In den 80er-Jahren steht Stricken für die alternative Überzeugung. Atomkraftgegner tragen kratzige Norweger, die bei Regen nach Hund riechen; im Bundestag klappern Grünen-Abgeordnete mit Rauschebart und Schlabberpulli aus Protest mit den Nadeln; Nena-Fans verstricken Effektgarn zu Jäckchen mit Fledermausärmeln. Ein modischer Albtraum.
Inzwischen ist die Maschenmode erwachsen und textil therapiert. Weltweit entdecken junge Designer Angora und Zopfmuster wieder und machen daraus sogenannte Statement Knits, Gestricktes mit Stilbotschaft. Das Wollknäuel schwebt in höheren Sphären, aber anders als die krisengeplagte hohe Schneiderei nach Pariser Art sorgt es für klingelnde Kassen. "Die Masche ist auf dem Vormarsch. Ein Drittel des Gesamtumsatzes der Damenoberbekleidung wird mit Strick und Wirk erzielt", sagt Isabel Mühlbauer vom Fachmagazin "Textilwirtschaft". Und dabei zähle längst nicht mehr das adrette Twinset in Dunkelblau zu den Bestsellern.
Wolle lässt die Dinge erst entstehen
Nein, die Maschen von heute dürfen, sollen durch das spießige Raster fallen. Wie die Entwürfe von Kate und Laura Mulleavy. Die Schwestern aus Kalifornien, 30 und 29 Jahre alt, spinnen - am liebsten auf dem Boden sitzend - schiefe Wollnetze und fügen sie in Frankenstein-Manier mit Leder, Chiffon und Metallfolie zu den eindrucksvollsten Kleidercollagen (ab 25.000 Euro) zusammen, die derzeit über den Laufsteg getragen werden. Ihr Label Rodarte, benannt nach dem Mädchennamen der Mutter, ist einer der Hoffnungsträger der Branche. Hier lassen zwei Naturtalente ihren romantisch-morbiden Fantasien freien Lauf, ohne dass eine Marketingabteilung dazwischenquatscht. "Der Wollfaden ist eines der ältesten Materialien, das wir kennen. Die Gestaltungsmöglichkeiten sind unendlich, und wir können aus dem Nichts eigene Stoffe kreieren", erklärt Laura Mulleavy. Das sei etwas völlig anderes, als einen fertigen Stoff zu verarbeiten. "Die Wolle lässt die Dinge erst entstehen", sagt Kate.