FTD.de » Karriere » Wirtschaftsbücher » Vollbeschäftigung war vorgestern
  FTD-Serie: Wirtschaftsbücher

Neue Ideen zur Unternehmensführung, wirtschaftspolitische Analysen oder Porträts von Firmen und Entscheidern: FTD-Online stellt in ausführlichen Rezensionen die interessantesten Wirtschaftsbücher auf dem deutschen und dem englischsprachigen Buchmarkt vor.

Merken   Drucken   06.09.2005, 18:10 Schriftgröße: AAA

Vollbeschäftigung war vorgestern

Meinhard Miegel läutet die "Epochenwende" ein: Die Zeit des Westens ist abgelaufen. Stimmt schon, der Mann ist reaktionär. Frauen sollen Kinder erziehen und sich nicht auf dem Arbeitsmarkt herumtummeln, meint er beispielsweise.
von Michael Prellberg

Was man so von sich gibt, wenn das eigene Wertesystem in den 50er Jahren geprägt worden ist. Wen er damit vor den Kopf stößt, interessiert ihn nicht. Meinhard Miegel buhlt nicht um Zuneigung, würde ihm nie einfallen. Es wäre nicht zu vereinbaren mit der Rolle, die er für sich gefunden hat: der unbequeme Mahner.

Es steckt viel Selbstgefälligkeit in dieser Rolle und somit auch in seinem neuem Buch "Epochenwende". Es ist Miegels zweiter Besuch bei der "deformierten Gesellschaft", die er in allen westlichen Industrieländern vorfindet. "Zu satt, zu träge und zu schläfrig" seien diese Gesellschaften, um im Wettlauf mit jungen und agilen Sprintern aus Indien oder China mitzuhalten. Die Zeit ihrer Vorherrschaft ist abgelaufen.

Millionen von Menschen im Westen, sagt Miegel, leben nach der Philosophie: "Mögen doch andere Völker das Heft in die Hand nehmen, für uns wird es wohl noch reichen!" Falsch, kontert Miegel: wird es nicht. Die Welt steht vor einer "Epochenwende".

Ein großer Wort, aber nicht zu groß. Eher beiläufig streut Miegel den entscheidenden Begriff ein, den von der "Globalisierung der Arbeitskosten". Wenn in der Slowakei, ganz zu schweigen von China, dieselbe Arbeit zu einem Bruchteil der Kosten erledigt werden kann, dann wird sie eben dort erledigt. In der Slowakei, in China - und nicht in Deutschland.

Das ist nicht neu und andernorts analytisch durchaus stringenter formuliert worden. Die Versuchung liegt daher nahe, Miegel als wortgewandte Stimme des aufgeklärten Stammtischs zur Kenntnis zu nehmen - und abzutun. Schließlich erzählt er nichts, was wir nicht alle wissen. Aber wenn das stimmt, insistiert Miegel, was folgt dann daraus?

Er kennt die Antwort. Statt sich auf die neuen Verhältnisse mit entschlossenem Handeln einzulassen, reagieren die Deutschen mit Ignorieren, Augen-Verschließen und Gegenan-Kämpfen. Vorneweg die wahlkämpfenden Politiker. "Wir brauchen Wachstum, um die Arbeitslosigkeit in den Griff zu kriegen", sagt GerhardSchröderAngelaMerkelJoschka- FischerGuidoWesterwelleOskarLa- fontaine. Fünf Parteien, fünfmal derselbe Unsinn.

Jeder der Wähler weiß, dass es ein solches Wachstum nicht geben wird und dass Vollbeschäftigung ein Wort von vorgestern ist. Aber keiner der Politiker traut sich, es ihm zu sagen. Also muss Miegel ran. Er ist der kleine Junge am Straßenrand, der ruft: "Aber der Kaiser hat ja gar keine Kleider an."

In Andersens Märchen geht es folgendermaßen weiter: ",Aber er hat ja gar nichts an!‘, rief zuletzt das ganze Volk. Das ergriff den Kaiser, denn das Volk schien ihm Recht zu haben, aber er dachte bei sich: ,Nun muss ich aushalten.‘ Und die Kammerherren gingen und trugen die Schleppe, die gar nicht da war."

Miegel taugt nicht zum Schleppenträger. Er zählt lieber auf, welche Kleidungsstücke dem Kaiser fehlen. Dabei wird er moralisch: Die deutsche Gesellschaft ist morsch, das Materielle wird überbetont, Werte verkümmern, es fehlt an Bildung und Haltung und nicht zuletzt an der Solidarität zwischen den Menschen.

