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Merken   Drucken   09.12.2009, 10:00 Schriftgröße: AAA

Luxus in Flaschen: Wo bleibt der Champagner?

Wir bedauern, den hat unsere Autorin schon ausgetrunken. Zum Glück hat Sie für uns Einblicke in das Leben des freudetaumelnden Jetsets erhaschen können, auch wenn sie dafür auf eine Champagnerschale verzichten musste. von Silke Burmester
Mein Leben bewegte sich nicht mehr, ich trat auf der Stelle. "Du musst Champagner trinken!", sagte Romy, eine Freundin, die als Eventmanagerin von Rausch zu Rausch jettet. "Damit erlebst du andere Dinge!" Na sicher, betrunken ist alles anders. Sie schenkte mir eine Flasche Veuve Clicquot, die ich zu Hause allein leerte und die mein Erleben insofern intensivierte, als dass ich mir beim Zubettgehen das Schienbein anschlug und den BH anließ. "Champagner trinkt man nicht allein! Man trinkt ihn in Gesellschaft und mit Stil!", schalt sie mich, gab mir ein Büchlein, und ich las mich ein in die Welt des edelsten aller Getränke.
Ich erfuhr, dass nicht die Franzosen den Schaumwein erfunden hatten, sondern, um 1675, die Engländer. Ich las über Seele, Herz, Geist und Körper, denen der Champagner je nach Charakter zugeordnet wird. Über Reserveweine, die den gleichbleibenden Geschmack einer Marke garantieren, darüber, dass die Bläschen möglichst winzig sein sollten. Ich ahnte, dass sich mir eine neue Welt offenbaren würde. Ich sah mich, gehüllt in fließenden Satin, in teuren Etablissements charmant beschwipst mit großer Geste die Champagnerschale schwenken, während am Klavier die Schlager der 20er-Jahre gesungen wurden.
Über Genussregeln und deren Anwendung
Aber diese Vision konnte ich vergessen. Champagnerschalen sind komplett out, die feinen Bläschen verflüchtigen sich zu schnell darin. Man trinkt aus ungekühlten, tulpenförmigen Gläsern, in denen sich das Bouquet auf halber Glasstrecke bestens entfalten kann. Und man trinkt mit ungeschminkten Lippen! Nur Unwissende laben sich am göttlichen Nektar mit Schminke auf dem Mund, denn sie verfälscht den Geschmack.
Ich verabrede mich trotz dieser Spielverderberregeln für den Nachmittag in der Bar des Berliner Ritz-Carlton. Schließlich will ich was erleben. Hier hat man mit 70 verschiedenen Marken und Abfüllungen die größte Auswahl der Hauptstadt und immerhin sieben offene Edelschäumchen auf der Karte. Meine Begleitung greift zu Moët & Chandon, ich finde das zu gewöhnlich. Moët nimmt jeder, dem nichts einfällt. Ich wähle zunächst einen Ruinart Blanc, dann einen Bollinger, den Lieblingsschampus der Queen. Es ist mir peinlich, es zuzugeben, aber ich muss sagen: Die Marke der alten Dame ist genau mein Ding. Feine, prickelnde Bläschen und eine leicht herbe Note, die entsteht, wenn der Wein lang auf der Hefe liegt, wie ich dank Romys Büchlein schlau behaupten kann.
Einfach mal ordentlich knallen lassen   Einfach mal ordentlich knallen lassen
An diesen Alltag kann man sich leicht gewöhnen
Nach zwei Queen-Drinks habe ich schön einen im Tee und wanke zu meiner nächsten Verabredung. Eine Freundin stellt ihr Buch vor. Sie führt eine Schauspielagentur, entsprechend prominent sind die Gäste. Die Location ist schick, die Getränke sprudeln weiter, und nach Mitternacht sage ich gern zu, mich von einem ihrer Freunde - "Garbor, Unternehmer, hat hundert Häuser in Berlin" - in mein Hotel fahren zu lassen. Sein Auto ist ein Mercedes irgendwas, klein, stark, schwarz, cognacfarbenes Leder. Die Straßen sind leer. "Schade, dass man jetzt nicht ein bisschen Gas geben kann", sage ich. "Ich könnte dir das Grundstück zeigen, das ich am Wannsee gekauft habe", schlägt Garbor vor, "da können wir auch etwas schneller fahren."
Wir düsen durchs Dunkel, dann stolpern wir durch das Gestrüpp seines Anwesens ans Ufer zu einer kleinen Marina. Der Mond ist fast voll und leuchtet die Kulisse aus: Die Boote schwanken leicht auf dem stillen Wasser, müde klackert das Tauwerk an den Masten. Wir laufen über den Steg, und wieder bedaure ich das Ende der Champagnerschale. Lässig in meiner Hand gehalten, würde sie die Szene vervollkommnen, hier nachts am See der Betuchten. Der Steg ist breit, aber einen Moment lang fürchte ich: nicht breit genug. Ich male mir die Pein aus, wie ich mitten in der Nacht ins Wasser falle, einfach so, vor einem Millionär mit seinem schönen Grundstück.
Als wir zurück durch die Berliner Nacht fahren, fühle ich mich wie im Film. Hat Romy recht, verändert Champagner wirklich etwas? Beim Aussteigen lädt mich Garbor zum Dinner am Montag ein. "Kleiner Kreis, nur 50 Leute, habe einen tollen Koch gebucht. Wäre schön, wenn du auch kommst." "Klar", sage ich. Und denke: Romy, du bist die Beste!
VORSICHT, GLAS!
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