Der Kölner Hohenzollernring: Drogeriemärkte, Multiplex-Kinos, Sexshops. Nachkriegsbauten, die so aussehen, als wären die Fassaden mit Badezimmerkacheln verkleidet. Dazwischen eine Gründerzeitvilla, ein einsamer Solitär: das Taschen-Verlagshaus. In den Treppenaufgängen Skulpturen von Jeff Koons und Martin Kippenberger, in den Fluren Fotoprints von Andreas Gursky, der Aufenthaltsraum ist mit einem Bodenmosaik von Albert Oehlen gefliest. Eine Art Kölner Dom für die Kunst, im zweiten Stock das Allerheiligste: Hier empfängt der Chef. Ein Vorgesetzter, dessen Name den Mitarbeitern nur selten über die Lippen kommt. Benedikt Taschen, das ist einfach nur ER. Großes E, großes R. Und ER hat jetzt ein Stündchen Zeit.
How to spend it: Ihre Sammlerstücke, die hier im Verlagsgebäude hängen, sind allesamt sehr dekorativ ...
Benedikt Taschen: Dekorativ? Das würde ich überhaupt nicht so bezeichnen.
Taschen guckt irritiert, der Gesichtsausdruck seines Hundes auf dem Ledersofa neben ihm ist schwer zu deuten. Ein French Bulldog mit dem Namen Soucis, der aber von allen Susi genannt wird. Susi knurrt und schnauft leise.
htsi: Was haben Sie gegen den Begriff?
Taschen: Das klingt, als sei ein Bild ein Einrichtungsgegenstand. Dann hätte es ja nur einen illustrativen Charakter. Aber wenn Sie es so meinen: Ich habe von allen Kunstformen die Malerei immer am meisten geschätzt, später kam dann die Fotografie dazu. Mit Richtungen wie Konzept- und Videokunst kann ich dagegen weniger anfangen.
htsi: Welchen Stellenwert hat Kunst für Sie?
Taschen: Sie lädt mich über einen langen Zeitraum mit positiver Energie auf, sie ist für mich wie eine Batterie, wie ein Akku. Ich werde es nie leid, meine Kunstwerke um mich zu haben, auch nicht, wenn ich sie schon lange besitze.
Der 45-Jährige ist ein Sammler. Kunst seine Obsession. Um das Ausmaß dieser Liebhaberei zu erahnen, muss man nur durch das Haus wandern: riesige Gemälde, Landschaftsaufnahmen von Thomas Struth als Fototapeten, ein mächtiger Kristalllüster von Jeff Koons. Dabei hatte alles ganz klein angefangen: mit einem Comic-Laden in Köln. Mit 18 fuhr Taschen kreuz und quer durch Deutschland, um in den Kellern und Speichern fremder Leute alte Comic-Ausgaben aufzutreiben. Bald tourte er durch ganz Europa, jagte Raritäten, mit denen er die Konkurrenz ausstechen konnte. Schon damals war klar: Dieser Mann macht keine halben Sachen. Heute erinnert nur noch der bronzene Donald-Duck-Knauf an der Eingangstür an diese Zeit. Taschen besitzt kein einziges Comic-Heft mehr. Dafür umso mehr große Bilder.
htsi: Wird es nicht langsam eng an Ihren Wänden?
Taschen: Wenn man Kunst sammelt, will man sie auch um sich haben. Ich mag großformatige Werke, und in gewisser Hinsicht müssen die natürlich zu den Räumen passen. Aber das lässt sich ja einrichten, allein hier im Verlag ist viel Platz.
htsi: Wie wohnt es sich denn so mit wertvollen Gemälden? Striktes Rauchverbot, gedimmtes Licht, Feuchtigkeitsmessgeräte in den Ecken?
Taschen: Nichts dergleichen, das ist doch kein Museum. Ich lebe und arbeite mit der Kunst, die mich umgibt, im Verlag und ebenso zu Hause.
htsi: Was, wenn ein Neuerwerb nicht zur Einrichtung passt?
Taschen: Das wäre so ziemlich das abwegigste Kriterium, das ich beim Kauf eines Kunstwerks anlegen könnte: ob es zum Sofa passt.
htsi: Sondern?
