Die Post ist privatisiert worden, die Telekom und die Bahn. Als Nächstes sind die Währungen dran, "die Mutter aller Monopole", sagt John Naisbitt. Unbefangen denkt der Trendforscher über wettbewerbsfähige Währungen nach und über die Rolle die Zentralbanken, die bald überflüssig sein werden. "Der Durchbruch wird erfolgen, sobald wir verstehen, dass Geld - ebenso wie Autos, Kühlschränke oder Gold - eine Ware ist."
Eine gewisse Lust an der Provokation ist Naisbitt nicht abzusprechen. Zum Selbstzweck wird sie allerdings nie. Dafür steht schon sein Bestseller "Megatrends" ein. Bei keinem einzigen der vor 25 Jahren ausgerufenen Megatrends lag er falsch (einer dieser Trends hieß übrigens "Globalisierung"). In seinem neuen Buch "Mind Set!" geht es darum, alte Denkmuster zu verlassen, um den Kopf für die Zukunft freizubekommen.
Zu alten Denkmustern zählt für den in Wien lebenden Amerikaner die Orientierung nach Landesgrenzen. "Vergessen Sie die Staaten, in Zukunft zählen nur noch Wirtschaftsdomains." Ob die Wirtschaft eines Landes um 2,1 Prozent wächst oder sinkt, sei als Entscheidungsgrundlage irrelevant. "Wir werden uns künftig an grenzüberschreitenden Wirtschaftssektoren orientieren wie der Finanzdomain, der Pharmadomain oder der Stahldomain." Der Wettbewerb spiele sich schon jetzt nicht zwischen China und Indien oder der EU und den USA ab, sondern zwischen Konzernen wie Siemens und General Electric.
In diesen Unternehmen seien Arbeitskräfte aus Dutzenden Ländern tätig. Daher sei die Berechnung von Bruttoinlandsprodukten, die die Wertschöpfung eines Landes wiedergeben, bedeutungslos. "Die Indizes der Zukunft werden Bruttodomainprodukte von Wirtschaftszweigen sein", sagt Naisbitt. Als Beispiel dafür nennt er Nestlé, das als Schweizer Unternehmen bezeichnet wird, obwohl es 98 Prozent des Konzernumsatzes im Ausland erwirtschaftet. Auch 63 Prozent der Aktien von Nestlé liegen in ausländischen Händen. Naisbitt: "Wie viel Schweiz steckt noch in Nestlé?"
Für Europa sagt der Trendforscher voraus, dass der Kontinent untergehen wird, falls drastische Reformen länger vereitelt werden. Wie wirtschaftsfeindlich Europa ist, macht Naisbitt am Konflikt um Airbus fest. Die Regierungen in Frankreich und Deutschland hätten nicht darüber verhandelt, wo es die talentiertesten Mitarbeiter gibt und welche Standorte die besseren sind. "Sie stritten bloß darum, dass in ihrem Land möglichst wenige Jobs abgebaut werden."
Deshalb richtet er den Blick auf China. Naisbitt rät, China nicht als Bedrohung, "sondern als unseren besten Kunden der Zukunft zu sehen". Nach der Wirtschaft werde die Demokratie in China einen Sprung machen, glaubt Naisbitt: "Peking wird um politische Reformen nicht herumkommen."
Als eine der vielversprechenden Errungenschaften des 21. Jahrhunderts sieht er die Nano- und die Gentechnologie. Dieselbe Technologie, die es uns ermöglicht, Krankheiten wie Alzheimer oder Gendefekte wie das Downsyndrom zu behandeln und schließlich zu eliminieren, wird es auch gestatten, uns selbst größer, stärker, schöner oder klüger zu machen.
Die Wissenschaft sei dazu bereit. "Doch sind wir es auch?", zweifelt Naisbitt. "Ist der erste Schritt getan, können wir nicht mehr zurück."
| Mind Set! |
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| John Naisbitt | Hanser 2007 | 320 S. | 19,90 Euro | ISBN 978-3446410008. zur Buchbestellung |
| John Naisbitt, 78, Sohn eines Schotten und einer Dänin, studierte in Harvard und war Manager bei IBM und Kodak, außerdem Berater mehrerer US-amerikanischer Präsidenten. 1982 gelang ihm mit "Megatrends" ein Bestseller, der in 57 Staaten erschienen ist. Seitdem schreibt er Bücher mit Schwerpunkt Trend- und Zukunftsforschung. Naisbitt hält 15 Ehrendoktortitel. |