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Er war sich ganz sicher. Gioacchino Giuliani schaute mit wachsender Sorge auf die Kurvendiagramme, die seine Monitore zeichneten. Schon seit Wochen bebte die Erde in Italiens Region Abruzzen. Nachdem es am letzten Märzsonntag erneut zu einem Beben kommt, da ahnt er, dass etwas Schlimmes bevorsteht. Er greift zum Telefon, ruft Fabio Federico an, Bürgermeister von Sulmona. Giuliani warnt: In wenigen Stunden wird der Ort von einem "verheerenden Erdbeben" heimgesucht.
Der Bürgermeister ist gerade auf der Rückfahrt aus dem 90 Kilometer entfernten Rom. "Es war furchtbar", erinnert er sich. "Was sollte ich machen: evakuieren oder so tun, als sei nichts?" Als er in Sulmona ankommt, da schleppen Bürger schon Matratzen nach draußen. Die Warnung hat die Runde gemacht.
Giuliani irrt sich damals nur im Zeitpunkt. Die Erde bebt acht Tage später. In der Nacht zum Montag legt ein Erdbeben Teile der Region Abruzzen in Schutt und Asche. Es ist das schlimmste Erdbeben seit 30 Jahren in Italien. Nun fragen sich viele, ob es nicht besser gewesen wäre, Giuliani zu glauben, statt ihn wegen der Verbreitung unbegründeter Ängste vor Gericht anzuklagen.
Seine Vorhersagen entnimmt der Mann einer Maschine, die in einem Keller der Laboratori Nazionali del Gran Sasso (LNGS) steht - eine renommierte Forschungseinrichtung. Dort steht eine stahlgraue Kiste, in die zwei Datenkabel laufen. In ihr wird die Konzentration des Gases Radon im Boden gemessen. Bei bestimmten Werten droht ein Erdbeben, sagt Giuliani. Wenige Stunden im Voraus will er es vorhersagen. Er sagt, er habe hohe Trefferquoten. Bei vielen Bürgern gilt der Mann nun als Prophet. In Internetblogs wird geklagt, Politiker hätten die Technik unterschätzt. Und Guido Bertolaso, Chef des Zivilschutzes, gerät unter Beschuss. Bertolaso hatte vergangene Woche noch gegen "Schwachköpfe" wie Giuliani gewettert, "die sich amüsieren, falsche Nachrichten zu verbreiten".
Wissenschaftler aber bleiben skeptisch. "Man kann Erdbeben nicht voraussagen", sagt der Seismologe Ignazio Guerra. Manchmal folgt nach einer höheren Radongaskonzentration ein Beben, manchmal eben nicht. Eine Prognose sei so nicht möglich. Er warnt: Die Panik, die eine falsche Vorhersage hervorruft, könne schlimmere Folgen haben als ein echtes Erdbeben.
Die Qualifikation Giulianis wird nun hinterfragt. Dem Direktor des LNGS, Eugenio Coccia, zufolge befasst sich Giuliani nur auf eigene Faust mit Erdbeben. In Wahrheit sei er ein Elektronikingenieur, der an einem Projekt zur Erforschung sogenannter Neutrinos arbeite. Die Instrumente im LNGS seien nicht dafür gedacht, Erdbeben vorherzusagen. Der Seismologe Guerra sagt indes: Giuliani könne zwar Daten sammeln, die Auswertung müsse er aber dann Experten überlassen. Der Prophet gilt auch im eigenen Haus als nichts.