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Merken   Drucken   07.12.2011, 15:37 Schriftgröße: AAA

Kunst: Der dritte Papst

Zwei Fassungen des Raffael-Gemäldes von Papst Julius II. entzweiten die Kunstwelt, weil nicht klar ist, welches das Original ist. Nun hat das Frankfurter Städel-Museum eine dritte bisher unbekannte Version des Porträts erworben.
© Bild: 2011 dapd/Thomas Lohnes
Zwei Fassungen des Raffael-Gemäldes von Papst Julius II. entzweiten die Kunstwelt, weil nicht klar ist, welches das Original ist. Nun hat das Frankfurter Städel-Museum eine dritte bisher unbekannte Version des Porträts erworben.
Das Gemälde gehört zu den berühmtesten Werken Raffaels: Das Bildnis des Papstes Julius II., lebensgroß und in Gedanken versunken in einem Lehnstuhl sitzend. Zwei Fassungen des Gemäldes, eine in der Londoner National Gallery und eine in den Uffizien in Florenz entzweiten bislang die Kunstwelt mit der Frage nach dem Original. Lange galt die Florentiner Version als die echte, als jedoch vor mehr als 40 Jahren Restauratoren einen übermalten Wappenvorhang in der Londoner Fassung nachweisen konnten, galt dieser Fund als Sensation und aufgrund der veränderten Bildkonzeption als Beweis für das wahre Werk Raffaels.
Nun wartet das Frankfurter Städel-Museum mit einer weiteren, bisher von der Wissenschaft unbeachteten Version des Julius-Porträts auf und präsentiert das Werk als Höhepunkt der bevorstehenden Neueröffnung seiner Altmeister-Sammlung: Ein Gemälde, das 2007 in Wien von der Sammlung Ellermann ersteigert wurde und bislang als Werk eines Raffael-Nachahmers galt. "Wir haben das bis vor vier Jahren als Kopie geltende Bild vor einem Jahr erworben, weil wir sicher waren, dass es ein Original ist", sagte Museumsdirektor Max Hollein am Dienstag.
Als Raffael zwischen Juni 1511 und März 1512 Papst Julius II. porträtierte, verfolgte das jähzornige Kirchenoberhaupt mit der Darstellung Propagandaziele: Julius II. wollte als gebildet und intellektuell gelten, schließlich bediente er sich in seinem Machtstreben neben fortgesetzten Kriegszügen auch eines großzügigen Mäzenatentums, um das Ansehen des Papsttums zu vergrößern und, vor allem, um sich seines ewigen Nachruhms sicher zu sein.
Röntgenaufnahmen zeigen übermalte Skizzen
Das Städel-Museum hat am Dienstag zur Untermauerung der Echtheitsbehauptung des neuen Julius-Porträts bemerkenswerte Indizien aufgeführt. Das 106 mal 78,4 Zentimeter große, auf Pappelholz gemalte Werk wurde gemäldetechnologisch und kunsthistorisch umfassend analysiert. Mittels Infrarotreflektografie sei eine Unterzeichnung sichtbar gemacht worden, die eine Reihe von Modifikationen im Verlauf des Malprozesses nachweisen lasse und dem Werk eine besondere Stellung im Vergleich zu den bislang bekannten Fassungen verleihe. Die Röntgenaufnahme ließe vor allem im Bereich des Gesichts und bei der Position des Stuhls vorgenommene Veränderungen erkennen. Details des Familienwappens auf dem thronartigen Lehnstuhl sowie die Position der Fingerringe unterschieden sich von jener im fertigen Bild. Eine im Malprozess verworfene Segnungsgeste der rechten Hand ließe sich in der Unterzeichnung erkennen.
Hilfe von Werkstattkollegen
Das Städel-Museum bezeichnet "Raffael und Werkstatt" als Urheber des Gemäldes. "Selbst interessierte Galeriebesucher haben oft falsche Vorstellungen von einem Original", sagt der Leiter der Altmeister-Sammlung Jochen Sander. Ob Raffael, Tizian oder Leonardo da Vinci, keiner der alten Meister habe ein Gemälde allein angefertigt, sondern stets mit Hilfe von Mitarbeitern und Schülern in seiner Werkstatt. Beim Julius-Porträt des Städel-Museums habe Raffael auf jeden Fall nicht nur den Entwurf geliefert, sondern auch im Malprozess selbst Hand angelegt: "Wichtige, maltechnisch anspruchsvolle oder gestalterisch maßgebliche Abschnitte eines Bilds sind aus der Hand des Meisters selbst", sagt Sander. Bei Möbeln, Hintergründen oder Teilen eines Gewands habe meist ein Werkstattkollege den Pinsel geführt.
Die Untersuchungsergebnisse des Städel-Museums belegen die Entstehung des Gemäldes in einer italienischen Künstlerwerkstatt des 16. Jahrhunderts. "Unser Werk hat in Raffaels Werkstatt im Prozess der Bildfindung eine Rolle gespielt", sagt Sander. Über die Herkunft und das wahre Original wird jedoch noch ausführlich diskutiert werden: Da das Motiv als Propagandabild angefertigt wurde, ist es auch denkbar, dass fremde Werkstätten bald Kopien erstellten. Genauso ist es möglich, dass in Raffaels Werkstatt mehrere Varianten für verschiedene Auftraggeber erstellt wurden. "Wo unser Porträt in der Versionsgeschichte des Bildnisses einzuordnen ist, wird die internationale Diskussion zeigen", sagt Kurator Sander.
  • FTD.de, 07.12.2011
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