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Merken   Drucken   08.04.2011, 10:10 Schriftgröße: AAA

In bester Gesellschaft: "Die versifften Hippies hatten es gewusst"

Wer nie Taxi fährt, schlecht riecht und Bap hört, der durfte früher nicht auf die Sympathie unserer Kolumnistin hoffen. Dabei haben die Ökos auf dem Pausenhof Fukushima kommen sehen. Eine Verneigung vor den ehemaligen Mitschülern ohne Geld und Frisur. von Wäis Kiani 
Als ich 1981 nach einigen Jahren im Ausland nach Deutschland zurückkehrte, hatten sich die Jugendlichen meines Alters verändert. Merkwürdige neue Gruppierungen waren entstanden, scharf abgegrenzt von anderen. Bei meinem vorherigen Besuch 1979 war mir noch alles normal vorgekommen, aber dann, knapp zwei Jahre später, war ich verwirrt. Man musste sich entscheiden, zu welcher Gruppe man gehören wollte: Es gab die Popper, die Punks und wenig später die ersten New Waver.
Aber die größte Fraktion auf meinem Gymnasium waren die sogenannten Alternativen, von meinen Popperfreunden und mir als Müslifresser und linke Hippies bezeichnet. Die Alternativen hoben sich in erster Linie dadurch hervor, dass sie scheiße aussahen.
Illustration: Daniel Matzenbacher   Illustration: Daniel Matzenbacher
Sie trugen Latzhosen, verwaschene Sweatshirts, halb verweste Turnschuhe und lange Haare, egal ob Mädchen oder Junge. Sie rauchten Selbstgedrehte mit Tabak der Marke Drum oder Javaanse Jongens, die Mädchen mochten hennarote Mähnen, unrasierte Beine und schminkten sich nicht, die Jungs fuhren Opas klappriges Herrenrad aus dem Ersten Weltkrieg.
Diese Hippies waren immer pleite, sie fuhren nie Taxi, rochen nicht lecker, und sie mochten Bap. Eigentlich taten sie alles, was ich hasste. Ihr größter gemeinsamer Nenner war die Abscheu gegen Atomkraft, und ihre gelben Aufkleber waren allgegenwärtig: auf Latzhosen und vergilbten Secondhand-Lederjacken, auf Schultaschen, Heften, Fahrrädern.
Manchmal ging meine halbe Klasse auf eine Demo oder fuhr ins Atomkraftgegner-Zeltlager, wo sie bei Grillwurst über Gorleben diskutierte. Ich fand die Hippies abstoßend, und ihr Anti-Atomkraft-Getue nervte mich unendlich. Ich war 15 und wollte teure Klamotten, coole Uhren, ein blaues Mofa von Puch, ich wollte rote Marlboros rauchen und genug Kohle, um mir beim Schuleschwänzen einen schönen Tag in der City machen zu können.
Atomkraftgegner demonstrieren in Hamburg   Atomkraftgegner demonstrieren in Hamburg
Leute ohne Geld und ohne Frisur ödeten mich an, und deshalb langweilten mich auch ihre Belange. Ich suchte mir Freunde, denen es um Synthesizer-Musik aus England und die passende Ray-Ban Wayfarer ging und darum, wie man sich den Pullover richtig auf die Schultern legt. Sie sprachen über Cabrios statt über Atomkraftwerke und belästigten mich nicht mit hypothetischen Problemen. Ich hatte genug Probleme mit mir selbst und konnte keine AKW-Phobien gebrauchen.
Und an dieser Einstellung änderte sich genau 30 Jahre lang nicht viel - bis zum Wochenende in diesem März, als Japan von einem Erdbeben, einem Tsunami und von einer Atomkatastrophe heimgesucht wurde. Schlimmer als Tschernobyl, schlimmer als alles, was seit dem Krieg passiert war. Schlimmer als das, was die Menschen zunächst nur hinter vorgehaltener Hand flüsterten: Hiroshima.

Teil 2: "Die Angst der Maden im Speck"

  • Aus der FTD vom 08.04.2011
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