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Merken   Drucken   08.03.2010, 18:54 Schriftgröße: AAA

Kopf des Tages: Kathryn Bigelow, die Amazone wider Willen

Trotz vieler Etiketten entzieht sich Kathryn Bigelow allen Zuschreibungen. Ausgerechnet der "weibliche Macho" erhält nun als erste Regisseurin den Oscar. von Ole Schnoor
Das Timing war perfekt, aber ungewollt. "Die Zeit ist gekommen", setzte Barbra Streisand an, als es an die Verleihung des Regie-Oscars ging. Und kurz darauf hielt Kathryn Bigelow  die Trophäe in Händen - als erste Frau in der Geschichte des Motion Picture Award, pünktlich zum Weltfrauentag. Tatsächlich aber ist es die Würdigung einer Regisseurin, die sich gern jenseits von Grenzen bewegt, ohne sich auf eine Seite zu schlagen. In fünf weiteren Kategorien räumte Bigelow mit "The Hurt Locker" ab, darunter der für den besten Film.
Kathryn Bigelow gewinnt den Oscar für die beste Regie   Kathryn Bigelow gewinnt den Oscar für die beste Regie
Dabei sah es so aus, als habe die 58-Jährige ihre beste Zeit hinter sich. Über die bildende Kunst kam Bigelow zum Film. Ausgestattet mit einem Whitney-Stipendium, zog sie nach New York, wo sie Größen wie Richard Serra begegnete. Als es ihr zu elitär wurde, wandte sie sich dem Massenmedium Film zu. Aus der Kunst nahm sie ein Gespür für alles Räumliche mit, das seither ihre Genrefilme kennzeichnet. Mit "Gefährliche Brandung" und "Strange Days" feierte sie in den 90ern Erfolge, musste sich für Action und Gewalt von Kritikern aber gern mal als "Amazone" oder "weiblicher Macho" titulieren lassen.
Zuletzt war es ruhiger um sie geworden - "The Hurt Locker" markiert nun ihr künstlerisches Comeback. Der Film, der um einen Trupp von US-Bombenentschärfern in Bagdad kreist, vermittelt als einer der ersten überzeugend die spezielle Geografie eines Krieges gegen einen nahezu unsichtbaren Feind. Ihren Preis widmete die Kritikerin des Irakkriegs den GIs im Ausland und fügte an: "Mögen sie sicher nach Hause kommen."
Bigelows Nominierung wurde als Duell zwischen ihr und Ex-Partner James Cameron inszeniert. Hier der Mann, dort die Frau. Hier der technische Overkill der dreidimensionalen Pixelschlacht "Avatar", dort ein gering budgetiertes Kriegsdrama, das Genrekonventionen nutzt und zugleich feinsinnig unterläuft.
Cameron musste sich mit Oscars in Nebensektionen zufriedengeben. Trotzdem jubelte auch er nach der Entscheidung. Das Paar hatte sich 1991 nach zwei Jahren freundschaftlich getrennt und seither gegenseitig unterstützt. Cameron war Produzent der größeren von Bigelows Filmen.
Academy-Awards Irakkriegsdrama räumt sechs Oscars ab
Die US-Filmindustrie hätte keine Passendere als Bigelow finden können. Seit Jahren steckt Hollywood in der Krise, musste die ästhetische Führung an TV-Serien und den asiatischen Film abgeben. Mit der Auszeichnung einer Frau, die "Männerfilme" dreht, setzt man ein Zeichen der Erneuerung, das an das mythische Versprechen anknüpft, wonach sich der Mainstream von seinen Rändern her erneuert.
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Simplen Verortungen versucht Bigelow sich zu entziehen. Über das männerdominierte Business sagte sie kürzlich: "Ich sehe mich als jemanden, der Filme macht, und freue mich auf den Tag, an dem Mann und Frau keine Rolle mehr spielen." Mit den Oscars für ihren achten Film arbeitet zumindest sie nun auf Augenhöhe mit ihren männlichen Kollegen.
  • Aus der FTD vom 09.03.2010
    © 2010 Financial Times Deutschland,
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