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Merken   Drucken   29.09.2011, 21:30 Schriftgröße: AAA

Essay von Julian Nida-Rümelin: Nicht den Boden unter den Füßen verlieren  

Die Menschen sind frei und gleich. Das ist die Basis moderner Gesellschaften - und an dieser Erkenntnis müssen wir festhalten. Und sie gegen den Optimierungswahn des Marktes verteidigen.
© Bild: 2011 dapd/Ariel Schalit
Premium Die Menschen sind frei und gleich. Das ist die Basis moderner Gesellschaften - und an dieser Erkenntnis müssen wir festhalten. Und sie gegen den Optimierungswahn des Marktes verteidigen. von Julian Nida-Rümelin
Julian Nida-Rümelin ist Professor für Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Dieser Essay ist vorab aus seinem am 4. Oktober erscheinenden Buch "Die Optimierungsfalle" entstanden.

Die Moderne beginnt nicht mit der Entdeckung Amerikas, nicht mit der Erfindung des Buchdrucks, nicht mit dem Schisma zwischen Katholiken und Protestanten. Sie beginnt mit der Entdeckung eines moralischen Kontinents, nämlich mit der Erkenntnis, dass die Menschen frei und gleich sind. Die Menschen sind frei, weil es keine natürliche Herrschaft gibt, weil Herrschaft auf Übereinkunft beruhen muss, um legitim zu sein. Und sie sind gleich, weil es keine natürlichen Unterschiede des Standes und der Herkunft gibt. Schon bei dieser Charakterisierung ist deutlich, dass Freiheit und Gleichheit miteinander verkoppelt sind: Menschen sind frei, weil sie gleich sind, weil es niemanden gibt, der von Natur oder von Gott zur Herrschaft bestimmt ist. Und sie sind gleich, weil sie gleichermaßen befähigt sind, rational - Vernunft-geleitet - zu handeln.
Die großen Denker - vielleicht sollte man besser sagen Vordenker - der Moderne sind sich nur in wenigem einig, ihre Theorien weichen stark voneinander ab, und sie bekämpfen sich gegenseitig. Aber in diesem normativen Fundament, in dieser anthropologischen Überzeugung, in dieser moralischen Entdeckung stimmen sie alle überein: Menschen sind frei und gleich. Diese Erkenntnis stammt aus der Zeit der Blüte des modernen vertragstheoretischen Denkens (17. und 18. Jahrhundert).
Aber diese Erkenntnis ist heute bedroht - durch eine ökonomische Rationalität, die uns in die Optimierungsfalle tappen lässt. Und die uns vergessen macht, auf welcher Basis wir unsere zivilisatorischen Fortschritte erreicht haben.

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