Eine Mischung aus Standpauke und Sonntagspredigt liefert Meinhard Miegel ab, und auch wenn die gescholtene Leserschaft - wie sich das gehört - oft genervt die Augen verdreht, so darf doch nicht unterschlagen werden, dass der Untergang des Abendlandes selten so eloquent angekündigt worden ist.

Um den Untergang zu vermeiden, gelte es am Umgang mit der Erwerbsarbeit anzusetzen: "Jeder, der will, kann arbeiten" provoziert Miegel. Dem Westen gehe die Arbeit noch lange nicht aus. Allerdings handele es sich um schlecht bezahlte Arbeit, oft als "Ausbeuter-Jobs" geschmäht. Um Arbeit, die von den meisten Deutschen als "unter ihrem Niveau" angesehen wird. Der Staat zahlt ja.

Miegel ärgert sich nicht nur über diese Anspruchshaltung, sondern auch über den Staat. Weil der zahlt und weil er nicht dazulernt. Alle vermeintlich beschäftigungsfördernden Maßnahmen, Konjunkturprogramme und Subventionen hätten "viel Zeit, Kraft und Geld gekostet und nichts gebracht". Miegel orientiert sich lieber an den USA, wo "ein recht hoher Anteil der Erwerbsbevölkerung wenig verdient, aber nur wenige überhaupt kein Arbeitseinkommen haben". Entsprechend niedrig sei die Arbeitslosenquote. Der Westen müsste sich zu den bescheidenen und schlecht bezahlten Tätigkeiten nicht nur bekennen, er müsste "ihnen auch ihre Würde wiedergeben, die er ihnen genommen hat".

Die Länder Westeuropas haben die Wahl: Sie können sich entweder auf die Konsequenzen der von Miegel skizzierten "Epochenwende" einlassen oder sie wie ihre führenden Politiker weiter ignorieren. Aber aufhalten lässt sich die Zukunft nicht.


Epochenwende Meinhard Miegel Propyläen 2005, 312 S., 22 Euro, ISBN 3549071779.

  • Aus der FTD vom 07.09.2005
    © 2005 Financial Times Deutschland
Bookmarken   Drucken   Senden   Leserbrief schreiben   Fehler melden  
Immobilien-Kompass
Immobilien-Kompass Deutschlands beste Wohnlagen

Preise, Mieten und Prognosen für Deutschlands Metropolen und Regionen mit detaillierten Übersichtskarten

Jetzt eigene Wohnlage prüfen

 
Anstatt FTD.de lese ich künftig ... Zum Ergebnis
Alle Umfragen
In eigener Sache
  • An Kiosks in der ganzen Republik hieß es am letzten Erscheinungstag der FTD: Zeitung vergriffen! Der Hype um die Schlussausgabe trieb merkwürdige Blüten. Der Verlag druckte 30.000 Exemplare nach. Wer keines abbekam - bestellen ist möglich. mehr

  •  
  • blättern
Zwischen Leben und Arbeiten
Work-Life-Balance

Die FTD hat zusammen mit dem GfK Verein die umfassendste bundesweite Studie zum Thema Work-Life-Balance veröffentlicht. Die Ergebnisse und mehr zum Thema finden Sie hier. Die Studie können Sie hier kaufen. mehr

Folgen Sie der FTD auf Twitter
Werden Sie Fan der FTD auf Facebook
  • Sie waren ein Herzstück der Zeitung und pointiert, scharf, teils brillant: Ihre Kolumnen, Leitartikel und Kommentare haben die FTD entscheidend geprägt. Zum letzten Mal: Unsere Kolumnisten sagen, was Sache ist. mehr

  •  
  • blättern
© 1999 - 2013 Financial Times Deutschland
Aktuelle Nachrichten über Wirtschaft, Politik, Finanzen und Börsen

Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!

Impressum | Datenschutz | Nutzungsbasierte Online Werbung | Disclaimer | Mediadaten | E-Mail an FTD | Sitemap | Hilfe | Archiv
Mit ICRA gekennzeichnet

Geldanlage | Altersvorsorge | Versicherung | Steuern | Arbeitsmarkt | Energiewende | Ökostrom | Auto | Quiz | IQ-Test | Allgemeinwissen | Solitär | Markensammler