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Merken   Drucken   07.12.2009, 16:00 Schriftgröße: AAA

Interview: "Viele Richistani sind Getriebene"

Interview Der Reporter Robert Frank beschäftigt sich beim "Wall Street Journal" ausschließlich mit den neuen Reichen und ihren Lebensformen. Ein Gespräch über Segen und Fluch des ganz großen Geldes. von Philipp Schwenke
how to spend it: Herr Frank, wie viel Geld braucht der Mensch, um reich zu sein?
Robert Frank: Mindestens 5 bis 10 Mio. $. Ein Mensch gilt als reich, wenn er von den Erträgen seines Vermögens leben kann, ohne dass es schrumpft.
htsi: Sie heften sich seit Jahren an die Fersen der Reichen und Superreichen, schreiben Artikel und Blogs über sie. Diesen Sommer ist Ihr Buch "Richistan" auf Deutsch erschienen, und Sie recherchieren für eine Fortsetzung mit dem Arbeitstitel "Richistan in der ­Krise". Wo liegt Richistan überhaupt?
Frank: Richistan ist überall - auch wenn mein Buch die USA fokussiert. Ich habe festgestellt, dass ein amerikanischer Megabörsianer mehr mit einem indischen Stahlkönig oder russischen Ölbaron gemein hat als mit seinen ärmeren Landsleuten. Richistani fahren die gleichen Autos, mögen dieselben Restaurants, dieselben Schulen für ihre Kinder. Sie haben sich eine eigene globale Kultur, ihr eigenes virtuelles Land erschaffen.
htsi: Was glauben Richistani denn, wie viel Geld man braucht, um auf der sicheren Seite zu sein?
Frank: Immer doppelt so viel, wie sie selbst besitzen. Das Muster habe ich bei wirklich allen festgestellt, egal ob sie 15 Mio. oder 15 Mrd. $ hatten.
htsi: Dann müssten sich jetzt viele ziemlich arm fühlen. Warren Buffett etwa hat durch die Finanzkrise 25 Mrd. $ verloren.
Frank: Viele haben Summen verloren, von denen die meisten Menschen nicht mal träumen. Ein Drittel der Wirtschaft in den USA bestand aus Finanzgeschäften, in Richistan sogar die Hälfte. Deshalb hat die Krise dort extra hart zugeschlagen. Sechs Jahre lang konnten die USA mehr Millionäre als Europa vorweisen, zum ersten Mal in der Geschichte. Jetzt führt Europa wieder, dank seiner konservativeren Ökonomie.
htsi: Kennen Sie Menschen, die es getroffen hat?
Frank: Oh ja. Tim Blixseth zum Beispiel. Er ist mit Holz- und Immobiliengeschäften reich geworden. Als ich ihn und seine Frau Edra auf ihrer Jacht in Kalifornien kennenlernte, besaßen sie 1,2 Mrd. $ und einen Ferienklub für Superreiche im Yellowstone-Park - das war während der Recherchen für mein Buch. Mittlerweile sind die beiden geschieden, ihr Yellowstone Club hat im Herbst 2008 Insolvenz angemeldet. Edra ist bankrott, sie hat nichts mehr. Bei Tim sind vielleicht noch 10, 20 Mio. $ übrig. Aber es ist nicht nur das Immobilien- und Finanzfiasko, das sie so gebeutelt hat.
htsi: Was denn noch?
Frank: Schulden. Trotz ihres Wohlstands liehen sie sich 375 Mio. $. Für Flugzeuge, Jachten, ein riesiges Anwesen mit einem 13-Loch-Golfplatz. Auch das ist ein Merkmal der Richistani. Die neuen Reichen haben das Geld rausgeschaufelt wie keine Generation zuvor. Die Größe der Jachten und Häuser, die Zahl der Flugzeuge - so etwas hat es vorher nicht gegeben.
htsi: Der gigantische Geldfluss weckt gigantische Begehrlichkeiten?
Frank: Ja, und das führt zu einem Phänomen, das ich das Oversized-Syndrom nenne. Ich kenne ein Ehepaar in Greenwich, Connecticut, das sich ein Haus mit mehr als 2500 Quadratmetern gebaut hatte. Sie zogen ein und fanden es furchtbar: Es sei, als wohnten sie allein in ­einem leeren Hotel. Ich war da. Es war unheimlich.
htsi: Sind sie wieder ausgezogen?
Frank: Ja, sie haben es direkt wieder zum Verkauf angeboten. Das ist typisch. Viele Richistani sind Getriebene, besessen von Plänen und Ideen. Sonst hätten sie es auch nicht so weit bringen können. Aber sobald ein Projekt fertig ist, verlieren sie das Interesse daran. Tom Perkins etwa, der Investor - er hat sich das größte Segelboot der Welt bauen lassen, den "Maltese Falcon". Es war gerade einen Monat im Wasser, da stand es schon zum Verkauf.

Teil 2: Es geht um den Zahltag, nicht um ein Lebenswerk

  • FTD.de, 07.12.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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