Die ganze letzte Woche nahm ich Ritalin. Ich leide nicht an dem Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) und bin kein Zappelphilipp. Trotzdem bleibe ich manchmal nicht bei der Sache, an die ich mich erst mit viel Wenn und Aber mache. Ich streife durchs Büro, begutachte das Wachstum der Pflanzen oder büschele Unterlagen. Hänge mit benebeltem Kopf im Sessel und bin froh, wenn möglichst oft jemand den Kopf zur Tür reinstreckt. Anrufe nehme ich dankbar entgegen, ich checke alle halbe Minute die Mails, der Blick geht aufs Handy, von da raus zur Frau mit dem Hündchen auf dem Balkon vis-à-vis.
Ich könnte mich im Bewusstseinsstrom treiben lassen, den Kopf müde auf die Hand gestützt. Leider ist es aber nicht entspannend, so in Gedanken verhangen zu sein. Denn ich sollte Artikel fertigschreiben, habe Termindruck und fühle mich sehr ineffizient. Solche Tage, an denen man ein Flaneur in den eigenen Gedanken ist und auf halbem Weg zum Ziel auf der Strecke bleibt oder es nur auf mühsamen Umwegen erreicht, machen noch keine psychoaktiven Medikamente nötig. Im Grunde genommen. Der Leidensdruck, wenn man leisten sollte und nicht kann, mag von Person zu Person variieren. Für viele, die unter keiner diagnostizierten Störung leiden, fühlt es sich behindernd an: Dann greifen sie zu Stimulanzen wie Ritalin.
Immer mehr tun es, das besagen Umfragen und das zeigen die Verordnungsmengen von Ritalin, die sich in Deutschland innerhalb von neun Jahren verzehnfacht haben. Beliebt ist die pharmazeutische Aufrüstung der Gehirnleistung zunehmend bei Studenten, Ärzten, Forschern, viel reisenden Geschäftsleuten. Auch Mütter von hyperaktiven Kindern drücken manchmal eine kleine weiße Pille aus der Packung und sind dann überrascht, wie mühelos sie ihrem Kind bei den Schulaufgaben helfen können.
Sogenannte Smart Drugs, Medikamente, die klüger und wacher machen, sind vor einigen Jahren auf dem kulturellen Radar aufgetaucht. Ritalin ist nur eine Substanz unter anderen Neuropsychopharmaka, die zu nicht therapeutischen Zwecken verwendet oder deutlicher: missbraucht werden, um die Hirnleistung zu steigern. Im Fall von Ritalin stimuliert der Wirkstoff Methylphenidat jene Bereiche im Gehirn, die für die Aufmerksamkeitskontrolle und Wahrnehmung zuständig sind. Dadurch kann man sich besser konzentrieren, klarer denken, jeder Anflug von Müdigkeit ist verscheucht.
Wenn Ritalin ADHS-Patienten hilft, die leichte Ablenkbarkeit in Bahnen zu führen, das Herumhaspeln zu beenden, damit sie nicht mehr überall anstoßen und anecken, geht es gesunden Konsumenten um nichts anderes als: bessere Performance. Selbstoptimierung.
Hirndoping, das ist das Wort, das durch die Medien geistert. Der Reflex ist, wenn man davon hört: wie verwerflich, ungeheuerlich, abschreckend. Gleichzeitig strahlt das Wort Leistung, Kraft und Größe aus. Um mitreden zu können, habe ich mich entschlossen, mich in einem Versuch selbst zu dopen. Mein Gehirn soll so stark werden wie die Schenkel von Lance Armstrong; und zwar nicht durch hartes Training, sondern durch Neurochemie.