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Merken   Drucken   23.01.2012, 18:10 Schriftgröße: AAA

Neu auf den Bühnen: Premieren der Woche

Zu den interessanten Vorstellungen gehören die Oper "Die Nachtwandlerin" und die Rockoper "Die Chronik der Unsterblichen - Blutnacht" sowie die Schauspiele "Ratgeber für den intelligenten Homosexuellen ..." und "Der Wind macht das Fähnchen".
Die Sängerin Ana Durlovski bei einer Probe zur Oper "Die ...   Die Sängerin Ana Durlovski bei einer Probe zur Oper "Die Nachtwandlerin"
Das Ereignis dieses Abends heißt Ana Durlovski. Die Mazedonierin demonstriert in der Titelrolle unübertrefflich, was Belcanto bedeutet. Das Team um Jossi Wieler hat sich in gewohnter Weise bewährt, obwohl die Raumerfindungen von Bühnenbildnerin Anna Viebrock allmählich Abnutzungserscheinungen aufweisen. Jedenfalls funktioniert die Übertragung von Bellinis Handlung ins 20. Jahrhundert vorzüglich. Was den Beteiligten noch alles zu dem Stoff einfiel, hat sogar in dem gehaltvollen Programmbuch Spuren hinterlassen. Bei der Aufführung, die ja die Sinne ansprechen soll, überzeugt neben dem Orchester unter Gabriele Ferro und den gesanglichen Leistungen vor allem, wie das Regieduo mit dem Chor umgeht: Der ist über weite Strecken gut sichtbar auf der Bühne postiert und wesentlich mehr als nur Beiwerk oder Hintergrund. Er liefert nicht nur kleine Nebenaktionen, sondern auch humoristische Einlagen. Der anhaltende Premierenapplaus bestätigt, dass Wieler mit der ersten eigenen Neuinszenierung als Intendant auf dem besten Weg ist, sich die Zuneigung der Stuttgarter zu erspielen.
Von Thomas Rothschild
Die Nachtwandlerin
Ort: Oper Stuttgart
Regie: Jossi Wieler, Sergio Morabito
Dirigent: Gabriele Ferro
Mitwirkende: Ana Durlovski, Luciano Botelho, Liang Li
FTD-Bewertung: 5 von 5 Punkten
Auf dem Spielplan des Pfalztheaters steht eine Uraufführung: Fantasy-Autor Wolfgang Hohlbein liefert mit "Die Chronik der Unsterblichen - Blutnacht" den Stoff für eine dreistündige Rockoper, die Musik steuert die Heavy-Metal-Band Vanden Plas bei. An der zentralen Figur zerren zwei Götter. Der Held muss sich entscheiden zwischen Unsterblichkeit und einem gewöhnlichen Leben an der Seite seiner großen Liebe Maria. Die Lösung soll eine Zeitreise bringen, in deren Verlauf sich Andrej gegen allerlei Widersacher wehren muss. Die Band, die Sänger, Bühnenbild und Kostüme geben den Anhängern des Genres, was sie erwartet haben - und die bedankten sich bei der Premiere mit begeistertem Applaus. Weniger euphorisch reagierte der größere und dem Äußeren nach gesetztere Teil des Publikums. Dabei haben die imposante Gitarrenmusik, gefühlvolle Duette und ein bezaubernder Kinderchor durchaus Qualitäten, die auch diese Zuhörer in ihren Bann ziehen könnten.
Von Isabell Scheuplein, dpa
Die Chronik der Unsterblichen ...
Ort: Pfalztheater Kaiserslautern
Regie: Urs Häberli
Darsteller: Andy Kuntz, Manuel Lothschütz
FTD-Bewertung: 3 von 5 Punkten
Mit gesellschaftskritischen Texten ist Dramatiker Philipp Löhle im Moment enorm erfolgreich. Nun schrieb er ein Stück für das Bonner Schauspiel: Auch hier wollte der Beifall nicht enden. Das Stück handelt vom Zerfall einer Familie. Doch anders als in Thomas Manns "Buddenbrooks" geht es nicht um Patrizier im 19. Jahrhundert, sondern um eine Mittelstandsfamilie unserer Zeit. Anfangs, als die Kinder noch klein sind, ist der Vater stolz auf seine Familie. Als er seine Arbeit verliert, brechen Spannungen mit seiner Frau auf. Nachdem der Vater ein zweites Mal den Job verliert, geht es steil bergab. In der Uraufführung wird viel gelacht. Die Inszenierung arbeitet sorgfältig heraus, dass es Löhle nicht um Oberflächenrealismus geht, sondern um soziale Wahrheit - die Entwicklung zerstört die Familie. Anfangs wirkte die Uraufführung immer wieder zäh und spannungslos. Doch in den letzten Bildern entfaltete sie eine unerwartet starke dramatische Dynamik.
Von Ulrich Fischer, dpa
Der Wind macht das Fähnchen
Ort: Schauspiel Bonn
Regie: Dominic Friedel
Darsteller: Tatjana Pasztor, Rolf Mautz, Birger Frehse
FTD-Bewertung: 4 von 5 Punkten
Der lange Titel "Ratgeber für den intelligenten Homosexuellen zu Kapitalismus und Sozialismus mit Schlüssel zur Heiligen Schrift", der auf George Bernard Shaw und auf Mary Baker Eddy anspielt, führt in die Irre. Es geht in Tony Kushners neuem Stück um das Scheitern der Befreiungsträume des 20. Jahrhunderts. Das Diskussionsstück beschränkt sich auf Kontroversen innerhalb einer italoamerikanischen Familie, deren Vater Selbstmord plant. Der Erfolgsautor, selbst homosexuell und Marxist, überblickte die Widersprüche, in die Menschen geraten, die sich den gesellschaftlichen Normen entziehen. Sein realistisches - von Bertolt Brecht geprägtes - Theater jedoch wirkt sehr amerikanisch. Auch der Regisseur lässt erkennen, dass er in New York bei Lee Strasberg studierte. Das durchweg konzentrierte Ensemble versuchte, sich mit viel Einsatz gegen die elende Akustik des Mannheimer Theaters durchzusetzen - was meistens gelang!
Von Thomas Rothschild
Ratgeber für den intelligenten Homosexuellen zu Kapitalismus und Sozialismus ...
Ort: Nationaltheater Mannheim
Regie: Burkhard Kosminski
Darsteller: Edgar Böhlke, Irene Kugler
FTD-Bewertung: 4 von 5 Punkten
  • FTD.de, 23.01.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland,
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