Taschen: Ob ich den Künstler schätze und welche Werke ich für seine wichtigsten halte. Ich habe nie enzyklopädisch gesammelt, also eine bestimmte Generation oder Richtung. Stattdessen habe ich mich ausnahmslos für einzelne Künstler entschieden, die für eine ganz bestimmte Zeit stehen.
Taschen bevorzugt Künstler, die provozieren, Grenzen überschreiten. Einer seiner Favoriten ist Martin Kippenberger, der mit Jörg Schlick, Albert Oehlen und Wolfgang Bauer der "Lord Jim Loge" angehörte. Das Motto der Künstlervereinigung: "Keiner hilft keinem".
htsi: Kippenberger ist zum Beispiel so ein Meilenstein. Das haben Sie ziemlich früh gemerkt.
Taschen: Ja, Kippenberger sammle ich schon seit 1985. Damals hat sich kaum jemand für ihn interessiert. Richtig berühmt wurde er erst nach seinem Tod, also nach 1997.
htsi: Womit hat er Sie überzeugt?
Taschen: Menschen wie Kippenberger, extreme Menschen, gehen ihren eigenen Weg, weil sie gar nicht anders können. Ein Stück weit kann ich mich darin wieder finden.
Susi wühlt sich in eine Ritze zwischen den Lederpolstern, legt ihre Schnauze in die Pfoten und äugt mit gerunzelter Stirn zu Taschen hoch.
htsi: Und wie wichtig ist Ihnen der Marktwert eines Künstlers? Oder zählt nur die Ästhetik?
Taschen: Im Idealfall kommt das eine mit dem anderen zusammen. Das muss man langfristig betrachten. Es dauert zehn, oft sogar 20, 30 Jahre oder länger, bis Kunst in die Kunstgeschichte eingeht und man mit Gewissheit sagen kann, was überdauert und was nicht. Aber ich würde nie etwas kaufen, nur weil ich es für eine gute Investition halte. Obwohl sich die meisten Künstler, die ich interessant finde, auch auf dem Markt gut entwickelt haben.
htsi: Wenn sich ein bedeutender Sammler wie Sie eines Künstlers annimmt, dann steigt dessen Marktwert doch fast automatisch ...
Taschen: Ich glaube, jeder aus meiner Sammlung hätte ohne mein Zutun die gleiche Karriere gemacht. Vielleicht hätte es im einen oder anderen Fall länger gedauert, aber durchgesetzt hätten die sich alle. Ich habe mich auch nie als Mäzen gefühlt. Das Wort suggeriert ja, dass der Geldgeber dem Künstler etwas Gutes tut. Dabei ist es umgekehrt: Künstler geben uns mehr als wir ihnen, grundsätzlich.
htsi: Denken Sie an jemand Bestimmtes?
Taschen: Nein, ich mag zwar immer besonders gern, was ich gerade neu habe, aber es gibt auch Bilder, über die ich mich jedes Mal wieder freue. Zum Beispiel das da drüben von Jeff Koons: "Pot Rack".
Benedikt Taschen zeigt auf ein riesiges, poppiges Gemälde an der Wand. Eine Art Pin-up-Girl liegt mit angezogenen Beinen auf dem Rücken, halb verdeckt von einem frei schwebenden Regal, an dem Töpfe und eine Bratpfanne hängen. Taschens Blick ist schon auffallend oft zu dem Bild gewandert. Liest er seine Sätze irgendwo zwischen Küchenutensilien und Frauenschenkeln ab?
htsi: Sie besitzen Häuser in Köln und Los Angeles. Mit welchem Einrichtungsstil konfrontieren Sie Ihre Kunstwerke?
Taschen: Less is more. Also: konzentriert, pur, aufgeräumt. Alles, was ich nicht brauche, versuche ich zu vermeiden. Ich mag keine voll gemüllten Räume.
htsi: Konsultieren Sie einen Innenarchitekten? Oder einen Berater, der Ihnen hilft, den optimalen Platz für jedes Sammlerstück zu suchen?
Taschen: Nein, das entscheide ich selbst. Was natürlich nicht heißt, dass ich nie andere nach ihrer Meinung fragen würde.
htsi: Wenn Sie zum ersten Mal in eine fremde Wohnung kommen - achten Sie dann besonders darauf, was dort an den Wänden hängt?
