip oder die grundgesetzliche Eigentumsgarantie - nur um mal jene verängstigten Reichen zu ernüchtern, die jetzt auf dem Sprung in die aufstrebenden Demokratien Asiens, Afrikas oder Lateinamerikas sind.

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Sicher, es lebt sich reich auch ganz gut in anderen Ländern, hinter hohen Mauern und mit privaten Sicherheitsleuten. Und, ja, man kann sogar in die Schweiz umsiedeln, wenn man das unbedingt will, oder in das sozial so ausgeglichene Großbritannien. Aber will man das wirklich ernsthaft erwägen, nur weil ein paar Wirtschaftsforscher fordern, dass sich Deutschlands Reiche (zunächst vorübergehend) von zehn Prozent ihres Vermögens trennen sollen?

Die Vorteile für Reiche in Deutschland sind einfach größer - deshalb sollte man auch nicht mehr über Zwangsabgabe oder -anleihen fabulieren, sondern das Kind beim richtigen Namen nennen: Es geht um eine Servicepauschale für Hochvermögende. Um eine Honorierung des Zusatznutzens, den Reiche in dieser Gesellschaft haben. Denn der Nutzen, den ein friedliches, demokratisches, rechtsstaatlichen Prinzipien verpflichtetes Gemeinwesen mit guter Infrastruktur, guter Verwaltung und gut ausgebildeter Bevölkerung für sie hat, ist für Reiche viel größer als für die, die nichts zu verlieren haben. Nicht aus Solidarität oder einem diffusen Gerechtigkeitsempfinden sollten Reiche mehr zahlen, sondern aus Eigeninteresse. Ob das nun über eine einmalige Abgabe auf das Vermögen erfolgt, eine Anleihe, durch den Abbau von Steuervorteilen oder höhere Besteuerung, ist zunächst zweitrangig.

In der ökonomischen Theorie ist schon lange das Konzept der Lindahl-Steuer bekannt, bei der jeder so viel Steuern zahlt, wie er an zusätzlichem Nutzen aus den staatlichen Dienstleistungen zieht. Und dabei sind nicht nur die relativ einfach zu erfassenden (und deshalb leicht zu kritisierenden) Sozialausgaben gemeint, sondern vor allem der persönliche Nutzen, den jeder Einzelne aus dem Gesamtarrangement staatlichen Handelns erzielt, vom Kitaausbau bis zur Euro-Rettung. Eigentlich eine optimale Lösung des Solidaritätsproblems. Das Problem mit der Lindahl-Steuer ist nur: Niemand gibt offen zu, wie viel Nutzen er wirklich aus dem Arrangement zieht, auf das sich diese Gesellschaft verständigt hat.

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  • Aus der FTD vom 18.07.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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Kommentare
  • 19.07.2012 09:46:55 Uhr   qwertz1: Missverständnis

    Ich glaube, dass es ein großes Missverständnis gibt. Im Grunde geht es nicht darum, in Deutschland eine signifikante Vermögenssteuer einzuführen. Deutschland geht es ja momentan verhältnismäßig gut, und der Staatshaushalt ist auch relativ ausgeglichen. Es geht in den Anregungen der Wirtschaftsforschungsinstitute darum, dass Reiche in Ländern mit großen Haushaltsproblemen an der Lösung beteiligt werden (denn die haben ja zum Großteil auch von den Problemen profitiert). Und zwar bevor der durchschnittliche europäische Steuerzahler an der Lösung beteiligt wird.

    Zum Beispiel: Die griechische Elite nutzt in einer unverschämten Art und Weise große Teile der eigenen Bevölkerung als Schutzschild um ihre Macht und ihr Vermögen zu schützen. Ich verstehe voll und ganz, dass die bisherigen Anstrengungen für weite Teile der Bevölkerung sehr schlimm sind, und weitere Einsparungen kein Lösungsweg sind. Was die griechischen Eliten allerdings nicht sagen, ist dass viele reiche Griechen bisher praktisch kaum einen Rettungsbeitrag geleistet haben!

    Laut einer Studie des griech. Finanzministeriums liegen mindestens 200 Mrd. Euro auf griech. Konten in der Schweiz. Dabei wird vermutet, dass ein großer Teil dieser Vermögen unversteuertes Schwarzgeld ist. Warum wird hier kein Steuerabkommen zwischen Griechenland und der Schweiz ausgehandelt, wie es auch England und Deutschland gemacht haben? Mit einer einmaligen Quellenbesteuerung wird das Geld legalisiert und kann in Zukunft dann ganz regulär besteuert werden. Bei einer ähnlichen Besteuerung wie Deutschland oder England würde Griechenland auf einen Schlag 40-60 Mrd. Euro einnehmen können und zukünftig einige Mrd. Euro pro Jahr! Das schweizer Vermögen der Griechen trägt nicht zum Wachstum in Griechenland bei, und eine Besteuerung wird sich deshalb im Vergleich zu anderen Steuerhöhungen und Leistungskürzungen im Inland nicht negativ auf das griechische Wachstum auswirken!

    Dass die griechischen Politiker (praktisch aller Parteien) das nicht frewillig umsetzen ist klar, da ein Teil der schweizer Konten ja von den Politikern selbst sind, und ein weiterer Teil von ihren Freunden und Unterstützern. Aber warum zwingt hier die Troika (oder das griechische Volk) die griechischen Politiker nicht zu einem solchen Schritt? Anstatt das Geld von europäischen Steuerzahlern zu nehmen, sollte als erstes Mal Geld von den reichen Griechen genommen werden! Dann könnte man auch die Sparprogramme für große Teile der Bevölkerung sofort wieder etwas lockern und die Wirtschaft ankurbeln.

  • 18.07.2012 16:25:38 Uhr   Björn: Es geht doch um die Verhältnismäßigkeiten
  • 18.07.2012 16:16:32 Uhr   Tom Brauer: Weiter so!
  • 18.07.2012 12:49:54 Uhr   Toni-Ketzer: Heimatkunde Anno2012
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