Über Jahre enge Weggefährten: Joschka Fischer und Gerhard Schröder
"Colin Powell ist mein Freund geworden"Die Präsentation von Fischers Werk verläuft weitaus ruhiger als die politische Abreibung von 2003. Gemütlich schlürft der Autor im zweiten Stock der Berliner Akademie der Künste einen Kaffee - in der Ferne sieht man den Bundestag. Die Fahnen wehen im Wind, doch beim einstigen Staatsmann scheint keine Nostalgie aufzukommen. Locker tratscht er ein bisschen mit den Veranstaltern, dann geht es rein in einen geräumigen Glaskasten, der für die nächste Stunde als Klassenraum dient.
Der Geschichtsprofessor heißt heute Joschka Fischer und der hat viel zu erzählen - den Oberlehrer mimt er dabei glücklicherweise nicht. Braucht er auch gar nicht: Als ehemaliger Politiker könne man Inneres ungeniert nach Außen tragen, sagt Fischer verschmitzt. Er ist entspannt, macht Witze. Zu Beginn seiner Buchvorstellung stellt er gleich klar: "Ich habe das selbst gemacht, keine Hilfe." Der Seitenhieb auf Verteidigungsminister
Karl-Theodor zu Guttenberg kommt gut an bei den ihm aufmerksam lauschenden Besuchern. "Auf Fußnoten habe ich verzichtet." Lacher. Doch der einstige Diplomat von Weltformat ist nicht gekommen, um Spaß zu haben - und steigt zügig ein in die Geschichtsstunde. Das Lehrbuch: "'I am not convinced' - Der Irak-Krieg und die rot-grünen Jahre".
"Nein", die Memoiren von George W. Bush und Donald Rumsfeld habe "ich nicht gelesen, weil ich die Lügen satt bin". "Die Verdrehungen von Tatsachen" rückt Fischer in seinem Buch gerade. Im Vorfeld des Irakkrieges habe die rot-grüne Regierung arg an dem
Informanten "Curveball" gezweifelt. Dieser hatte dem Bundesnachrichtendienst und der US-Regierung Auskünfte über die Existenz von Massenvernichtungswaffen im Irak zugespielt - Aussagen, die "Curveball" selbst an diesem Mittwoch
als Lügen enttarnte.Der Autor beschreibt in seinem Buch das sich auf diesen Informationen aufbauende Dilemma ausführlich - fast zwei Drittel der 372 Seiten widmet er dem Kapitel Irak und deutsch-amerikanisches Zerwürfnis. "Curveball" hätte recht haben können, oder nicht: "Wir wussten es nicht", sagt Fischer heute. Drei voneinander unabhängige Aussagen hätte es gebraucht, um das Vorhandensein von Massenvernichtungswaffen zu beweisen. Die USA waren offensichtlich anderer Meinung.
"Ich war nicht schlecht erstaunt, als ich Colin Powell im Sicherheitsrat hörte", erinnert sich der frühere Grünen-Chef. Der amerikanische Außenminister hatte wie von Geisterhand aus der alles andere als lupenreinen Zeugenaussage eine Lage der harten Fakten geformt. Das war im Januar 2003 - es begann die "heißeste Phase des Irakkriegs". Im Februar auf der Münchner Sicherheitskonferenz ist Joschka Fischer "not convinced" und das fröstelnde deutsch-amerikanische Verhältnis friert gänzlich ein. Den Irakkrieg kann aber auch der einstige Bundesaußenminister nicht verhindern. Heute sagt er, es war "ein gewollter Krieg" der USA. Dennoch sei Colin Powell ein großartiger Mensch: "Wir sind Freunde geworden."