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Merken   Drucken   20.02.2012, 18:29 Schriftgröße: AAA

Neu auf den Bühnen: Premieren der Woche

Zu den interessanten Vorstellungen gehören das Musiktheater "Das wohltemperierte Klavier", das Drama "Sammlung Prinzhorn", die Oper "Alessandro" und die Trashkomödie "Fleisch ist mein Gemüse"
© Bild: 2012 FTD.de/dpa/Bildfunk/Kay Nietfeld
Zu den interessanten Vorstellungen gehören das Musiktheater "Das wohltemperierte Klavier", das Drama "Sammlung Prinzhorn", die Oper "Alessandro" und die Trashkomödie "Fleisch ist mein Gemüse"
Weil Dramaturgen im Moment lieber Romane, anstatt Dramen auf die Bühne heben, bringt die Schaubühne den ungarischen Bestseller "Melancholie des Widerstands" unter dem Titel "Das wohltemperierte Klavier" zur Uraufführung. Der Regisseur verteilte den schwer sprechbaren, weil für Leser bestimmten Text in seiner Not auf mehrere Darsteller. Leider liegt jedoch das Highlight dieses Abends, der Schauspieler Ernst Stötzner, den man gerne länger genösse, vorwiegend im Bett - und schweigt. Weil im Text, dessen Handlung auf der Bühne nicht wirklich nachvollziehbar ist, vom Barockorganisten Andreas Werckmeister die Rede ist, wird Musik von Johann Sebastian Bach gespielt. Die hört sich gut an - aber ein echtes Bühnenereignis wird nicht daraus. Marton überlässt das Ensemble ungeschützt der Anarchie der Produktionskräfte. Und das hyperrealistische Bühnenbild scheint der Adaption eines anderen Romans im angrenzenden Raum - dem "Eugen Onegin" von Alvis Hermanis - nachempfunden zu sein.
Von Thomas Rothschild
Das wohltemperierte Klavier
Ort: Schaubühne Berlin
Regie: David Marton
Darsteller: Ernst Stötzner, Jule Böwe, Bettina Stucky
FTD-Bewertung: 2 von 5 Punkten
Es kracht ohrenbetäubend. Eisenbetten werden umhergeworfen. Dicke und dünne Nackte tanzen und laufen wie verrückt umher. Johann Kresnik ist in seinem Element. In dem spartenübergreifenden Stück wird das Leben des Heidelberger Psychiaters und Kunsthistorikers Hans Prinzhorn erzählt. Der von Andreas Seifert gekonnt gespielte Kunstsammler trifft dabei als Typhuskranker in zehn Fiebertraumepisoden auf seine Eltern, Frauen, Kollegen - und auf die talentiertesten Künstlerpatienten seines Lebens. Prinzhorn hatte zwischen 1919 und 1921 über 5000 künstlerische Arbeiten von Psychiatriepatienten aus ganz Europa gesammelt. Diese beeinflussten die Kunstszene, wurden aber schon vor seinem Tod 1933 von den Nazis als "entartete Kunst" diffamiert. In das sehenswerte Bühnenbild von Marion Eisele werden immer wieder verschiedene Bilder aus der Sammlung projiziert. Thematisiert werden auch die Verstrickungen deutscher Mediziner in das NS-Regime.
Von Christian Jung, dpa
Sammlung Prinzhorn
Ort: Theater Heidelberg
Regie: Johann Kresnik
Darsteller: Andreas Seifert
FTD-Bewertung: 4 von 5 Punkten
Die Inszenierung beginnt mit einem visuellen Knalleffekt: Während das Orchester die Eroberung der Stadt Sidrach durch Alexander den Großen untermalt, flackern in Schwarz-Weiß altbekannte Kinomonster über eine große Leinwand. Zu sehen sind King Kong, Godzilla, Tarantula und der Drache aus Fritz Langs Klassiker "Die Nibelungen" - Gegner, die eines Helden wie Alexander (bei Händel: Alessandro) würdig sind. Die Premiere zum Auftakt der 35. Händel-Festspiele im Badischen Staatstheater wird mit Ovationen gefeiert: Alexander der Große, auf dem siegreichen Zug nach Indien, ist von seinem Erfolg so besoffen, dass er sich als Gott verehren lässt. In seiner Selbstverliebtheit beginnt er ein erotisches Eroberungsspiel mit gleich zwei Prinzessinnen. Das führt zu allerlei Intrigen und Verwicklungen. Großen Anteil am Erfolg des Abends hatte das festivaleigene Originalklang-Ensemble unter der Leitung des jungen Mainzer Dirigenten Michael Form.
Von Martin Roeber, dpa
Alessandro
Ort: Staatstheater Karslruhe
Regie: Alexander Fahima
Dirigent: Michael Form
FTD-Bewertung: 4 von 5 Punkten
Eine Szene aus der Trashkomödie "Fleisch ist mein Gemüse"   Eine Szene aus der Trashkomödie "Fleisch ist mein Gemüse"
Die Neufassung der Trashkomödie "Fleisch ist mein Gemüse" nach dem gleichnamigen autobiografischen Erfolgsroman von Heinz Strunk wurde im Hamburger Schauspielhaus schwer gefeiert. Sieben Jahre nach der ersten Version "Phoenix - Wem gehört das Licht?" begeisterten Heinz Strunk, Jacques Palminger und Rocko Schamoni vom Anarcho-Trio Studio Braun erneut ihr Publikum. In der Rolle des frustrierten Jugendlichen Heinz glänzt Stefan Haschke. Heinz Strunk spielt gewollt dilettantisch die Mutter. Im giftgrünen Rock und roter Weste tyrannisiert sie ihren Sohn. Selbst vom Krankenbett aus lässt sie ihn nicht in Ruhe und fordert "Gib Küsschen!". Einziger Lichtblick in dieser psychotischen Familie: Anja, die Heinz über eine Anzeige kennenlernt. Doch ein Annäherungsversuch scheitert, selbst als Heinz bei der Band Tiffanys einsteigt, die auf Hochzeiten und Schützenfesten aufspielt. Nach der Pause mit hartgekochten Eiern und Eierlikör fürs Publikum rollt ein riesiges Kofferradio auf die Bühne - darin sitzt in pinkfarbenen Glitzersakkos die legendäre Tanzkapelle. Doch der frustrierte Heinz bleibt am Ende des unterhaltsamen Spektakels allein zurück.
Von Carola Grosse-Wilde, dpa
Fleisch ist mein Gemüse
Ort: Schauspielhaus Hamburg
Regie: Studio Braun
Mitwirkende: Stefan Haschke, Maria Magdalena Wardzinska, Stephan Schad
FTD-Bewertung: 4 von 5 Punkten
  • FTD.de, 20.02.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland,
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