FTD.de präsentiert Grundlagen- und Expertenwissen zu Innovationen und Strategiemanagement. Dazu eine Linksammlung, Case Studies und wissenschaftliche Beiträge, die den steinigen Weg zum Erfolg ebnen. Teilen Sie Ihr Wissen mit den FTD-Lesern. Schicken Sie uns Ihre Favoriten in Sachen Management-Wissen: zerstoerer@ftd.de
Ein Morgen im Frühherbst 1909. Der Ort: eine Wiese nahe der Universität von Czernowitz, am Ostrand der Donaumonarchie. Der letzte Morgennebel lichtet sich gerade, da treten die Duellanten auf die Wiese. An einem Ende macht sich der Bibliothekar der Universität warm, am anderen ein 26-jähriger Professor. Mit dem Säbel wollen sie einen erbitterten Streit entscheiden - nämlich die Frage, ob die Studenten Bücher ausleihen dürfen. Der Bibliothekar stellt sich quer, der junge Hochschullehrer will das Ausleihrecht bis aufs Blut verteidigen. Der Kampf beginnt! Wild fuchteln die miserablen Fechter herum. Schon nach wenigen Sekunden wird der Bibliothekar an der Schulter getroffen, und die Sekundanten brechen das Duell ab - wohl auch, um Schlimmeres zu verhindern. Mit stolzgeschwellter Brust verlässt der Professor den Fechtplatz. Sein Name ist Joseph Alois Schumpeter.
Das ist nur eine von vielen Episoden, mit denen eine neue Schumpeter-Biografie aufwartet. Sie stammt aus der Feder des Amerikaners Thomas K. McCraw und trägt den wenig originellen Titel "Joseph A. Schumpeter". Wenig originell ist streng genommen auch das Sujet, schließlich erfreut sich der berühmte Ökonom seit einigen Jahren international wieder großer Beliebtheit: Eine eigene Schumpeter-Gesellschaft kümmert sich um sein geistiges Erbe, es finden Vorlesungsreihen zu seinen Theorien statt, und erst im Januar hatte der Campus-Verlag eine neue Biografie herausgebracht (s. Kasten). Warum also eine weitere Lebensgeschichte? Ganz einfach: weil Schumpeter nicht nur brillanter Theoretiker, sondern auch schillernder Lebemann war. Und weil Verlage duellierende Dandys leichter vermarkten können.
Auch Harvard-Professor McCraw gelingt es schnell, den Leser in die bunte Geschichte des Ausnahmetalents hineinzuziehen. Wie im Zeitraffer lässt er die ersten Lebensstationen des Wirtschaftswissenschaftlers Revue passieren: früher Tod des Vaters, Umzug nach Wien, kometenhafter Aufstieg zum jüngsten Professor Österreichs, der überragende Erfolg seines Werks "Die Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung".
Allein in seinen ersten 30 Lebensjahren hatte Schumpeter schon genug Stoff für eine Biografie produziert. Und da standen seine glücklosen Abenteuer als österreichischer Finanzminister und Bankier noch bevor, genau wie der nahezu zeitgleiche Tod von Frau, Mutter und Tochter, die den Bonvivant bis zum Lebensende zu einem gebrochenen Mann machten.
| Selbstzerstörer |
|---|
| Psychogramm eines Bonvivants In ihrem Buch "Die Kraft der schöpferischen Zerstörung" (Campus 2008, 285 Seiten, 24,90 Euro) zeichnet Annette Schäfer detailliert das Seelenleben des Ökonomen nach. Weniger ausschweifend als die McCraw-Biografie, dafür leichter lesbar und zugänglicher. Schwäche: Schumpeters Theorien werden oft nur kurz abgehandelt. |
Teil 2: Der Autor liefert mehr als nur Schillerndes und Schicksalsschläge