Taschen: Ja, absolut. Ich bin ja ein visueller Typ. Außerdem schaue ich mir sehr genau an, was derjenige liest. Jede Einzelheit, mit der ein Mensch sich umgibt, ist ein Puzzleteil, das mir Aufschluss gibt über seine Persönlichkeit, egal ob Bilder, Bücher oder Kleidung. Ich würde nicht sagen, dass ein Mensch dadurch gläsern wird. Aber doch durchschaubarer.
Jeans, Lederslipper, grauer V-Pulli: Benedikt Taschen wirkt wie ein englischer Geschäftsmann im Freizeitdress. Perserteppich, Ledersofa, sechs Meter hohe Büroräume, Parkettböden: Hang zur eleganten Großbürgerlichkeit. Die Koons-Frau an der Wand, neben dem Schreibtisch der "Big Nudes"-Bildband von Helmut Newton auf einem Lesepult: sinnlicher Typ. Aber wofür steht dieser massige kleine Hund mit platter Schnauze und Hängebäckchen?
htsi: Und, wie lautet Ihr Urteil - treffen Sie mehr Leute mit gutem oder mit schlechtem Stil?
Taschen: Wissen Sie, große Künstler gibt es nicht wie Sand am Meer, und selbst die bringen nicht ständig Spitzenwerke hervor. Und genauso ist das auch mit anderen Menschen - es gibt nicht viele mit gutem Geschmack. Und noch weniger mit außerordentlich gutem Geschmack. Die meisten umgeben sich lieber mit Dingen, die sehr abgesichert sind, von denen sie wissen: Diese Möbel, diese Bilder gelten allgemein als schön, als akzeptabel. Solche Menschen geben sich weniger Blößen. Aber sie wagen auch nichts. Das ist bedauerlich.
htsi: Ich bin also feige, wenn ich mir einen Corbusier-Sessel ins Wohnzimmer stelle?
Taschen: Grundsätzlich würde ich sagen: Design ist keine Kunst, sondern erfüllt in erster Linie einen Zweck. Aber manche Designer, zum Beispiel Eero Saarinen oder Charles Eames, würde ich von dieser Definition ausnehmen. Das heißt nicht, dass alle ihre Entwürfe automatisch Kunst sind, aber einzelne Stücke halte ich für sehr bedeutend.
htsi: Was unterscheidet denn einen Eames-Chair vom Corbusier-Sessel?
Taschen: Von diesen bekannten Ikonen spreche ich ja gerade nicht. Eher von Vintage-Stücken, Erstentwürfen, die oft völlig anders aussehen als das, was später in Serie gegangen ist. Das ist ein Unterschied wie zwischen einem Fotodruck auf Fotopapier und einem Papierausdruck am Computer.
htsi: Aber generell gilt: Kunst hat zweckfrei zu sein?
Taschen: Vor 20 Jahren war der romantische Gedanke, dass Kunst und Kommerz sich gegenseitig ausschließen, noch sehr verbreitet. Heute würde ich das nicht mehr so radikal sehen. Dass Picasso ein Porträt von Gertrude Stein gemalt und dafür 200 Francs bekommen hat, quittieren wir ja heute auch nicht mehr mit dem Satz: Das Bild ist bloß eine Auftragsarbeit und deshalb weniger bedeutsam.
htsi: Bekommt eigentlich jeder Künstler, dessen Werke Sie sammeln, auch sein eigenes Buch im Taschen-Verlag?
Taschen: Die meisten jedenfalls. Letztlich ist es genau die gleiche Leidenschaft, die mich zum Büchermachen und zum Kunstkauf treibt. Ich könnte auch kein Buch machen, von dem ich nicht überzeugt bin.
Taschens Verlagsprogramm ist unberechenbar. Er hat die Pornofotografen Roy Stuart und Terry Richardson verlegt, aber auch ein Faksimile der Luther-Bibel und einen 34 Kilo schweren Bildband über Muhammad Ali zum Preis von 3000 Euro. Angeblich verkauft sich weltweit alle zwei Sekunden ein Taschen-Buch.
htsi: Haben Sie jemals ein Projekt abgelehnt, das kommerziell hätte erfolgreich sein können, weil Sie den Künstler nicht mochten?
