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Merken   Drucken   29.10.2008, 10:55 Schriftgröße: AAA

Fiktive Künstler: Gibt's doch gar nicht  

Nicht jeder Künstler, der erfolgreich ist, existiert auch tatsächlich. Der Warhol-Freund Pietro Psaier ist dafür nur das jüngste Beispiel: Den Mann hat es vermutlich nie gegeben. von Frank Apunkt Schneider
Pietro Psaier war ein klassischer Fall von später Entdeckung. Im Hintergrund der Factory soll der Pop-Art-Künstler eine nicht unbedeutende Rolle gespielt haben - als Warhols Geliebter wie auch als dessen Ideengeber. Trotzdem kannte ihn bis ins neue Jahrtausend niemand. Erst dann kamen Ruhm (Wikipedia-Eintrag) und Erfolg (bis zu 18.000 Euro wurden für einen Psaier gezahlt). Doch pünktlich zur Wiederentdeckung starb der Künstler 2003 angeblich im Tsunami-Chaos. Seine Leiche wurde ebenso wenig gefunden wie andere Lebensurkunden oder Kunstsystemreferenzen vor 1998. Klarer Fall von zweitem Mythenbildungsweg: Die Figur Psaier war offenbar eine Erfindung. Wikipedia jedenfalls entschloss sich zur Löschung des Eintrags.
Künstler und - seltener - Künstlerinnen zu erfinden hat Tradition. Ende der 90er-Jahre etwa tauchte im europäischen Ausstellungsbetrieb kontinuierlich der Name Darko Maver auf. Ein serbischer Antinationalist sei der Künstler, hörte man, und seine harschen Folterpuppen passten gut in die Zeit der Gräuel des Kosovokriegs. Doch im Jahr 2000 ließ die italienische Gruppe 010.010.111.0101101.Org verlauten, Maver sei ihre Erfindung, ein Hoax also.
In solchen Fiktionen mischt sich Kunst mit Literatur. Die Erfundenen wirken nicht nur durch ihre Werke, sondern vor allem durch die angedichtete Vita. Oft will diese aktiv in die bestehende Kunstgeschichte eingreifen. Wie etwa die Biografie von Georg Paul Thomann. Gut 100 Seiten fasst sie und liest sich wie eine alternative Geschichte der radikalen Kunst. Thomanns Leben erzählt davon, wie sich ästhetische und politische Positionen verbinden lassen, die in Wirklichkeit strikt getrennt existieren: Wiener Aktionismus, Punk und Political Correctness verknüpfen seinen Lebensweg mit der Realität zu einer zusammenhängenden Erzählung. Doch Thomann hat nie gelebt. Er ist eine Erfindung der Wiener Gruppe Monochrom.

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