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Merken   Drucken   16.10.2009, 10:00 Schriftgröße: AAA

Luxus in Flaschen: Wenn Wasser zum Lifestyle wird

Wolkensaft, Gottestränen, Glamour elixier: Wasser ist nicht mehr nur zum Trinken da. An exotischen Quellen in Designerflaschen abgefüllt, wird es als Luxusartikel begehrt - oder geschmäht. Bianca Lang schenkt ein. von Bianca Lang 
Wer einmal einen Marathon gelaufen oder durch eine Wüste getourt ist, der weiß, wie köstlich Wasser schmecken kann. Doch Wasser wird nicht nur von Sportlern oder Extremurlaubern als Offenbarung gepriesen. Auch Hollywoodstars und Gesundheitsapostel schwören auf das einfachste aller Getränke. Denn Wasser ist Wellness, es hat sich vom Durstlöscher zum Symbol für eine bewusste Lebensweise entwickelt. In Deutschland trank 2008 jeder Bundesbürger im Schnitt 138 Liter Mineralwasser, in den 70er-Jahren waren es nur zwölf Liter.
Wie bei jedem Massentrend setzt sich ein Teil der Konsumenten ab. Für sie ist Wasser nicht einfach Wasser, sondern Teil ihres Lifestylekonzepts. Zerkratzte Pfandflaschen aus dem Supermarkt kommen dieser Klientel nicht auf den Tisch. Wer schön und schick sein will, trinkt osmotisch gereinigtes und per Hand abgefülltes "Spitzentafelkonzentrat" oder "Extremsportwasser" aus dem Designerflachmann.
In Paris betreibt das Trendkaufhaus Colette eine ­eigene Wasserbar, in Amsterdam gibt es Wasserboutiquen, in West Virginia ein Water Tasting Festival, Fünfsternehotels in aller Welt beschäftigen Wassersommeliers, und im Conceptstore Sluiz auf Ibizia gehen Flaschen der Marke Bling H2O ebenso über den Tresen wie beim Stanglwirt am Wilden Kaiser.
Bling H2O ist quasi der P. Diddy unter den Wassern, nur dass die Flasche mit Swarovski-Steinen besetzt ist statt mit Goldketten behängt. Ein Hollywoodproduzent gründete die Marke, nachdem ihm aufgefallen war, dass immer mehr Kollegen Wasser aus Designerflaschen tranken. Bling, ein Slangwort für glänzenden Edelsteinschmuck, steht für die protzige Zurschaustellung von Reichtum.
Die Flaschen aus weißem, blauem oder rosafarbenem Glas mit Glitzerschriftzug (circa 50 Euro) erfüllen diesen Zweck: Paris Hilton kippt das neunfach gereinigte Quellwasser in den Napf ihres Chihuahua, Mariah Carey ölt damit ihre Kehle. Dass eine ganz in Strass gehüllte Flasche der Sonderkollektion "Dubai" 2500 Euro kostet (während laut Uno-Schätzungen eine Milliarde Menschen auf der Erde keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben), macht die Marke in den Augen ihrer Fans nur noch begehrenswerter.
Paris Hilton tränkt ihren Hund mit Spezialwasser   Paris Hilton tränkt ihren Hund mit Spezialwasser
Das Wasser für Bling H2O stammt aus Tennessee, getrunken wird es auf der ganzen Welt. Auch Fiji Artensian Water ist leichter in Beverly Hills zu bekommen als auf Fidschi. Seit Tom Cruise oder Ozzy Osbourne es schlucken, gehört es zu den meist­importierten Wassern der USA. In Plastikflaschen gefüllt, wird es über die Ozeane geschifft, um auf Stofftischdecken und in den Minibars von Designhotels zu landen. Immerhin kommt der Erlös dem Regenwald auf den Inseln im Südpazifik zugute. Diese noble Geste schätzt der Konsument ebenso wie die Erläuterungen auf dem Etikett.
Auf Fidschi, so liest er dort, wurde der Regen jahrhundertelang durch Vulkangestein gefiltert, bevor er, reich an Silizium, in die Flasche kommt. Das klingt verlockend, besonders in Deutschland, wo die Böden eher siliziumarm sind. War­um also den für Nägel, Haut und Knochen so wichtigen Mineralstoff als Kapsel einwerfen, wenn man ihn glamourös wie Madonna einnehmen kann? "Die Leute trinken Wasser heute nicht nur, weil sie Durst haben, sondern weil sie darin Inhalt und Sinn suchen", sagt Andreas Albrecht, der seit drei Jahren Marken aus der ganzen Welt über seine Firma Sir Aqua vertreibt. 70 Premiumsorten aus 19 Ländern liefert er an Sternerestaurants und Luxushotels in Deutschland.
Wer die Edelwässer probiert, merkt schnell, dass es häufig mehr um Show als um Chemie geht. Die zum Geschmackstest in der Redaktion dieses Magazins zusammengetrommelten Kollegen ließen sich jedenfalls nur schwer beeindrucken. Das von Jean Paul Gaultier dekorativ gestaltete Evian schmecke, "als hätte man an der Schwimmbadwand geleckt", klagte ein Mitarbeiter, einen anderen erinnerte das japanische Wasser Finé an "getrocknete Hühner­füße".

Teil 2: "Robben unterm Hintern weggeschossen"

  • FTD.de, 16.10.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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