Taschen: Das tun wir jeden Tag. Wir können ja nur eine gewisse Anzahl von Titeln verlegen und beschränken uns auf das, was uns wichtig ist. Alles andere ist verschenkte Zeit und Energie. Aber nehmen Sie jemanden wie Elmer Batters, der vor allem als "Fußfetischist" bekannt geworden ist. Ich finde, das war ein ganz großer Fotograf.
htsi: Auf seinen Bildern halten Menschen ihre Füße in die Kamera ...
Taschen: Er hat sich eben auf einen besonderen Ausschnitt der Welt spezialisiert. Na und? Raymond Chandler hat auch nur Detektivromane geschrieben.
htsi: Wie wichtig sind Ihnen Bücher, um sich in Ihren vier Wänden wohl zu fühlen?
Taschen: Bücher machen jeden Raum wohnlich, aber das ist nicht das Entscheidende. Ich sehe sie nicht als Einrichtungsgegenstände, genauso wenig wie Kunst. Für mich sind Bücher eher wie Wasser oder Tee oder Bier, absolut lebensnotwendig. Ein erweitertes Gedächtnis, Screenshots der Wirklichkeit, auf die ich jederzeit zugreifen kann.
htsi: Was lesen Sie gerade?
Taschen: Ganz unterschiedliche Dinge, zurzeit die Mao-Biografie von Jung Chang und einen Band mit Kurzgeschichten über verschiedene Künstler.
Susi ist mittlerweile etwa zehn Zentimeter tief in ihre Sofaritze gesackt. Scheint durch die Ohren zu atmen. Sonst müsste sie eigentlich schon erstickt sein.
htsi: Verzichten Sie manchmal auf ein Bild, das Sie interessiert, weil Ihnen der Preis zu hoch erscheint?
Taschen: Nein. Nicht, wenn ich das Werk wirklich will. Ich habe mich auch nie danach gerichtet, was ein vergleichbarer Marktpreis ist, sondern eher das Doppelte oder mehr gezahlt.
htsi: Wieso denn das?
Taschen: Weil das Bild es wert war.
htsi: Kunstwerke sind also eher zu billig als zu teuer?
Taschen: Oft, aber nicht generell. Es gibt derzeit auch eine ganze Reihe von Künstlern, die in Anbetracht ihres Alters und dessen, was sie leisten, völlig überbewertet sind.
htsi: Lassen Sie mich raten. Sprechen Sie von Künstlern der "Leipziger Schule"? Die Werke von Neo Rauch und Tim Eitel sind ja international bei Sammlern sehr beliebt.
Taschen: Ja, die Leipziger halte ich tatsächlich für überschätzt. Nach meinem Ermessen sind sie relativ belanglos. Andere junge Maler interessieren mich viel stärker, zum Beispiel der Stuttgarter André Butzer, der in Berlin lebt.
André Butzer - das sind quietschbunte Bilder, auf denen es von Geisterfratzen und Halloween-Kürbisgesichtern wimmelt. Noch nicht bei Taschen erschienen. Ist wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit.
htsi: Kennen Sie jeden Künstler, von dem Sie Werke besitzen, persönlich?
Taschen: Ja. Und an den Kunstwerken hängen zum Teil sehr persönliche Erinnerungen. Manche Bilder habe ich schon in halb fertigem Zustand im Atelier gesehen, bei anderen musste ich 10, 15 Jahre warten, um sie zu bekommen. Tod, Scheidung oder Bankrott - das sind ja die häufigsten Gründe, aus denen Bilder ihren Besitzer wechseln. Man braucht einen langen Atem.
Susi wacht auf und quillt aus der Sofaritze empor. Sie schlittert übers Parkett in Richtung Tür, hat es plötzlich eilig. Benedikt Taschen auch. Ohne auf die Uhr zu schauen, beendet er freundlich die Audienz und strebt ebenfalls dem Ausgang zu. Bestimmt weiß er aus Erfahrung, wann eine Stunde abgelaufen ist. Aber woher weiß es Susi?